Under the Skin

Scarlett Johansson geht über schwarzes Wasser.

Under the Skin 01

Man stelle sich einmal vor, E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann sei aus Perspektive der Olimpia geschrieben. Für die unkundigen Leser: Das ist jener weibliche Automat, dem der tragische Held Nathanael auf fatale Weise verfällt. Wie mag der Maschinenfrau wohl das tolle Treiben dieses voyeuristischen Pygmalion erscheinen, wenn sie aus ihren „seltsam starr und toten Augen“ herausblickt, in denen er „Mondesstrahlen“ sich entgegen schießen spürt? Nicht viel wahrscheinlich, denn hinter ihrer keuschen Hülle verbirgt sich ja kein Geist, keine Seele. Und dennoch versucht sich Jonathan Glazer mit Under the Skin an einem solchen Perspektivwechsel. Ein dumpfes Echo schallt da durch die Epochen, wenn Hoffmanns verzweifeltes Ringen mit dem Wesen des Menschen und den Verlockungen des schönen Scheins in unseren post-postmodernen Zeiten noch einmal aufgenommen wird, und eine sehr auf Äußerlichkeiten fundierte Starpersona den Horror ihrer Seelenlosigkeit erfahren muss.

Denn in Under the Skin ist es Scarlett Johansson, die – als Flittchenversion des bürgerlichen Cyborgs Olimpia – aus großen Wachsfigurenaugen viel und ausgiebig auf das alltägliche Treiben der Menschen von Glasgow und die dunkel-romantischen Weiten der schottischen Highlands blickt. Ganz nebenbei (ver-)führt sie außerdem noch Männer in den Tod. Was genau der Antrieb für ihr mörderisches Treiben ist, bleibt recht vage, die Story dieser offenbar sehr freien Adaption von Michael Fabers Debütroman ist ausgesprochen opak. Auf jeden Fall ist Johanssons namenlose Figur kein lebendiges Wesen, sondern, je nach Interpretation, ein Alien, ein Roboter oder eine knackige Zombiefrau. Im Auftrag eines ominösen, wortlosen Motorradfahrers kurvt sie in einem Kleinbus durch die Gegend und lockt ahnungslose, offensichtlich schwer erregte Schotten in die Schwärze.

Schwarz ist hier der Grundton, atmosphärisch wie optisch. Während auf der Soundspur fast unablässig nervöse Streicher über die Bassteppiche zittern, manövriert Johansson durch nächtliche Düsternis. Man spürt Glazers Erfahrung als Musikvideo-Regisseur, gerade in der ersten Filmhälfte verzichtet er fast durchweg auf einen klassischen Plotaufbau und dramatisiert stattdessen durch visuelle Ideen. Etwas arg selbstverliebt wirkt das beizeiten, Under the Skin scheint mit seiner oftmals effekthascherischen Inszenierung eher nach Ausstellungsräumen denn nach dem Kinosaal zu schielen. Neben arg hastig verschnittenen, fast dokumentarischen Alltagsbeobachtungen gibt es da viele protzige, gen Abstraktion strebende Sequenzen, die meist einer sehr elementaren Poetik aus Geometrie und Licht folgen: Schwarz, Weiß und Rot; Kreis und Linie.

Auf einen Einfall ist Glazer wohl, nicht ganz zu Unrecht, so stolz, dass er ihn ausgiebig und gleich dreimal aufführt. Es geht ums Morden, und um Nacktheit. Wenn Johansson ihre Opfer in einen rabenschwarzen Hauseingang lockt, verschwinden alle Möbel und Objekte, zurück bleiben nur zwei Körper und die Absenz von Licht. Oder vielmehr, und das ist hier ganz wesentlich: Zwei Kleiderpuppen. Lasziv schreitet die Verführungsmaschine vor den Männern her, über schwarz spiegelnden Grund, Schicht für Schicht entblättert sich die Puppe. Und während sie wie ein grotesker Jesusverschnitt so über die Fläche wandelt, versinken die Männer in ihr wie in einem klaren, ruhigen See; allein ihr erigiertes Glied deutet bis zuletzt geradezu verzweifelt nach oben, hin zur unerreichbaren Frau.

Lange Zeit folgt der Film einer Dramaturgie des Striptease, seine erste Spannungsachse ist die Frage, ob und wann wir Johansson denn einmal nackt zu sehen bekommen. Erst fällt die Außenkleidung, dann das Unterhemd, der BH, zuletzt die Unterwäsche. Es ist eine ebenso starke wie konsequente Entscheidung, mit Johansson einen weithin als Sexsymbol geführten Star für diese Rolle auszuwählen. Natürlich muss man, um in dieses Spiel einzusteigen, den Film gewähren lassen und seinen dezidiert männlichen Blick auf den berühmten Frauenleib setzen. Bei einem aus voyeuristischer Entfernung millionenfach begehrten Körper ist die Haut für gewöhnlich die allerletzte Schicht, auf die die Lust gerichtet bleibt. Wer diesen Körper einmal nackt gesehen hat, fragt nicht mehr nach seelischem Befinden. Aber letztlich will der Film doch weiter, will, ganz im Geiste seines Titels, unter die Haut und hin zur Seele, die dort schlummern sollte.

Und dennoch quält Johanssons großäugiges und zur Regungs- und Bewegungslosigkeit verdammtes Spiel mindestens genauso, wie die darin eingearbeiteten Ideen faszinieren. Einmal ist das nachgerade grausam, als wir einem einsamen Baby am nächtlichen Strand beim Kreischen zuschauen müssen. Die Eltern sind gerade ertrunken, aber Johansson bleibt ungerührt, da es ja nichts zu rühren gibt in ihr. Wenn der Film in seiner zweiten Hälfte zunehmend konventionellere Gestalt annimmt, auf seine expressiven Abstraktionen verzichtet und der machine fatale auf eine Selbstfindungs-Flucht vor dem Motorradmann folgt, wird augenfällig, wie problematisch eine geistlose Hauptfigur im Zentrum der Erzählung ist. Allzu viele Variationen hält die Palette Starren-Schweigen-Nichtstun eben nicht bereit.

Dennoch kann man Johansson dafür Respekt zollen, wie sie Glazer ihre Starpersona auf fast brutale Weise demontieren lässt. Irgendwann wird ihre Figur zu einem Bastard aus Olimpia und Nathanael. Wo dieser dem Frauboter erst in dem Moment anheim fällt, als er ihn durch ein Sehglas wie lebendig wahrnimmt, tappt Johansson selbst in die Falle der optisch vermittelten Lebensillusion: Sie sieht sich im Spiegel. Und genau in diesem lacanschen Moment, da sie sich selbst als anderer begegnet, beginnt sie, an ihre Existenz zu glauben. Nathanaels Narzissmus entzündete sich noch an einem fremden Objekt, so wie sich die Libido ihrer Opfer jedes Mal aufs Neue an den drallen Kurven der Johansson entfacht. Sie jedoch verfällt am Ende sich selbst. Glazers Vision ist so düster und hoffnungslos wie seine Bildwelten: Unter der Haut, wenn alle Hüllen gefallen sind, der Kokon geplatzt ist, kommt kein Schmetterling zum Vorschein, sondern nur die tote schwarze Seele einer schon lange auf zigtausend optischen Oberflächen gestorbenen Begehrensentfachungsmaschine.

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Kommentare


JocMet67

Tja, Leute, was soll ich sagen?! Falls sich einer die DVD kaufen will: Die Nacktszene mit Mrs. Johannson kommt ca. 20 min vor Schluss. Einfach vorspulen. Der Rest ist so schlecht, dass man das Ding dann in die Tonne kloppen kann.

Mal wieder ein Beispiel dafür, dass einer meint, man könne Geschichten ohne Story erzählen.

Das ist vor allem in diesem Fall eine Frechheit, weil der Roman von Michael Faber (Die Sternenwanderin) echt genial ist.

Aber Regisseur Glazer hat es geschafft, so ziemlich alles wegzulassen, was das Ganze zu einer spannenden und faszinierenden Story macht.

Wer eine Romanverfilmung erwartet, wird enttäuscht. Das ganze ist eher eine Art Experimentalfilm. Noch nicht mal die Grundidee ist erhalten geblieben.

Wie er Scarlett Johannson zu dem Machwerk breitgeschlagen hat, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Glück für ihn und alle Achtung für Mrs. Johannson. Ohne die würde sich den Mist garantiert keiner ansehen.

(... Und ich wäre fast noch zur Premiere nach München gefahren...)


ule

>>>.. Und ich wäre fast noch zur Premiere nach München gefahren..<<<

na, da haben wir aus München ja noch einmal Glück gehabt, dass Sie, lieber JocMet67, nicht angereist sind aus Ihrem Heimatort und in Ihren eigenen 4 Wänden, irgendwo da draußen, diesen "Mist" angesehen haben.

Und über Ihren Satz "mal wieder ein Beispiel dafür, dass einer meint, man könne Geschichten ohne Story erzählen" muss ich immer noch grübeln. Der ist irgendwie ganz tief, oder ?


m b

DER FILM IST EIN MEISTERWERK!

Nun könnte man dem Film ja vorwerfen auf zu pessimistische Weise langweilige Fragen zu stellen, wie zum Beispiel solche: Wie viele Menschen sind heute gefangen in einer Art Programm aus unhinterfragten Konsum und mangelnder Selbsterkenntnis? Wie viele Menschen nehmen die Welt, wie ein Klischee wahr, nehmen das andere Geschlecht wie ein Klischee wahr und sind am Ende selbst eins? Wie perfekt ist der leistungsorientierte postmoderne Mensch? Wie einsam fühlt es sich an, nicht nur Güter, sondern auch Menschen zu konsumieren? Wie sinnvoll ist es, nicht verletzbar zu sein? Die blödsinnigste Anpassung an eine Welt, wie sie Konzernchefs, Grafikdesigner und Technokraten erfunden haben… sieht diese Welt so aus wie eine wie eine schwarze Hochglanzoberfläche in einem runtergekommenden Haus? Wie eine Frau in Junkie-chic auf Männerfang? Wie eine verdünnte, lärmverseuchte Welt, wahrgenommen von einem Rennmotorrad oder Auto aus? Wie eine Frau vor dem Spiegel, die hier, anstelle des Selfies, sich befremdet im Spiegel begutachtet?

Diese Fragen allein würden den Film zu einer Abhandlung machen, aber der Film ist viel mehr als nur das! Für mich ist "Under the skin" eine ziemlich tolle Metapher auf die Liebe. Und zwar die Liebe in einer Zeit der Entfremdung von sich selbst. Zugleich aber - und das macht den Film so gut - ist es für mich auch ne Allegorie auf die Schöpfung allen Lebens überhaupt.

Da ist die Scarlett die tagein tagaus immer das gleiche Programm abfährt, abfahren muss. Sie ist der reinste Terminator gefangen in ihrem Existenzprogramm. Und dann kommt der Moment wo es einen kleinen Fehler gibt. Ein kleiner Sprung in der Matrix. Ein Fehler im System, der unsere bis dahin angstfreie Figur sich selbst erkennen lässt: als irgendwie liebesbedürftiges, sterbliches verletzbares Wesen. Es ist ähnlich wie die Entstehung unseres Universums: da war erst die Ursuppe, also ein Zustand ohne Ereignisse und ohne Zeit, nur irgendeine gleichförmige Energie.
Dann eine winzige Unregelmäßigkeit und zack!

Ich fand den Film gelungen, weil er so dermaßen konsequent unterkühlt war, dass man den Alien-Blick auf die Welt der Menschen total gespürt hat: wie fremd, wie putzig und wie liebenswürdig sind die Menschen doch! In ihrer ganzen erbärmlichen Hilflosigkeit, gefangen in ihrer alternden Haut! Mit steifem Schwanz in den schwarzen Untergang! Und dann ist Scarlett - fast als wäre Stanley Kubricks schwarzer Monolith aus Space Odyssey hier zur Person geworden! - als personifizierte seelenlose Antwortlosigkeit selbst an der Reihe. Die Unperson muss sterben. Die gleiche Verführungsmusik. Am Ende wird das seelenlose Rätsel verbrannt und der Fehler des Systems gleich mit - ausgerechnet von einem Menschen, der ein Arschloch ist.
Genial: das Rätsel der Existenz, die Paradoxie des Menschen, kurz das Kunstwerk bleibt erhalten. Schwarzer Rauch steigt weißen Schneeflocken entgegen. Was für ein Bild! Ende gut alles gut.






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