XXY

In ihrem mehrfach preisgekrönten Debütfilm erzählt die argentinische Regisseurin Lucia Puenzo mit den Mitteln des Coming-of-Age-Films und eines Familiendramas von der Identitätssuche der intersexuellen Alex.

XXY

Was mit dem Begriff der Intersexualität gemeint ist, lässt sich nicht einheitlich definieren, denn der Begriff beschreibt unterschiedliche medizinische Phänomene mit teilweise höchst verschiedenen Ursachen. Neben Phänomenen wie dem Klinefelter-Syndrom, das bei einem veränderten Geschlechtschromosomensatz auftritt, bezeichnet man damit zum Beispiel auch Hormonstörungen wie das Adrenogenitale Syndrom (AGS).

Nachdem Intersexuelle in der Vergangenheit entweder einer „Normalisierung“ – einer operativen Anpassung der Geschlechtsorgane an die gesellschaftliche Norm – unterzogen wurden oder als Jahrmarktsattraktion galten, schlagen seit einigen Jahren mit zahlreichen Dokumentationen sowie etwa dem Bestseller Middlesex (2002) andere Töne an. Mit XXY, dem Regiedebüt der Argentinierin Lucía Puenzo, kommt nun auch ein mehrfach preisgekrönter Spielfilm in die deutschen Kinos, der dieses Thema aufgreift. Intersexualität wird hier weder auf plump schockierende, noch auf übertrieben moralische Weise behandelt. XXY hat zwar den Anspruch, sein Publikum zu informieren, ordnet diesen aber einer Coming-of-Age-Geschichte über das sexuelle Experimentieren zweier Jugendlicher unter. Vor der Kulisse eines abgeschiedenen Küstendorfs führt Puenzo ihren Zuschauer in die geheimnisvolle, somnambule Welt ihrer Protagonistin ein.

XXY

Im Gegensatz zu den meisten Menschen mit AGS wurden bei der fünfzehnjährigen Alex (Inés Efron) die Geschlechtsorgane nach der Geburt nicht „normalisiert“. Um dem Gerede der Leute zu entgehen, hat sie sich mit ihrer Familie nach Uruguay zurückgezogen. Ihre Mutter spielt mit dem Gedanken, Alex noch operieren zu lassen und lädt den befreundeten Chirurgen Ramiro (Germán Palacios) mit seiner Frau und seinem Sohn Alvaro (Martín Piroyansky) in ihr Haus ein. Während die Eltern versuchen, sich zu einer Entscheidung durchzuringen, kommt es zwischen Alex und Alvaro zu ersten Annäherungen.

Puenzo vermeidet eine Pathologisierung ihrer Hauptfigur, indem sie ungezwungen mit deren Sexualität umgeht. Alex spricht ihre Begierden von Anfang an selbstbewusst aus. Wenn sie ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigt, zeigt der Film das auf geradezu beiläufige Weise. Zunächst ist das noch nichts Besonderes, weil die Hauptfigur nicht als „anders“ erkenntlich ist. Alex wird von einer gut aussehenden Schauspielerin verkörpert, die sich, abgesehen von einigen männlichen Attributen wie ihrer Kleidung oder ihrem forschen, ungezügelten Naturell, nur unwesentlich von ihren Geschlechtsgenossinnen unterscheidet. Das woran sich die Andersartigkeit von Alex am stärksten manifestiert, ist ihr Penis; der Film verzichtet aber darauf, etwa im Gegensatz zu Transamerica (2005), diesen auch zu zeigen. Dafür gelingt es Puenzo einen subtileren Weg zu finden, das Abweichende der Figur zu verdeutlichen. So sieht man Alex, wie sie gemeinsam mit ihrem Kumpel Vando (Luciano Martín Nóbile) im Stehen pinkelt oder wie sie Alvaro beim Sex penetriert.

XXY

Neben der spezifischen Darstellung von Alex’ ersten sexuellen Erfahrungen, stellt sich XXY aber auch den Anspruch, einen allgemeinen Diskurs über den Umgang mit Intersexuellen loszutreten. Wenn Puenzo verschiedene Standpunkte und Hintergrundinformationen in die Handlung einfügt, folgt der Film einer argumentativen Linie, an dessen Ende Alex’ Entscheidung für ihr weiteres Leben steht. An einigen Stellen, etwa wenn Alex’ Vater (Ricardo Darin) sich mit einem intersexuellen Tankwart trifft, der sich einer Operation unterzogen hat, geht der Film etwas belehrend mit seiner Thematik um, ohne jedoch konkrete Informationen zu liefern. Dass der Film nicht zum bloßen Träger einer humanistischen Botschaft wird, verhindert die prägnante filmische Sprache. Mit atmosphärischen, von Hell-Dunkel-Kontrasten bestimmten Bildern, die immer nah an den Figuren dran sind, entwickelt der Film eine langsame Sogwirkung.

XXY erzählt nicht ausschließlich die Geschichte einer Intersexuellen, sondern auch die ihrer Familie. Bei all den streitenden und versöhnenden Charakteren im Film wird schnell klar, wie sehr Puenzo an zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert ist. Die meiste Zeit wird der für diese Situation nötige Rückhalt der Eltern idealisiert, bei der Charakterisierung der beiden unterschiedlichen Väter zeichnet sich zudem eine deutliche Wertung der verschiedenen Positionen zum Umgang mit Intersexualität ab. Im Gegensatz zu Alex’ stets unterstützendem und verständnisvollen Vater, der als Meeresbiologe bedrohte Arten beschützt, vertritt der zynische und arrogante Ramiro, der den eigenen Sohn wegen seiner „Unmännlichkeit“ verachtet, eine Angleichung von Alex und somit eine Operation, die einer Kastration gleichkäme.

Selbst solche etwas polemischen Argumentationen reduzieren XXY nicht zu einem bloßen Appell an die Toleranz seiner Zuseher. Schließlich verbirgt sich hinter dieser Botschaft immer noch ein beeindruckend fotografierter und mit großem Einfühlungsvermögen inszenierter Film.

Kommentare


Jo Hart

"Was mit dem Begriff der Intersexualität gemeint ist, ... man damit zum Beispiel auch Hormonstörungen wie das Adrenogenitale Syndrom (AGS). ... Im Gegensatz zu den meisten Menschen mit AGS wurden bei der fünfzehnjährigen Alex (Inés Efron) die Geschlechtsorgane nach der Geburt nicht „normalisiert“."

An solchem Unsinn krankt auch der Film: Es wird bunt durschmischt, was nichts miteinander zu tun hat. Weder gilt AGS als "Intersexualität" noch werden betroffene Kinder operiert. AGS ist eine schwerwiegende erbliche Hormonstöhrung (ohne jede Spur von "Zweigeschlechtlichkeit"), die -- wenn sie erkannt wird -- sehr einfach mit Hormongabe (symptomatisch) behandelt werden kann und wird. Alles andere ist auch Irrsinn, denn nicht die "äußeren Veränderungen" (etwa Klitorisvergrößerung bei Mädchen bzw. Frauen) sind das wesentliche Problem sondern z.B. Unfruchtbarkeit oder, je nach Verlaufsform, gar lebensbedrohlicher Natriummangel. Bei der ohnehin notwendigen Hormongabe verschwinden auch die "äußeren Merkmale".


Andrea Engelken

Aus aktuellem Anlass - Richtigstellung zum Film XXY

Lieber Besucher unserer Homepage,

vielleicht haben Sie den Weg auf diese Seite gefunden, als sie nach Informationen zum Film „XXY“ der argentinischen Regisseurin Lucía Puenzo suchten, der am 26.6.2008 in vielen Deutschen Kinos startete.

Wir haben festgestellt, dass beim Publikum durch den Film, seinen unglücklich gewählten Titel und seine Darstellung in der Presse ein völlig falsches Bild entsteht.

Etliche Redakteure schreiben sinngemäß, dass Alex, die Hauptperson des Films, zwischengeschlechtlich geboren wurde, also männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale hat, weil sie einen abweichenden Chromosomensatz von XXY habe, aber genau dies ist nicht der Fall!

Alex ist genetisch eine Frau mit normalem Chromosomensatz 46,XX. Sie ist von dem Andro-Genitalen-Syndrom, AGS betroffen. Die Ursache dafür ist eine angeborene Funktionsstörung der Nebennierenrinde und keine Chromosomen-Anomalie.

Frau Puenzo hat nach eigenen Angaben ihren Filmtitel „XXY“ nur als Metapher für das Leben zwischen den Geschlechtern gewählt, ohne damit den Chromosomensatz XXY zu meinen.

Tatsächlich gibt es die Chromosomenverteilung 47,XXY, das so genannte Klinefelter-Syndrom. Aber dieses Syndrom führt nie zu uneindeutig ausgeprägten Geschlechtsorganen. Die betroffenen Menschen werden zweifelsfrei als Jungen geboren. Bei ihnen wurde oder wird keine Angleichung der Genitalien in welcher Form auch immer durchgeführt!

Etwa jeder 600ste bis 1000ste Mann ist Träger dieser Chromosomenanomalie. In Deutschland leben etwa 80.000 KS-Träger, aber nur die wenigsten wissen davon. Nur etwa 6000 erhielten irgendwann im Laufe ihres Lebens die Diagnose Klinefelter-Syndrom. Das bedeutet in über 90% der Fälle führen die Betroffenen ein oft ganz unauffälliges Leben als Mann.

Nach aktueller Einschätzung gilt das Klinefelter-Syndrom an sich weder als Behinderung, noch als Krankheit. Trotzdem ist es eine medizinische Indikation, die einen legalen Schwangerschaftsabbruch erlaubt, da es sich um eine Trisomie handelt.

Eigentlich ist eine Trisomie eine gravierende Chromosomenabweichung. Dem muss man aber die Realität gegenüberstellen: Das Klinefelter-Syndrom steht einem selbst bestimmten Leben als Mann in den meisten Fällen in keiner Weise entgegen!

Die sachlich falschen Besprechungen des Films „XXY“ könnten dazu beitragen, dass sich werdende Eltern eines Klinefelter-Kindes grundlos zu diesem fatalen Schritt entschließen!

Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass es ganz ohne Auswirkung auf das Leben der Betroffenen wäre: Das zusätzliche X- Chromosom beeinflusst die Entwicklung der männlichen Keimdrüsen negativ, die Hoden bleiben klein und produzieren das männlichen Sexualhormon Testosteron nur unzureichend.

Dieser Testosteronmangel ist die eigentliche Ursache für eine Reihe von Beschwerden und Spätfolgen, die auftreten können, aber keineswegs müssen:

Die Pubertät vollzieht sich nur verzögert oder unvollständig und damit die Vermännlichung. Knochen und Muskelaufbau und damit die körperliche Leistungsfähigkeit sind vermindert, im Lauf des Lebens entwickelt sich daraus häufig eine Osteoporose.

Es kann sich eine Gynäkomastie, eine der weiblichen ähnliche Brustform entwickeln. Diese hat aber nichts mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen im Sinne eines „Hermaphroditen“ zu tun.

Libido und Potenz können vermindert sein

Fast alle Klinefelter-Betroffenen haben eine stark eingeschränkte oder gar keine Spermienproduktion, bleiben daher auf natürlichem Weg kinderlos.

Bis auf diesen letzten Punkt lassen sich die anderen Probleme durch die medikamentöse Gabe von Testosteron ganz beheben, oder deutlich vermindern. Auch die Auswirkungen auf die Psyche, wie häufige Müdigkeit, Antriebsarmut und Kontaktschwäche verbessern sich entscheidend.

Für ein optimales Ergebnis ist es wichtig, dass die Betroffenen frühzeitig erkannt und dann ausreichend mit Testosteron behandelt werden können.

Dafür setzt sich bundesweit die Deutsche Klinefelter Syndrom Vereinigung e.V. ein.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema wissen möchten, lesen Sie weiter auf unserer umfangreichen Homepage (http://www.klinefelter.de) oder wenden Sie sich an unser kostenloses Info-Telefon 0700-999 47 999.


kira92

der film isch echt toll und zeigt en fall der villeicht ed oft vorkommt isch aber deswege um so besser^^






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