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Dominik Graf schickt ein ungleiches Liebespaar von München an die Côte d’Azur. Die Amour fou zwischen einer Schülerin und einem Spieler ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

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Gott weiß, was geschieht. Schon die Eingangssequenz lässt keinen Zweifel darüber, wer in Spieler die Fäden in der Hand hält. „Ihr werdet euch verlieben!“, versichert eine Off-Stimme der hoffnungsvollen Kathrin (Anica Dobra) und dem zweifelnden Jojo (Peter Lohmeyer). Eine Totale fällt auf den wolkenverhangenen Himmel: „Ich weiß es – ich bin der Erzähler.“

Doch dieser missbraucht seine Allmacht nicht zum Nachteil des Zuschauers. Die Liebesgeschichte zwischen der Internatsschülerin und dem spielsüchtigen Teilzeit-Gigolo dient ihm weniger als Versuchsanordnung denn als offenes filmisches Experimentierfeld.

Das Erbe ihrer Tante führt Jojo und seine Cousine Kathrin zu Beginn zusammen. Während sie sich sogleich verliebt, interessiert ihn vor allem ihr Geld: Denn während sie 20.000 Mark abstaubt, erbt Jojo nur den Hund der Tante, eine deutsche Dogge. Einige Drehbuchwindungen später hat er Kathrin das Geld entwenden können, nur um es sofort auf der Pferderennbahn durchzubringen. Noch ein paar Windungen weiter, Kathrin ist längst vom Internat geflogen und bei Jojo und dessen Kompagnon Tom eingezogen, sind alle drei auf der Flucht vor der Polizei und setzen sich an die Côte d’Azur ab. Dort erfährt Kathrin, dass sie, vielleicht von Jojo, ein Kind erwartet; Jojo gelingt ein furioser Beutezug am Roulettetisch, das Happy-End ist greifbar nahe, doch die Verfolger warten schon.

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Dieses Drehbuch hätte eine prima Vorlage für eine typische „schwungvolle Komödie“ abgegeben, die sich in ein Road-Movie verwandelt und zuletzt ins Tragische kippt. Dominik Graf macht daraus etwas anderes, in seinem Ansatz sind die Genrevariationen nicht Ziel des Films, sondern erzählerische Verkleidungen. Im Kern geht es hier immer nur um zwei zaudernde Liebende, die sich unablässig die Köpfe heiß reden darüber, welche Chance ihre Liebe wohl haben mag. Und während der Film dieser Frage nachgeht, erspart er dem Paar jede Berührung mit dem sogenannten „Alltag“ und uns jede Psychologisierung. Stattdessen gibt er der Lovestory immer wieder neue Filmgewänder.

Ob sie sich Schießereien mit der Polizei liefern oder zu Fuß über die Autobahn flüchten, ob sie eine Hinterzimmer-Spielrunde sprengen oder weltmännisch im Casino auftreten, die Protagonisten wirken immer ein wenig so, als spielten sie selbst gerade Filmszenen nach. Oder als sagten sie, halb verwundert, halb amüsiert, Dialoge auf, die jemand anders für sie geschrieben hat. Was natürlich vor allem auf die Liebesszenen selbst zutrifft. Den ersten Sex haben sie übrigens auf dem Sprungturm des Schwimmbads gegenüber Kathrins Internat, das dazu auch noch von Nonnen geführt wird.

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Ein Nouvelle-Vague-Vergleich wurde in der zeitgenössischen Kritik oft bemüht; und sicher ähneln die Figuren in ihrem Hang, ihr Leben zum Film zu machen, zweifelnd und leidenschaftlich zugleich, nicht von ungefähr dem Trio in Godards Außenseiterbande (Bande à part, 1964). Epigonal ist der Film deshalb nicht, und man braucht über seine möglichen Vorbilder nichts zu wissen, um zu bestaunen, wie er aus all seiner Uneigentlichkeit immer wieder Momente des Zaubers und der Wahrhaftigkeit entwickelt. Was er neben dem Zusammenspiel von Dobrec (verspielt-impulsiv) und Lohmeyer (lakonisch im Quadrat!) vor allem Grafs einmaligem Blick für Schauplätze verdankt. Irgendwie gelingt es dem Regisseur, München und die Côte d’Azur zugleich als greifbar reale Orte und wie eigens für den Film aufgebaute Traumkulissen erscheinen zu lassen.

Grafs Inszenierung geht auch elegant über manche Schwächen des Stoffs hinweg – etwa dass Jojos Sidekick Tom, obwohl er fast die ganze Zeit als Dritter im Bunde dabei ist, eigentlich keine zwingende dramaturgische Funktion hat. Oder dass das sprachlich geschliffene Drehbuch neben viel Wortwitz auch zahlreiche Kalauer parat hat. Man verzeiht Graf dabei auch einige Manierismen: den exzessiven Einsatz von Kreisblenden etwa, oder wie er die Dogge permanent als Dekoration für ausstellungsreife „Paar mit Hund vor Landschaft“-Aufnahmen benutzt. Wer eine Szene drehen kann, in der sich Mann und Frau vor tosendem Meer ein hochdramatisches Wortgefecht um ihr ungeborenes Kind liefern – wer das ergreifend hinbekommt und nicht einmal annähernd in Kitschgefahr gerät, dem verzeiht man fast alles.

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Dass der zu Unrecht in Vergessenheit geratene Film nun auf DVD erscheint, könnte ein Grund zur Freude zu sein. Leider ist die Qualität der Veröffentlichung miserabel. Die lieblose Ausstattung könnte man verschmerzen, wenn das Bildformat stimmen würde. Doch nach Die Katze hat EuroVideo erneut einen Graf-Film im Vollbildmodus veröffentlicht. Eine traurige Ironie: Ein Regisseur, der regelmäßig Fernsehfilme auf Kinoniveau dreht, bekommt seine Kinofilme auf Fernsehfilmniveau zurechtgestutzt.

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