Somewhere

Sofia Coppolas Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig leidet wie seine Hauptfigur am Burnout-Syndrom.

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Johnny Marco (Stephen Dorff) fährt im Ferrari Kreise in der Wüste, steigt nach mehreren Runden aus und fragt sich, wo er eigentlich ist. Mit dieser in einer langen Einstellung gedrehten, nicht gerade subtilen Einstiegsmetapher weiß man schon das Wesentliche über den Schauspieler, der im kalifornischen Chateau Marmont gut gepampert vor sich hindümpelt. Das legendäre Hotel liegt am Sunset Boulevard, und wie Billy Wilders gleichnamiger Klassiker beschäftigt sich Sofia Coppola in ihrem vierten Langfilm erneut mit den Schattenseiten des Ruhms und mit einem Protagonisten im emotionalen Dämmerzustand. Somit passt auch die unpopulär erscheinende Besetzung Stephen Dorffs zu Somewhere: An Norma Desmond erinnernd, galt der heute 37-jährige US-Amerikaner vor langer Zeit als hoffnungsvolles Talent, bevor er in den letzten Jahren zunehmend in Nebenrollen und B-Movies abdriftete.

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Stärker als bereits im Vorgänger Marie Antoinette (2006) wirkt sich die Langeweile und innere Leere der Hauptfigur auch auf Coppolas neueste Inszenierung aus. Auf die Frage „Wer ist Johnny Marco?“ folgt als Antwort die große Ratlosigkeit, und gegen Ende muss der Charakterlose resigniert feststellen, gar keine wirkliche Person zu sein. James Dean sprang einst für eine Rolle durch das Fenster des Chateau Marmont, Jim Morrison fiel dort von einem Bungalowdach, und John Belushi ist darin gestorben. Der antriebs- und einfallslose Marco ist selbst für Skandale zu lahm, lässt lediglich Zwillinge in Tenniskostümen für sich strippen und fällt sogar dabei, genauso wie beim Sex, in den Tiefschlaf.

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Zum Glück für ihn und für den Film bringt der Besuch seiner elfjährigen Tochter Cleo (Elle Fanning, The Door in the Floor – Tür der Versuchung, The Door in the Floor, 2004) etwas mehr Leben in die ermüdende Lethargie, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch die größtenteils statische Kamera und die häufig überlang ausgespielten, dialogarmen Szenen befallen hat. Als Marcos geschiedene Frau verreisen muss, hängt der kindische Vater mit seiner wesentlich selbstständigeren und vernünftigeren Tochter vor dem Fernseher ab, nimmt sie mit nach Mailand zu einer Preisverleihung und schaut nun seinem Kind beim Eiskunstlaufen zu statt den Tennisschwestern beim Strippen. Coppola erzählt das so unspektakulär, wie es klingt, und noch handlungsreduzierter und stimmungsorientierter als ihre früheren Werke. Erneut mit der für sie typischen Mischung aus Zartheit und Plumpheit, aus atmosphärisch dichten Momenten und zurückhaltenden Andeutungen einerseits und missratenen satirischen Einlagen und einer teils überdeutlichen Bildsymbolik andererseits.

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Dass Cleo keine verzogene Showbiz-Göre ist und dem trivialen Alltag des Vaters mit liebenswürdig-ironischer Gelassenheit und nur verhalten geäußerter Missbilligung begegnet, ist eine angenehme Abwechslung zum stereotypen Marco. Das vor allem in kleinen Gesten, ohne große Konflikte und Aussprachen geschilderte Verhältnis der beiden ähnelt dem des kurzzeitigen Hotelpaares in Lost in Translation (2003), auf den die Regisseurin mit vereinzelten Einstellungen und einer von Hubschrauberlärm übertönten Gefühlsoffenbarung verweist. Unterstrich in Lost ein hektisches Tokio die Einsamkeit und Verlorenheit der Figuren, dienen in Somewhere die anonymen Highways von Los Angeles demselben Zweck. Die Verbindung aus Melancholie und Leichtigkeit glückt diesmal jedoch weniger. Letztere weicht auf der Handlungsebene zu vielen Banalitäten und Klischees, während der langsame Erzählrhythmus in seiner angestrengten Bedeutsamkeit häufig unmotiviert wirkt und der Kamerablick auf Distanz bleibt.

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Coppolas sämtliche Filme funktionieren mehr als Augenblicksbeschreibungen denn als Entwicklungsgeschichten. Die Autorin und Regisseurin hat ein Gespür für Schauplätze und deren Einfluss auf die Protagonisten, darüber hinaus sind ihre Charaktere aber selten besonders komplex angelegt. Die vage gezeichnete Marie Antoinette übertrifft der schemenhafte Johnny Marco noch an Oberflächlichkeit. In beiden Fällen ist die Dekadenz der Figuren zwar eine bewusste, die spätere Wandlung der konsumgeilen Königin und des ausgebrannten Schauspielers wird durch das Drehbuch aber nicht ausreichend vorbereitet. Marco steigt am Ende wieder in seinen Ferrari, ohne im Kreis zu fahren. Doch Coppola hat es nicht erreicht, dass man sich für seine neue Richtung interessiert.

Trailer zu „Somewhere“


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Kommentare


juleelite

Also, bis auf eine Szene, habe ich zwischendurch gedacht, das ist Ihr bester Film.... Es lohnt sich Ihn anzusehen, beide Darsteller sind wunderbar und harmonieren sehr schön im gemeinsamen Spiel


Tabea

Ein klasse Film und sehr gute Darsteller. Er ist ruhig und nicht so schnelllebig wie die meisten Hollywood-Blockbuster. Schade, dass viele Kritiker scheinbar nur noch Letzteres sehen wollen.


Bruno

Ich kann mich der Kritik von Birte Lüdeking
nur anschließen, dass "der langsame Erzählrhythmus in seiner angestrengten Bedeutsamkeit häufig unmotiviert wirkt" und das die späte Wandlung von Johnny nicht ausreichend vorbereitet erscheint. Für mich war Lost in Transition um Welten besser und alles andere als wirklich langweilig vor sich hinplätschernd wie dieser Film


Dire

Für mich einer der besten Filme des Jahres und der beste bisher von Coppola. Sie beginnt ihre Geschichte dort, wo andere enden. Johnny Marco (Stephen Dorff ist eine perfekte Besetzung) hat alles, was so viele Menschen wollen: Geld, Ruhm und Frauen ohne Ende. Trotzdem fühlt er sich verloren in dieser Welt in der er lebt. Coppolas Film kratzt deshalb sicherlich niemals an irgend einer Oberfläche, wie es in der Kritik steht. Er geht sehr tief und kritisiert für mich die moderne Gesellschaft (vor allem in Hollywood). Ein sehr wichtiger und sehr gut gemachter Film. Absolut empfehlenswert.






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