Romancing in Thin Air

Zeit zum Träumen. Die Beziehung zwischen einem Star und seinem Fan, verhandelt in verschiedenen Fiktionen. 

Romancing in Thin Air 01

Romancing in Thin Air (Gao hai ba zhi lian II) beginnt mit einer gescheiterten Beziehung. Der Superstar Michael Lau (Louis Koo) war mit seiner Schauspielkollegin eigentlich das Traumpaar des Boulevards. Doch dann lässt sie ihn wegen einem anderen vor dem Altar sitzen und treibt ihn damit in die Alkoholsucht. Zeit für einen Neuanfang. Vor Paparazzi flieht Michael auf einen Pick-up, der ihn in ein abgeschiedenes Berghotel bringt. Und während von den Angestellten bis zur Ärztin jede Frau aus dem Häuschen ist und sich mit dem ohnmächtigen Star auf einem Foto verewigen will, scheint allein die Hotelbesitzerin Sue (Sammi Cheng) immun gegen seinen Charme zu sein.

Wer einigermaßen mit Liebesgeschichten im Kino vertraut ist, kann sich schon denken, wie es weitergeht. Nun ist der Regisseur aber Johnnie To und auch wenn der nach John Woo und Tsui Hark wohl bekannteste Filmemacher Hongkongs sicher nicht nur Glanzleistungen abgeliefert hat, besteht seine Qualität doch darin, ein Genre nach allen Seiten auszuweiten. Eigentlich ist To für seine Actionfilme bekannt, die selten typische Genrearbeiten sind. Zuletzt konnte man sich bei dem Börsencrash-Thriller Life without Principle (Dyut meng gam, 2011) davon überzeugen, wie vielschichtig das Ergebnis sein kann. Gerade weil asiatische Liebesfilme aus dem Mainstream oft so klebrig und süßlich sind, dass sie für einen westlichen Zuschauer unkonsumierbar scheinen, ist aber eine gewisse Skepsis durchaus angebracht.

Romancing in Thin Air 03

In der Tat ist Romancing in Thin Air mitunter kitschig, überkonstruiert und realitätsfern. Doch To stellt überhaupt nicht den Anspruch, seine Geschichte in der Wirklichkeit zu verorten. Schon der Schauplatz heißt Shangri-La, was zwar einerseits ein Landkreis im Südwesten Chinas ist, wo der Film gedreht wurde, aber gleichzeitig auch jener fiktive Sehnsuchtsort, um den sich so viele Mythen ranken. Umgeben ist das Berghotel von einem endlosen Märchenwald, der ganz im Sinne der Romantik ein Eigenleben führt. Sues Mann Tian ist hier vor einigen Jahren spurlos verschwunden und man sollte sich als Zuschauer überhaupt keine Gedanken darüber machen, wie sich jemand über sieben Jahre in einem Wald verlaufen kann. Hier ist es eben so.

Seit dem Verschwinden von Tian versucht Sue die Zeit anzuhalten. Als etwa das Auto oder das Klavier ihres Gatten kaputt gehen, werden sie nur soweit wieder hergestellt wie er sie hinterlassen hat. Erst später erfahren wir, dass Sue zu diesem Zeitpunkt ein großer Fan von Michael Lau war. Dass der glatte Softie vor allem weibliche Projektion ist, macht schon deshalb nichts, weil der Film das sehnsuchtsvolle Träumen auch auf recht komplexe Weise thematisiert. So wie Michael von Sue einst idealisiert wurde, weil er unerreichbar schien, verhält es sich nun mit Tian. Den hat sie anfangs kaum registriert und lernte ihn dann zwar lieben, wirklich obsessiv ist ihre Zuneigung aber erst geworden, nachdem er verschwand.

Romancing in Thin Air 02

Die sich anbahnende Beziehung zwischen Star und traumatisiertem Fan nimmt dagegen leicht groteske Züge an. Mit einem Motorrad, dass sich Sues Mann wegen einem Film von Michael gekauft hat, wird plötzlich das gelebt, was zuvor nur Fantasie war. Und obwohl es im Hotel sogar einen Raum mit Devotionalien des Stars gibt, bleiben die beiden stets auf Augenhöhe. Einmal sieht sich das Paar Michaels Film My Husband’s Glasses an, der von einer Frau handelt, die sich nicht von ihrem verstorbenen Mann lösen kann. Und To spinnt das Netz aus motivischen Wiederholungen und Fiktionalisierungen noch weiter. Als die Beziehung vorerst gescheitert scheint, verfilmt Michael Sues Geschichte unter dem Titel Romancing in Thin Air. Zum zweiten Mal sieht sich die Witwe ihre Geschichte im Kino an, diesmal ist es auch wirklich ihre. Der Originaltitel von Tos Film weist ihn übrigens als eine Fortsetzung seines Films-im-Film aus.

Abgesehen davon, dass To und sein Stammautor Wai Ka Fai der Beziehung durch dieses Spiel mit verschiedenen Ebenen eine für das Genre unübliche Komplexität verleihen, merkt man dem Regisseur auch an, dass er nach über fünfzig Filmen einfach inszenieren kann. Mit eleganten Kamerabewegungen gleitet der Film zwischen mystischen Momenten, leichter Komödie und stillem Melodram hin und her. Dabei entwickelt er einen besonderen Charme, weil es sich selbst in den kitschigsten Momenten nie über seine Figuren und ihre Emotionen lustig macht. Vergleicht man Romancing in Thin Air etwa mit einer romantischen Komödie aus den USA, fällt auf, dass sentimentale Augenblicke nicht ironisch gebrochen werden müssen. Schließlich geht es hier auch um Träume und die sollte man gefälligst ernst nehmen. 

Mehr zu „Romancing in Thin Air“

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.