Unser Paradies

Jugend als Kapital. Gaël Morel schickt zwei mordende Stricher auf die Suche nach ihrem Sehnsuchtsort.

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Es gibt Berufe, bei denen Jugend alles ist. Profisportler etwa, Model oder eben Stricher. Vassili (Stéphane Rideau) bekommt das am eigenen Leib zu spüren. Die dreißig hat er längst überschritten und kämpft nun damit, sich selbst an den Mann zu bringen. Die Freier, die noch ein gutes Stück älter sind als er, sagen ihm ganz offen, dass sein einstiger Charme verflogen ist. Die einzige Möglichkeit, gegen diese Demütigungen aufzubegehren, ist für Vassili das Morden. Die, die ihn erniedrigen, sollen dafür bluten.

Jugend, das ist in Gaël Morels neuem Film das höchste Kapital. Alle, egal ob Männer oder Frauen, hecheln jungen Körpern hinterher und sind auch bereit dafür zu zahlen. Sei es auf direkte Weise als Freier oder wie ein älterer Freund Vassilis hinter dem Schein einer Beziehung. Unser Paradies (Notre paradis) hinterfragt diese Vormachtstellung der Jugend an keiner Stelle. Wie schon in früheren Filmen inszeniert Morel nackte junge Körper als Inbegriff einer idealen Schönheit.

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Eines Nachts findet Vassili dann im Pariser Park Bois de Boulogne einen Jungen (Dimitri Durdaine), der all das besitzt, was ihm die Zeit genommen hat. Einen Namen oder eine Vorgeschichte hat er nicht, er wird vielmehr in diesem Moment neu geboren. Vassili tauft ihn Angelo, und die beiden Männer beginnen sich zu lieben, gemeinsam zu arbeiten und träumen von ihrem ganz persönlichen Paradies. Um dort hinzukommen, ist zumindest Vassili jedes Mittel recht.

Vor fast zwanzig Jahren haben sich Gaël Morel und Stéphane Rideau als Darsteller bei Andre Téchinés Wilde Herzen (Les roseaux sauvages, 1994) kennengelernt. Kurz darauf begann Morel seine Laufbahn als Regisseur, und bis auf eine Ausnahme war Rideau in jedem seiner Filme zu sehen. Es handelt sich bei ihm um keinen klassischen Schauspieler. Niemand, der sein Handwerk in jeder Szene eindrucksvoll demonstriert, sondern der stattdessen mit seiner körperlichen Präsenz beeindruckt. Rideaus Rollen für Morel, aber auch für François Ozon und Sébastien Lifshitz haben ihn zu einer Art Joe Dallesandro des French Queer Cinema gemacht: einem heterosexuellen Schauspieler, der kein Problem damit hat, zum Objekt schwuler Begierde zu werden.

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Morel stellt ihm den Laien Dimitri Durdaine an die Seite. Der spielt noch weniger als Rideau und ist die meiste Zeit über nackt. Das ist in Unser Paradies aber nicht weiter schlimm. Die Figur des Angelo wird außer über ihre Verletzlichkeit ohnehin kaum charakterisiert. Sie ist nur da, um schön zu sein und möglichst viel Interpretationsspielraum für Freier und Zuschauer zu lassen.

Gemeinsam verlassen die beiden Männer Paris um ihren Sehnsuchtsort zu finden. Dabei landen sie erst einmal in der Provinz, bei einer alten Freundin von Vassili (Béatrice Dalle). Auch Anna lebt eine Alternative zur bürgerlichen Norm. Sie arbeitet als Zauberin in einer Kneipe, hat ein Kind von einem Araber und eine Vorliebe für sehr junge Männer. Obwohl Morel eine tiefe Zuneigung für diese gesellschaftlichen Außenseiter erkennen lässt, versucht er deren Darstellung nicht zu glätten. Statt ein sauberes und politisch korrektes Bild von Homosexualität zu zeichnen, lässt er seine Figuren Drogen nehmen, anschaffen und morden. In der ersten Hälfte des Films widmet sich Morel zudem ausführlich den Begierden der Freier. Ob Füßelecken, Riesendildos oder Darmspiegelungen, die ganze Vielfalt sexueller Vorlieben findet hier ihren Platz.

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So ganz aufgehen will Unser Paradies aber trotz spannender Ansätze nicht. Immer wieder kommt es zu unvermittelten Brüchen, durch die die Handlung in eine andere Richtung getrieben wird: von der Schilderung des Stricheralltags zum unkonventionellen Familienfilm zum Thriller. Jedes Mal, wenn Morel den thematischen Schwerpunkt verlagert, scheint sich das nicht logisch von innen heraus zu entwickeln, sondern bleibt als gewaltsamer Eingriff des Regisseurs sichtbar.

Dabei hat Morel etwa mit dem hypermaskulinen Familiendrama Brüderliebe (Le clan, 2004) bewiesen, dass er Filme machen kann. Allerdings wirkte damals wie auch bei Après lui (2007) Christophe Honoré am Drehbuch mit. Und obwohl Honoré, selbst ein namhafter Regisseur, nicht gerade für seine ausgefeilte Dramaturgie bekannt ist, schien er den unterschiedlichen Ideen Morels doch eine Form zu geben. Bereits an seiner letzten Fernseharbeit, New Wave (2008), ließ sich dagegen beobachten, dass Morel als alleiniger Drehbuchautor nicht gut beraten ist. So hat Unser Paradies zwar durchaus einige schöne Momente, wirkt aber dann doch etwas grob zusammengeschustert. 

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