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An ihrer Seite

Mit Sarah Polley meldet sich eine neue Stimme im kanadischen Autorenkino.

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Im Alter von vier Jahren stand Sarah Polley erstmals vor der Kamera. Ihren internationalen Durchbruch schaffte die kanadische Schauspielerin, gerade einmal achtzehnjährig, mit Atom Egoyans Das süße Jenseits (The Sweet Hereafter, 1997). Bis auf wenige Ausnahmen verweigerte sie sich danach den Vereinnahmungsversuchen durch das Mainstreamkino, um stattdessen im Independent-Bereich mit Filmemachern wie Isabel Coixet (Das geheime Leben der Worte, The Secret Life of Words, 2005), Wim Wenders (Don’t Come Knocking, 2005), Michael Winterbottom oder Hal Hartley zu arbeiten. Ihre Auswahl von Projekten demonstrierte zumeist den Willen, künstlerisch ambitionierte Filme zu machen, selbst wenn diese an der Kasse floppen sollten. Jetzt gibt die eigenwillige Darstellerin ihren Einstand als Regisseurin – und auch als Filmemacherin schreckt sie nicht vor unpopulären Entscheidungen zurück: ihr Kinodebüt An ihrer Seite (Away from Her) ist einer der wenigen kompromisslosen Beiträge zum Thema Alzheimer.

Basierend auf Alice Munros Kurzgeschichte The Bear Came Over the Mountain (2000), die Polley selbst für die Leinwand adaptierte, erzählt der Film von den Mitsechzigern Fiona (Julie Christie) und Grant (Gordon Pinsent), einem alten Ehepaar, das seit vierundvierzig Jahren verheiratet ist. Fiona leidet an der Alzheimer-Krankheit, die langsam, aber unaufhörlich ihre Erinnerung auslöscht und das Zusammenleben der beiden Partner bald unmöglich macht. Nachdem Grant seine Frau in eine Pflegeanstalt einliefern muss, vergrößert sich die Kluft zwischen ihnen. Fiona vergisst ihren Mann ebenso wie die gemeinsame Vergangenheit und wendet sich in geistiger Isolation nur noch Aubrey (Michael Murphy), einem ihrer Mitpatienten, zu.

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Polleys Film schildert den schmerzlichen Prozess der Demenz-Erkrankung aus der Perspektive Grants, des zurückbleibenden Ehemanns, der mit dem allmählichen Verlustgehen seiner Ehefrau zurechtkommen muss. Er erzählt weniger von der Hilflosigkeit der betroffenen Kranken, sondern von der Ohnmacht des Angehörigen, dem nichts anderes übrig bleibt als zuzuschauen wie ein geliebter Mensch vor seinen Augen Stück für Stück verschwindet. Er handelt von der Notwendigkeit, loslassen zu können und sein Schicksal anzunehmen. Erst als Grant fähig ist, den Unwägbarkeiten des Lebens mit Demut, Gelassenheit und Aufopferung zu begegnen – also ironischerweise auch einen Prozess der Selbstvergessenheit betreibt – kann er sich an die Situation adaptieren.

An ihrer Seite ist ein kitschfreies Melodram über die Liebe im Alter. Liebe im Kino, oder in den Medien generell, bleibt viel zu oft der Jugend vorbehalten und beschränkt sich meist auf eine bestimmte, romantische Vorstellung von Liebe, nämlich die Phase der ersten Verliebtheit. Polleys Film aber fragt, wie Liebe nach einem gelebten Leben aussieht, nachdem einen Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen und weit entfernt haben von jenem romantischen Ideal, das Hollywood, wie überhaupt ein Großteil unserer westlichen Kultur, immer wieder als scheinbar einzige Form von Liebe zelebriert.

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Wenn Schauspieler in den Regiestuhl wechseln, neigen sie nicht selten dazu, die Ebene des Schauspiels zu fixieren und andere filmische Gestaltungsmittel zu vernachlässigen. Anders Polley. Zwar nimmt das Spiel der glänzend agierenden Hauptdarsteller Pinsent und Christie eine tragende Rolle ein, doch kann man darüber hinaus eine schlüssige ästhetische Konzeption erkennen. Poetische Bilder von Einsamkeit, Isolation und Abschied: Menschen, die in der Weite einer Schneelandschaft verloren gehen oder von Korridoren verschluckt werden; Türen, die sich schließen; und überall das Weiß, das in die Farben fließt – der Schnee, das gleißende Licht im Sanatorium, die Weißblenden. Auslöschung überall.

Das Thema von Gedächtnis und Erinnerung wird durch die Montageform reflektiert, wenn die Regisseurin gekonnt mit unterschiedlichen Zeitebenen jongliert. Gegenwart und Vergangenheit greifen untrennbar ineinander. Das Leben als ein Kaleidoskop verschiedener Zeiten. Das Hier und Jetzt ist auch das Gestern. An ihrer Seite zeigt, wie die Identität eines Menschen sich erst durch Bruchstücke seiner Erinnerung konstituiert – und wie sich diese im Umkehrschluss durch Gedächtnisverlust auflöst.

Polley erzählt ihren Film in einem kontemplativen Rhythmus, darin erinnernd an das Werk Atom Egoyans, der hier als ausführender Produzent fungierte und den die junge Regisseurin selbst als ihren Mentoren bezeichnet. Eine stoische und gleichzeitig sanfte Ruhe geht von ihrem Erstlingswerk aus, eine leise Ballade über die Erinnerung und das Vergessen, die Liebe und die Vereinsamung im Alter. An ihrer Seite ist ein erstaunlich reifes Kinodebüt der erst 28-jährigen Sarah Polley.

Kritik von Welf Lindner

Fotos: © Majestic

Veröffentlicht am 08.12.2007



Film-Angaben:

Titel: An ihrer Seite (Away from Her)
Kanada 2006
Laufzeit: 109 Minuten

Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley
Produktion: Daniel Iron, Simone Urdl, Jennifer Weiss
Darsteller: Julie Christie, Gordon Pinsent, Michael Murphy, Olympia Dukakis, Kristen Thomson

Kinostart: 06.12.2007



DVD-Angaben:

Titel: An ihrer Seite
Vertrieb: Ascot Elite
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 110 Minuten

Extras: Kein Bonusmaterial

Verleih ab: 01.04.2008
Verkauf ab: 17.04.2008





 




Kommentare

 

Martin Z. aus Höchberg

Montag, 04-01-10 17:29

Der deutsche Titel und der des Originals verdeutlichen die ganze Bandbreite der Problematik mit Alzheimerpatienten. Je nach Blickwinkel will man ’an der Seite’ des geliebten Menschen bleiben und ist doch genau genommen ’ewig weit weg von ihm’, weil er gedanklich in einer anderen Welt lebt. Es ist ein beachtenswertes Regiedebüt von Sarah Polley, die wir bis dato nur als tolle Schauspielerin mehr ...

 

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