The Roommate

Das Medium Film dient im inner-amerikanischen Kulturkampf immer wieder als trojanisches Pferd. In diesem Fall werden homophobe Ideologien eingeschleust, um Teenager subtil auf den rechten Pfad zu lenken.

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Kaum ein Jugendlicher würde einem altbackene Werte predigenden Pastor längere Zeit seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken oder gar dessen Ratschläge brav befolgen. Wenn man die selben konservativen Werte aber jugendgerecht verpackt, sagen wir als Vampirfilm-Reihe, zahlen Teenager sogar für ihre moralische Indoktrinierung. Im Horror-Thriller The Roommate ist es nun nicht der voreheliche Sex, der die amerikanische Kultur in ihren Grundfesten zu erschüttern droht, sondern die Homosexualität. Nicht zufällig gesellt sich dazu noch die psychische Erkrankung einer Hauptfigur. Teile der christlichen Rechten glauben allen Ernstes, Homosexualität selbst sei eine pathologische Erscheinung, die psychiatrischer Behandlung bedarf. Wenn sich Rebecca (Leighton Meester) also nicht nur als lesbisch, sondern auch noch als psychisch krank erweist, muss das Leben ihrer Mitbewohnerin – und in extenso die „gesunde“ heterosexuelle Mainstream-Kultur – gefährdet sein.

Jene Mitbewohnerin heißt Sara (Minka Kelly), kommt zum Studieren vom Land in die aufregende Großstadt Los Angeles und lernt dort Rebecca kennen, mit der sie von nun an ein Zimmer teilen wird. Wie in zahllosen anderen Teenie-Filmen bedeutet das College-Leben vor allem Freiheit: die Freiheit, unbeobachtet von den Eltern an den hemmungslosen Orgien der Fraternities teilnehmen zu können. Wer in einem Umfeld aufwächst, das Alkohol und Sex als sündhaft darstellt, verspürt als Jugendlicher eben einen großen Befreiungsdrang. Auf einer dieser Partys verguckt sich Sara in den selbstverliebten, aber gutherzigen Stephen (Cam Gigandet, der in Twilight – Biss zum Morgengrauen (Twilight, 2008) den Vampir James spielte).

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Gleichzeitig freundet sie sich rasch mit der ebenso verklemmten wie besitzergreifenden Rebecca an, die aus einem reichen, aber emotional erkalteten Elternhaus stammt. Dass diese in Sara mehr als nur eine Freundin sieht, wird spätestens klar, als sie deren Parfüm und Halskette zu tragen beginnt, obsessiv Porträtzeichnungen ihrer Mitbewohnerin anfertigt und sich gar den Namen von Saras verstorbener Schwester auf die Brust tätowieren lässt. Rebeccas Verliebtheit nimmt beängstigende Formen an, als sie immer eifersüchtiger wird und damit anfängt, Saras andere Freunde zu bedrohen. Um ihren Schwarm an sich zu binden, handelt Rebecca immer manipulativer und ist sogar bereit, sich selbst zu verletzen. Vieles davon hat man ähnlich und besser schon in Weiblich, ledig, jung sucht ... (Single White Female, 1992) gesehen.

Der dramaturgische Aufbau von The Roommate folgt streng den Konventionen des Teenie-Horrorfilms. Begleitet von schwungvoller Popmusik und sonnigen Einstellungen, entdecken die Mädchen die Stadt und einander, mit fortschreitender Entzweiung geht der Film vermehrt zu dunklen Bildern aus geschlossenen Räumen und einfachen Schocktechniken (rasche Umschnitte mit lauten Soundeffekten) über, ehe der finale Cat-Fight die einstigen Freundinnen als Kontrahentinnen aufeinander loslässt. Auch dieses Ende selbst, in dem es um nicht weniger als die Wiederherstellung der heterosexuellen Ordnung geht, ist lieblos aus altbekannten Versatzstücken des Genres zusammengesetzt: In den gewalttätigen Tumult greifen „unerwartet“ Nebenfiguren ein, eines der Mädchen stürzt aus dem Fenster, kann sich aber in letzter Sekunde vor dem Fall in den tödlichen Abgrund retten, während die andere im Moment ihres Ablebens das klassische Rollen der Augäpfel vollführt – allerdings so übertrieben, dass das Publikum lacht, wo es laut Drehbuch nichts zu lachen gibt. Das filmische Naturgesetz, dass der Killer nie tot ist, wenn er erstmals reglos daliegt, wird auch treu eingehalten.

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Wäre es dabei geblieben, wäre The Roommate einfach nur ein weiterer handwerklich solider, ansonsten aber recht mittelmäßiger Film von der Stange. Doch der dänische Regisseur Christian E. Christiansen versteigt in sich zwei Duschszenen zu anmaßenden Psycho-Zitaten und ist zudem paradoxerweise darum bemüht, das Thema Sex aus einem Film, der Homosexualität als Bedrohung darstellt, herauszuhalten. Um das Werk Zuschauern ab 13 Jahren (in Deutschland ab 16) zeigen zu können, dürfen in Nacktszenen lediglich Gesicht, Bauch und Rücken gezeigt werden – die Darstellung von expliziter Gewalt ist zensurrechtlich hingegen ein weitaus geringeres Problem. Hier zeigt sich abermals der seltsame Doppelstandard, nach dem Sexualität für das Rating der prüden Motion Picture Association of America eine deutlich größere gesellschaftliche Gefahr bedeutet als Gewaltverbrechen. So kann The Roommate in einer durchaus gelungenen Parallelmontage nur andeuten, was Rebecca in ihrem Bett tut und an wen sie dabei denkt.

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Während sich das Thema Homosexualität auch in konservativen amerikanischen Kreisen langsam enttabuisiert, sind psychische Krankheiten weiterhin mit einem Stigma belegt. Dem Film reicht daher die Tatsache, dass Rebecca Psychopharmaka verschrieben bekommt, als Grund, warum sie sich zur psychopathischen Mörderin entwickelt. Wer unter Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen leidet, ist also automatisch ein potenzieller Killer. Besondere Mühe, das Krankheitsbild Rebeccas zu konkretisieren, um ihr Verhalten glaubhaft zu machen, gibt sich The Roommate auch nicht. Die Symptome, die sie zeigt, haben ziemlich wenig mit den bei ihr diagnostizierten Krankheiten Schizophrenie und manische Depression gemeinsam. Aber ihre zentrale Störung scheint für den Film ohnehin in Rebeccas Homosexualität zu bestehen.

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