The Elephant King

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und einem geleasten thailändischen Elefanten?

The Elephant King

Brüderliebe. Jake (Jonno Roberts) lebt in Thailand. Zu Hause, in den USA, erwartet ihn ein Gerichtsprozess. Die Mutter fürchtet um ihn, um sich, um die ganze Familie. Allen Grund hat sie. Jake lebt in den Tag hinein und sein Bruder Oliver (Tate Ellington), der Daheimgebliebene, möchte lieber gar nicht mehr leben. Mutter Dianas (Ellen Burstyn) Idee, ihn nach Thailand zu schicken, um den ältesten Nachwuchs zur Rückkehr zu bewegen, wirkt eher verzweifelt als erfolgsversprechend.

Kritik und vor allem Filmwissenschaft diskutieren seit Jahren rege über die Dimension und schwindende Klarheit des Begriffs American Independent. Bei The Elephant King kann man guten Gewissens und nach allen Kriterien von einer American-Independent-Produktion reden. Regisseur Seth Grossman ist absolvierter Filmstudent, ein Neuling und Außenseiter im Filmgeschäft, ohne TV-, Musikvideo-, oder Werbeclip-Erfahrung.

The Elephant King

Seine Hauptdarsteller sind ebenfalls Frischlinge, gedreht wurde mit Niedrigstbudget, ohne Studio im Rücken. Erst nach langem Touren auf weltweiten Festivals kommt der bereits 2006 abgedrehte Film nun in die deutschen Kinos – verliehen von einem Unternehmen, das sich bislang auf den hiesigen Vertrieb türkischer Filme konzentrierte. Abgesehen von diesen Fakten proklamiert der Film seine Unabhängigkeit auch selbst – durch die Ungewöhnlichkeit, zuweilen auch Unzugänglichkeit seines Stoffes. Man erkennt The Elephant King sofort in seiner Andersartigkeit, seiner Losgelöstheit vom Mainstream, da man zu keinem Zeitpunkt weiß, was im nächsten Moment passieren könnte.

Die Kameraarbeit von Diego Quemada-Diez findet, ist Oliver erst einmal in Thailand gelandet, wunderbar komponierte Bilder, die keinen exploitativen Charakter der exotischen Draufschau haben, sondern mal staunend, mal unbeteiligt, mal unscheinbar und beiläufig den Charakteren folgen. Stellenweise erwartet man, so filmisch geprägt ist die Weltsicht aufs Zelluloid dann doch, das schwule Paar aus Apichatpong Weerasethakuls Tropical Malady (2004) auf der Leinwand.

The Elephant King

Seit Sean Penns Indian Runner (1991) ist dies vielleicht einer der ungewöhnlichsten und gleichzeitig uramerikanischsten Brüderstoffe. Der eine kann nicht ohne den anderen. Auch dafür findet der spanische Kameramann unverbrauchte Bilder – und sei es auf dem WC.

Sehr langsam, denn plottechnisch geschieht recht wenig, entwickelt sich ein Drama, das die Befindlichkeiten und Verletzlichkeiten des ungleichen Paares behutsam zu Tage fördert, fast ohne Dialoge.

Dabei gruppieren sich die Brüder um einen Elefanten, einen Swimmingpool und – wohl vergleichsweise am wenigsten überraschend – eine Frau.
Lek, gespielt von Florence Faivre, ist gezielter Blickfang. Amour Fatal von einer Deutlichkeit, die man von der sonstigen Inszenierung nicht abgeleitet hätte.
Bei aller spröden Eigenwilligkeit, was den Stoff anbelangt und aller künstlerischen Konzentration, was die Bildarrangements angeht - die Besetzung überrascht mit ihrer konventionellen Typisierung. Jonno Roberts, das schwächste Glied in dieser Kette, ist als Jake ganz cooler Draufgänger, vom eigenen Leben genauso berauscht wie angewidert, mit Leidenschaft und Arroganz, im Inneren ein gutes Stück Sadismus bewahrend. Der Kontrast ist für Schwerstsehende gestaltet: Seinem meist freien Oberkörper, den gezielt unfrisierten Haaren, dem nicht minder gezielten x-beliebig-viele-Tage-Bart, der Militärhose, der Surferhalskette, ist sein Bruder Oliver entgegengestellt: Schlabbersweater, Scheitelfrisur und Depri-Intellektuellen-Pennäler-Brille. Ja, so sieht man aus, wenn man nicht glücklich ist. Oder anders: wer so aussieht wird nicht glücklich. Dumm nur, dass Schauspieler Tate Ellington in jeder Szene sein Charisma zügeln muss, um nicht alle an die Wand zu spielen und seine Rolle über Bord zu werfen. So wirkt Ellington manchmal, als sei er ein dritter Wilson-Bruder und einem Wes-Anderson-Film entlaufen. Nur dass hier alles ernst ist.

The Elephant King

Grossmans Familienzusammenführung am Ende ist allerdings weit weniger gebrochen als wir es von Anderson gewohnt sind. Gerade durch die Unausgewogenheit nicht nur der Ensemblezusammenstellung und Schauspielführung, sondern auch des Tonfalls – vor allem in Hinblick auf den Schluss – wird deutlich, dass Elephant King, wie so viele Debütfilme, eine Übung ist. Doch egal, was man insgesamt von ihr halten mag, in ihrem Willen zur Andersartigkeit und in ihrem Formbewusstsein sticht sie heraus.

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