Watermark

Die Erdoberfläche besteht zum größten Teil daraus, der Mensch ebenso. Grund genug zu schauen, wie Wasser das Leben prägt.

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Die Spinne sitzt fest. Immer wieder läuft sie an den Rand des Steins, auf dem sie sich befindet. Mit einem ihrer Beine tastet sie sich behutsam voran – doch wo auch immer sie es hinstreckt: Überall ist Wasser. Falls das Tier nicht zu leicht ist, um im Wasser unterzugehen, dürfte es dem Tode geweiht sein. Denn das Wasser wird nicht wieder abfließen. Ganz im Gegenteil: Der Pegel wird immer weiter steigen – spielt sich dieses Mini-Drama doch innerhalb eines gigantischen Staubeckens in China ab. Das viele Wasser hat die Spinne ihrer Heimat beraubt.

Einer alten Frau in Mexiko ist das Gleiche passiert – nur umgekehrt: durch zu wenig Wasser statt zu viel. Ihre Heimat am ausgedörrten Flussbett des Colorado River ist zu einer Salzwüste geworden. Die Amerikaner haben der Frau und ihren Landsleuten einfach das Wasser abgedreht. Risse ziehen sich durch den knochentrockenen Boden. Sie ähneln den tiefen Furchen im Gesicht der Alten.

Viele Bächlein machen noch keinen Fluss

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Der Landschaftsfotograf Edward Burtynsky und die Regisseurin Jennifer Baichwal, die bereits bei der Doku Manufactured Landscapes (2006) zusammenarbeiteten, haben weltweit solche sozialkritischen Geschichten gesammelt, in denen Wasser eine entscheidende Rolle spielt. Jede dieser Episode ist für sich genommen interessant – allein, der Fokus fehlt, die Konzentration auf die Summe des Ganzen. Watermark (2013) zeigt so viele Einzelfälle, dass sie letztlich eher aufgezählt als auserzählt wirken. Quantität statt Qualität, Streiflichter statt intensiver Durchleuchtung. Immer wieder schweift der Film ab, saugt wie ein Schwamm alles auf, was mit Wasser zu tun hat und irgendwie problematisch ist – doch mehr als diesen gemeinsamen Nenner gibt es nicht, kein übergreifendes Prinzip wird erkennbar, kein Endpunkt sichtbar, zu dem die verschiedenen Linien hinführen.

Auf einem Auge blind

Zudem ist die Auswahl der Geschichten inhaltlich und geografisch sehr selektiv. Burtynsky treibt, wie bereits an seinen grandiosen Bildern von der Ölförderung zu sehen ist, vor allem die Sorge um die Umwelt an. Ein ehrenwertes Engagement, allerdings kommen die sozialen Aspekte dadurch oft zu kurz. Dabei will Watermark doch zeigen, wie Wasser das Leben von Menschen prägt – so das selbsterklärte Ziel der Filmemacher. Doch so oft sie gigantische chinesische Staudämme zeigen: Von der Vertreibung der Anwohner im Rahmen dieser Bauprojekte ist nicht einmal die Rede. Auch das Thema „Krieg um Wasser“ taucht nirgends auf. Genauso wenig wie Afrika, Zentralasien oder der Nahe Osten – also exakt die Regionen, in denen es bereits massive Konflikte um Wasser gibt.

Fragwürdig ist auch der seltsame Rollenwechsel, den Burtynsky im Laufe des Films vollzieht. Er wird mehrfach vom beobachtenden Regisseur zum Gegenstand des Films, vom darstellenden Subjekt zum dargestellten Objekt. Denn Szenen aus seinem Büro oder einer Druckerei, die die Fotografien des Kanadiers in Buchform bringt, haben herzlich wenig mit dem Thema Wasser zu tun.

Talking Pictures statt Talking Heads

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Erfreulich ist hingegen, dass Watermark weitgehend auf Talking Heads verzichtet – zumeist bleiben die Interviewpartner im Off. Taucht doch mal einer vor der Kamera auf, befindet er sich zumindest in der thematisierten Situation und nicht im Büro oder Filmstudio. Eine Ausnahme stellen zwei Wissenschaftler dar, die der Film als Kronzeugen einsetzt, um die nicht eben steile These zu belegen, dass Wasser ziemlich wichtig ist für den Menschen und den Planeten, den er bewohnt.

Ansonsten funktioniert der Film aber, dem künstlerischen Hintergrund Burtynskys entsprechend, primär über seine Bilder. Die Anfangssequenz hat eine geradezu malerische Qualität: Wir sehen wilde Wassermassen in Zeitlupe tosen, die Kamera blendet das Umfeld aus, sodass sich erst langsam herausschält, wo das Ganze stattfindet. Mal wirkt das Wasser wie Staubwolken, dann wieder wie eine Computeranimation, doch schließlich nimmt die Kamera eine weitere Perspektive ein und offenbart ein absurdes Schauspiel: Menschenmengen stehen an einem hässlichen Staudamm und starren auf brachiale, entfesselte Fluten voller Schlamm. Solche Szenen aus einschüchternden Untersichten zu filmen und mit manipulativem Dröhnen zu unterlegen, wie es Burtynsky und Baichwal mehrfach tun, ist völlig überflüssig, wirken die ungeheuren Bauten aus Beton doch auch so schon bedrohlich genug.

Wasser – wie zum Filmen gemacht

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Burtynsky fotografiert immer wieder aus Helikoptern oder Flugzeugen heraus. In diesen Totalen wird aus Geografie plötzlich Geometrie. Zum Vorschein kommen kreisförmige Felder, rechteckige Sammelbecken, am Reißbrett entworfene, organisch geformte Siedlungen wie Discovery Bay, das in seiner Konstruiertheit ein wenig an die Pläne Dubais für eine künstliche Insel erinnert. Oft setzen die Filmemacher Zeitlupen ein, etwa bei Springbrunnen-Szenen aus Las Vegas. Dieses Stilmittel zur Ästhetisierung wäre freilich gar nicht nötig gewesen, sind doch die mannigfaltigen Formen und Bewegungen des Wassers eine schier unerschöpfliche Quelle der Faszination innerhalb der Filmgeschichte.

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