Welcome to New York

Intensiv, ausgenüchtert, ganz und gar eigensinnig … und vielleicht außerdem antisemitisch? Abel Ferrara hat die Strauss-Kahn-Affäre verfilmt.

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In New York befindet sich der Politiker Devereaux (Gérard Depardieu) von Anfang an, genauer gesagt hat er eine Suite eines New Yorker Hotels (ein tolles Hotel, mit düster leuchtenden Gängen) bezogen, wo er von zwei jüngeren Männern mit Alkohol, Essen und vor allem Prostituierten versorgt wird; und wo er außerdem, nach zwei ausführlichen Sexszenen und einem Gelage, dessen Höhepunkt darin besteht, dass die Frauen mit Champagner und anderen Flüssigkeiten übergossen werden, ein Zimmermädchen mit routinierter Brutalität zum Oralverkehr nötigt. Der titelgebende Schriftzug „Welcome to New York“ taucht aber erst deutlich später auf. Und zwar, nachdem Devereaux, der, das dürfte sich herumgesprochen haben, dem ehemaligen Weltbankchef Dominique Strauss-Kahn nachempfunden ist, die Stadt eigentlich schon wieder verlassen haben wollte: Er sitzt bereits im Flugzeug, hat bereits damit begonnen, die Stewardessen abzuchecken, als er noch einmal nach draußen gebeten und dann festgenommen wird.

Kein Halten mehr, nur noch Chaos

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„Welcome to New York“ wünscht also ein Schriftzug, der im Flughafen angebracht ist, gerade im Moment der Verhaftung: Der Rausch ist vorbei, die Allmachtsfantasie auch, willkommen in der Wirklichkeit. Und auch: Willkommen im Ferrara-Kino, das seinerseits wieder und wieder, obsessiv fast, in diese Stadt zurückkehrt. Ferraras Kino, vielleicht auch Ferraras New York lassen es nicht zu, dass man sich, wie Devereaux das die erste halbe Filmstunde über getan hatte, in seinem eigenen Ego, seiner eigenen Weltsicht einschließt (am deutlichsten wird das in der vermeintlich harmlosesten Szene der Anfangsphase: einem Gespräch mit seiner Tochter und deren Freund, dem er seine Eskapaden auf besonders aufdringliche Weise unter die Nase reibt). Früher oder später dringt doch etwas durch, früher oder später muss man die Welt an sich heranlassen. Und dann gibt es kein Halten mehr. Nur noch Chaos.

Auf die Begrüßung folgt der vielleicht faszinierendste Abschnitt eines faszinierenden Films: der Realitätscheck. Für eine gute halbe Stunde wird Ferraras filmische Bearbeitung der Strauss-Kahn-Affäre zu einem police procedural. Und zwar zu einem geradezu herausragend prozeduralen procedural. Exakt protokolliert wird der Weg des Verdächtigen von der Festnahme über diverse Interaktionen mit den abgeklärten, europäischer Großmannssucht nicht allzu gewogenen Ordnungshütern, zur Vorverhandlung (und einer ebenso abgeklärten Haftrichterin) und schließlich bis in die Zelle. Vorher muss Devereaux sich komplett nackt ausziehen. Ziemlich genau in der Mitte des Films steht der aufgedunsene Depardieu nackt, stumpf und hilflos in einem schmucklosen Raum.

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Wenn Ferraras letzter Film, 4:44 Last Day on Earth (2011), die säkulare Antwort auf Lars von Triers Melancholia (2011) war, dann ist der Nachfolger die ausgenüchterte Antwort auf Martin Scorseses The Wolf of Wall Street (2013). DiCaprio wurde von Scorsese nie an einen ähnlichen Nullpunkt geführt. Was allerdings auch wieder nicht heißen soll, dass Ferrara jene positive Alternative zum verkommenen Lebensentwurf seines Helden vorrätig hätte, die Scorseses Film einem verweigert. Beide bleiben ganz auf der Seite der Negation.

Exzessiv exhibitionistische Star-Performance

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Ein ganz und gar eigensinniger Film ist Welcome to New York, ein Film voller großer und kleiner Regieeskapaden. Jetzt schon viel kommentiert ist Depardieus Spiel. Völlig zu Recht: Wann hätte es zuletzt eine derart exzessiv exhibitionistische Starperformance gegeben? Nicht nur der körperliche Verfall, auch die ultraschmierige Gestik, die Ganzkörperattacken gegen fast alle Frauen, die ihm über den Weg laufen (die Vergewaltigungsszene, gefilmt in einem auf Abstand bleibenden long take, ist angemessen schwer erträglich), ganz besonders das unfassbar obszöne Grunzen bei den Orgasmen. Jedenfalls läuft Welcome to New York auch als Schauspielerkino auf diesen einen Moment der nackten Wahrheit zu. Von hier aus gibt es kein Zurück mehr zur jugendlichen Virilität des Depardieu’schen Superstarkörpers der 1970er (und dabei sind das eindeutig dieselben, immer noch ein wenig schelmischen Gesichtszüge – das macht die Sache nur noch schlimmer; der Film scheint mit diesem Wissen um die Rollenbiografie zu spielen, unter anderem in zwei Szenen, in denen Depardieu direkt in die Kamera blickt). Der Absturz ist jedenfalls perfekt, was bleibt, sind Nachbeben.

Auftritt Jacqueline Bisset, ein bissiges Energiebündel. Als Devereaux’ Frau dominiert sie die zweite, weit weniger klar strukturierte Filmhälfte, die hauptsächlich in einem luxuriös eingerichteten Apartment spielt, in dem der Beschuldigte auf den Urteilsspruch wartet und fast schon lustvoll auf die Trümmer blickt, die von seinem Leben übrig geblieben sind. Manchmal unternimmt er kleine Ausflüge, sinniert über Gott, die Welt und den Kapitalismus, die rot leuchtende Skyline New Yorks über sich. Vor allem aber ergeht er sich in langen, quälenden Gespräche mit seiner Frau; beide verzweifeln daran, dass die Intimität futsch ist. Besonders eindringlich ist eine Szene, in der er den Kontakt sucht und sie sich ihm entzieht, sich seinem Zugriff regelrecht entwindet, wieder und wieder. Er verhält sich in diesem Moment nicht gar so raubtiermäßig wie sonst, wenn er auf Frauen trifft, aber sie erkennt sofort, dass er schon längst nicht mehr fähig dazu ist, sich einer Frau anders zu nähern denn als Eroberer. Hilflos sind sie in diesem Moment beide.

Eine bizarre Verdrehung

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Mit der Ehefrau hat freilich auch ein problematischer Aspekt zu tun, über den ich mir selbst, nach dem ersten Anschauen, bei Weitem noch kein sicheres Urteil gebildet habe, ein Aspekt, der zum restlichen Film ziemlich schief zu stehen scheint. (Oder kommt das nur mir so vor, weil ich den Film eigentlich mit Haut und Haaren lieben möchte?) Anne Sinclair, Strauss-Kahns Ex-Frau, das Vorbild der Bisset-Figur, hat dem Film gleich nach der Premiere antisemitische Tendenzen vorgeworfen. Anlass dieser Attacke dürfte vor allem eine Szene sein, in der Devereaux in einem (nicht allzu kohärenten) Monolog seiner auch im Film eindeutig als jüdisch markierten Frau unterstellt, ihre Familie habe im Zweiten Weltkrieg auf unlautere Weise Reichtümer angehäuft. Tatsächlich hatte Sinclairs Großvater Paul Rosenberg in den 1940ern auf der Flucht vor der deutschen Invasion weite Teile des Familienvermögens verloren. Selbstverständlich ist Welcome to New York keine Dokumentation, selbstverständlich nimmt der Film auch an anderen Stellen die Freiheit der Fiktion in Anspruch. Und selbstverständlich darf man das Gerede ausgerechtet von Depardieu/Devereaux nicht in eins setzen mit der Stimme des Films. Aber mich würde doch interessieren, warum der ansonsten so eng an den Schlagzeilen klebende Film ausgerechnet an dieser Stelle eine derart bizarre Verdrehung unternimmt.

Trailer zu „Welcome to New York“


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Kommentare


Roland Kuhnert

Antwort auf die letzte Frage in diesem Artikel:
Weil Abel Ferrara, neben Brian DePalma und Martin Scorsese der beste lebende Regisseur, leider auch manisch-besessen mit dem Katholizismus seiner Herkunft verwoben ist (siehe "Bad Lieutenant") und antisemitische Stereotype dort zum Wertekanon gehören.






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