Das erstaunliche Leben des Walter Mitty

Großkotzige Bescheidenheit. Ben Stillers diffuse Vision von einem Hollywoodfilm der anderen Art.

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Ein Mann im Standby-Modus, wie aus dem Nichts erstarrt und ins Nichts starrend: Walter Mitty hat sich wieder mal ausgeklinkt. Der Jedermann versinkt regelmäßig in Tagträumen, die Blockbusterfantasien adaptieren. Man hat das alles schon gesehen, vom Sprung aus dem explodierenden Hochhaus bis zum kitschigen Liebesschwur, es sind generische Hollywoodmomente, die Ben Stiller in seiner fünften Regiearbeit treffsicher imitiert. Dass er die Klischees und Abgeschmacktheiten der Traumfabrik kennt, führt er hier ebenso vor wie die Beherrschung ihrer Inszenierung – unter ironischen Vorzeichen, versteht sich.

Stillers Parodien pumpen immer noch ein wenig mehr heiße Luft ins aufgeblasene Spektakel der großen Produktionen, bis das Ganze schließlich zu platzen droht – auch für den von ihm verkörperten Titelhelden. Denn Walter Mitty muss in dem lose auf einer Kurzgeschichte von James Thurber basierenden Film erkennen, dass sein Eskapismus nur ein an die Wand gepinselter Notausgang ist. Wo Thurber noch auf wenigen Seiten den fließenden Übergang zwischen den Demütigungen des Alltags und überzogenen Groschenheftfantasien skizziert und grimmig eine Auflösung verweigert, da ist in Stephen Conrads Drehbuchadaption Traumverlorenheit keine Option mehr. Sein Buch verlangt nach einem klaren Bruch mit Illusionen und Hirngespinsten und hat als Alternative gleich noch eine liebenswert-harmlose Realität in der Hinterhand.

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So kommt Walter Mitty, der in dieser Filmversion (eine erste Kinoadaption lieferte Norman Z. McLeod bereits 1947) als Fotoarchivar für das Life-Magazin arbeitet, auf der Suche nach einem verschollenen Fotonegativ in Bewegung, um sich selbst und die Wirklichkeit zu entdecken. Er springt, schwimmt, skatet und rennt wie ein Forrest-Gump-Update um den halben Globus, dicht auf den Fersen des berühmten Fotojournalisten und Abenteurers Sean O’Connell (Sean Penn). Die Belohnung für diese Strapazen lungert in Form der hübschen Kollegin und Single-Mutter Cheryl (Kristen Wiig) natürlich von Anfang an im Hintergrund, allein der Held ist noch nicht bereit.

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Mittys überdrehte Phantasmen in Hollywoodmanier geraten schnell zum Gimmick, wenn der Selbstfindungstrip beginnt. Ganz bei sich hingegen ist der Film, wenn er Stimmung macht für seine schlichten Ideen von Authentizität und alternativem Kinoleben: Da radelt der immer bärtiger werdende Mitty durchs Naturidyll Island, schwärmt von analoger Fotografie oder entsagt dem Online-Dating. Bei Stiller sieht das aus, als wäre ein Wes-Anderson-Film mit einem gigantischen Werbeblock kollidiert: Mal versucht er sich an einem lakonischen Setzkastenspiel, streng kadriert und mild-skurril. Dann wieder überkommt den Film ein breiter Pathos, er generiert Überwältigungsbilder zwischen Energy-Drink-Rausch und der heimelig abgepackten Abenteuerlichkeit eines Spots für Outdoorbekleidung. Dazu läuft Mitklatsch-Melancholie à la Arcade Fire im Minutentakt.

Diffus und unentschlossen erzählt Stiller seinen vermeintlichen Aufbruch ins echte Leben, so dass letztlich nie ganz klar wird, worin der Widerspruch zu dem effekthascherischen und sentimentalen Quatsch besteht, dem der Regisseur seinen Protagonisten mit großer Geste abschwören lässt. Am Ende verläuft doch alles nach altbewährten Mustern und dem Zauber einer analogen Fotografie, die Mitty ins Abenteuer lockt, wird mit einem überdeutlichen CGI-Wink nachgeholfen.

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Roland Barthes’ Essay Die helle Kammer und sein Konzept des punctum mögen einem in den Sinn kommen, wenn Das erstaunliche Leben des Walter Mitty immer wieder von Bildern spricht, die nicht gemacht oder angeschaut werden. Im Himalaya trifft Mitty endlich auf Sean O’Connell, der einem Schneeleoparden mit seiner Kamera auflauert. Wenn aber die scheue Katze dann tatsächlich vor das Objektiv tritt, weigert der Fotograf sich das Foto zu schießen. Im Gegensatz zu O’Connell und auch zu Barthes – der in seinem Text die für ihn so bedeutende Fotografie seiner Mutter zwar beschwört, den Lesern eine Abbildung aber vorenthält – hat Stiller für jeden Augenblick ein gestochen scharfes Bild parat. Alles Imaginäre und Unbewusste wird realisiert, die Geisterkatze im Scope-Format eingefangen.

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Hermetisch und glatt ist diese Bildsprache, die weder Flecken noch Löcher kennt, gleichzeitig transparent und vorhersehbar. Einen Moment der Atopie oder die Möglichkeit, etwas gegen den Strich zu sehen, sucht man hier vergeblich. Auch Geheimnisse, wie der Originaltitel suggeriert, hütet der Film keine. Als Mitty das lang gesuchte Negativ schließlich findet, verzichtet er zwar vorerst darauf es anzusehen, und auch den Zuschauern bleibt ein Blick verwehrt. Doch auch das durchaus reizvolle Kopfkino, das in diesem Moment beim Publikum anläuft, opfert Stiller einer letzten lahmen Pointe, die die großkotzige Bescheidenheit dieses Films noch einmal auf den Punkt bringt.

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Kommentare


Raphael

"Hermetisch und glatt ist diese Bildsprache, die weder Flecken noch Löcher kennt, gleichzeitig transparent und vorhersehbar. Einen Moment der Atopie oder die Möglichkeit, etwas gegen den Strich zu sehen, sucht man hier vergeblich."

Dem würde ich zustimmen, aber es gar nicht gegen den Film auslegen wollen. Ebenso wenig seine "großkotzige Bescheidenheit" - ist es nicht interessanter Stillers Film als den Versuch eines echten Hollywood-Mainstreamfilms zu betrachten? Und die Sorte kümmert sich ja allerhöchstens um säuberlich zurecht gelegte Flecken und Löcher. Will alles, nur eben NICHT gegen den Strich gehen. Ist dieser Vorwurf des Atopie-Mangels nicht in etwa so, als würde ich Only Lovers Left Alive vorwerfen, langsam und action-arm zu sein?


Carsten

@Raphael: Über deine Anmerkung ließe sich sicherlich ausführlicher diskutieren, hier nur eine kurze Anmerkung: Für mich war der Anderson-Kosmos, von dem Stiller ja auch ein Teil ist, beim Anschauen des Films ein wichtiger Bezugspunkt, speziell "Die Tiefseetaucher" kam mir immer wieder in den Sinn. Die Verwendung von Bowies "Space Oddity" oder die zentrale Begegnung mit einem Wildtier sind nur zwei der Parallelen, die mir aufgefallen sind. Wo Anderson den Song ins portugiesische Cover verrückt oder in Stopmotion stottert, da ist bei Stiller alles glatt ausformuliert und schön zurechtgelegt. Ich persönlich fand das im Hinblick auf Stillers Bemühungen um Abgrenzung zu Filmen wie "Benjamin Button" inkonsequent und in Bezug auf den filmeigenen Umgang mit Bildern verlogen. Das hat dann letzten Endes vielleicht auch gar nicht so viel mit Kategorien wie "Mainstream" und "Hollywood" zu tun und ich würde den "echten Hollywood-Mainstreamfilmen" auch nicht per se einen Atopie-Mangel unterstellen.


Raphael

@Carsten: Stimmt, da war ich wohl etwas arg hühnerstallig, was den Atopie-Mangel als Konstituens des Hollywood-Mainstreamfilms betrifft. Die Parallelen zu Anderson sind mir gar nicht in den Sinn gekommen, aber jetzt wo du sie aufzählst: Stimmt auch, das kann man durchaus als Quirky Light sehen.
Als verlogen würde ich es dennoch nicht bezeichnen, was glaube ich daran liegt, dass ich es nicht als abgrenzenden Modus empfunden habe. Sicherlich ist die "Benjamin Button"-Parodie tonal (zum Glück) etwas eigentümlich (und da hätte man auch schon eine der Irritationen, die der Film deiner Kritik nach nicht hat), aber Stillers Film steht doch dieser Art der Erzählung grundsätzlich nicht zynisch oder kritisch gegenüber. Ich sehe das nicht, dass er da ideologisch was aufmacht, das er dann nicht einhält, oder so.


Carsten

@Raphael: Dass der Film nicht irritiert, schreibe ich ja so nicht. Im Gegenteil, an einer Stelle bezeichne ich ihn als diffus und hatte da auch die tonalen Schwankungen im Hinterkopf, wie sie etwa von der "Benjamin-Button"-Parodie verursacht werden.
Ob eine ideologiekritische Herangehensweise sinnvoll oder in meinem Fall gelungen ist, lasse ich hier mal offen. Es ist ja letztlich auch nur eine Kritik unter vielen. Lukas Foerster hinterfagt auf taz.de (http://www.taz.de/Kinostart-des-neuen-Ben-Stiller-Films/!130200/) ja z.B. einen ideologiekritischen Zugang. Eine Diskussion, wie weit man dieser Argumentation folgen will, dürfte aber wohl den Rahmen einer Kommentarspalte sprengen.


Raphael

@Carsten: Yeah, danke!






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