Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Es geht auch ohne Drehbuch von Charlie Kaufman. Für seinen dritten abendfüllenden Spielfilm kehrt Michel Gondry nach Frankreich zurück und inszeniert den eigenen Stoff um die Traumwelten von Stéphane und Stéphanie.

Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Filme werden häufig über ihre Darsteller oder Regisseure in Erinnerung gerufen. Selten gelangt hingegen ein Drehbuchautor zu einer solchen Bekanntheit, dass Filme mit ihm gar beworben werden können. Charlie Kaufmans Drehbuch zu Spike Jonzes Erstling Being John Malkovich (1999), das mit abstrusen Elementen, Plot-Spielereien und Twists aufwartete, begründete seine Bekanntheit über Branchenkreise hinaus. Die Verschrobenheit der Protagonisten und die surrealen unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen wurden in der Folge zu Kaufmans Markenzeichen. Michel Gondry realisierte zwei seiner Drehbücher, die Mann-kommt-aus-dem-Wald-und-kennt-die-Zivilisation-nicht-Geschichte Human Nature (2001) und Vergissmeinnicht! (Eternal Sunshine of The Spotless Mind, 2004). Letzterer bot Gondry die Gelegenheit, in der Inszenierung einer Reise durch Erinnerungen mit filmischen Effekten wie zuvor in einer Vielzahl seiner Musikvideos zu spielen. Mit Science of Sleep – Anleitung zum Träumen (La science des rêves) bindet sich Gondry jetzt noch stärker in den Entstehungsprozess mit ein. Nach der Auftragsarbeit Dave Chappelle’s Block Party (2005) folgt damit nun sein Debüt als „Auteur“: basierend auf seinem Originaldrehbuch in Frankreich produziert und gedreht.

Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Die titelgebende Wissenschaft beschränkt sich auf eine knappe Beschreibung des richtigen Mischverhältnisses der Traumzutaten. Stéphane (Gael García Bernal) hat eine imaginäre Fensehshow, in der er seinen Zuschauern die Welt erklärt und vor einer Bluescreen gerne auch in seine eigenen Träume eintaucht, nachdem er die Zutaten in einem großen Topf verrührt hat. Das Phantastische, das den Film von Anfang an prägt, könnte auch aus der Feder Kaufmans stammen, mag man zu Beginn noch denken. Doch die unwirklichen Welten werden nicht durch ausgefallene Plotelemente hervorgerufen wie in Kaufmans Büchern. Es gibt keinen 7 ½. Stock wie in Being John Malkovich (1999), keine Drehbuch schreibenden Zwillingsbrüder wie in Adaption (Adaptation, 2002), kein wunderliches Gedächtnislöschen wie in Vergissmeinnicht!. In Science of Sleep entspringen die Traumwelten der Phantasie der Protagonisten.

Für einen Job kommt der Franco-Mexikaner Stéphane zurück nach Frankreich, doch Französisch spricht er kaum mehr. Bald lernt er seine Flurnachbarin kennen, in die er sich wenig später verliebt. Denn Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) ist „nicht langweilig wie alle anderen“. Wie er selbst verliert sie sich gerne in verrückten Universen, bastelt und erfindet Gegenstände in ihrer Freizeit. Als sich die beiden zum zweiten Mal begegnen, entscheiden sie kurzerhand, nicht ein Boot in einen Miniaturwald zu bauen, sondern die kleinen Bäume in das kleine Boot zu verlegen und mit der richtigen Mischung aus durchsichtigem und blauem Cellophan rundherum ein Meer zu gestalten.

Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Gondrys Exkursion ist geprägt von Stéphanes und Stéphanies Bereitschaft zur kindlichen aber konzentrierten Konstruktion eigener Welten. Stéphane ist ein Tüftler, er steckt, ob in Wirklichkeit oder Traum, in einem ständigen Schaffensprozess und kann nicht immer zwischen ihnen unterscheiden. Die Träume bestimmen sein Leben, trotz ihrer Irrealität, wirken sie auf ihn so echt wie für andere die Welt im Wachzustand und er durchlebt sie mit der gleichen Intensität. Ausruhen kann er sich daher am Besten, wenn er wach ist und nicht eine Stadt aus dem Nichts erschaffen lässt, den Chef zum Sturz aus dem Fenster treibt, unkontrolliert arbeitet oder als Kalender-Illustrator gefeiert wird. Tagsüber besteht seine Arbeit in einfachen Fingerübungen, die lediglich von seinen Kollegen erschwert werden, allen voran vom komödiantischen Guy (Alain Chabat), der keinen Augenblick still halten kann.

Geschickt strickt Gondry Stéphanes Lebens- wie Traumbewältigung und seine zunächst zaghaften Annäherungsversuche ineinander. Währenddessen verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit für Protagonist wie Zuschauer zusehends. Phantastische Elemente ziehen sich durch beide Ebenen, wie die 1-Sekunden-Zeitmaschine, mit der Stéphane und Stéphanie sich näher kommen, und die später im Schlaf die Richtung eines Bachs verändert. Doch trotz des scheinbaren Verwirrspiels ist anders als in Vegissmeinnicht! die Frage nach der Differenzierung der Ebenen in Science of Sleep kaum von Bedeutung. Vielmehr werden die schier grenzenlosen Phantasien zelebriert und die Welten für sich stehen gelassen.

Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Nach seiner Inszenierung von Jim Carrey und Kate Winslet als schicksalhaft verbundene Liebende gelingt es Michel Gondry erneut, zwei Stars als verletzliche und fehlbare Menschen darzustellen. Es spricht nicht nur für die Wandlungsfähigkeit seiner Darsteller, dass Charlotte Gainsbourg, hierzulande zuletzt in Lemming (2005) zu sehen und in Frankreich seit langem ein Star, und Gael García Bernal, seit Pedro Almodóvars La mala educación – Schlechte Erziehung (2004) als Homme fatal bekannt, tatsächlich wie ganz gewöhnliche Flurnachbaren wirken. Deren Spielereien entsprechen den unschuldigen Versuchen von kindgebliebenen Gemütern, sich miteinander zu verbinden. Mit Stopp-Trick, Pappmaché und Cellophan.

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