Raging Sun, Raging Sky – Kritik

In seiner dreistündigen Ode an die Macht der Liebe verbindet Julián Hernández bezaubernd schöne Bilder mit einer freien Erzählform.

Raging Sun, Raging Sky

Die abgedroschene Behauptung, wahre Liebe bedürfe keiner Worte, nimmt der mexikanische Regisseur Julián Hernández in seinem Film Raging Sun, Raging Sky (Rabioso sol, rabioso cielo) genau. Über die epische Laufzeit von drei Stunden widmet er sich einer Liebesgeschichte und verzichtet dabei, abgesehen von einigen kryptischen Sätzen aus dem Off, vollständig auf Sprache. Stattdessen erzählt er seinen Film über die überwiegend in grobkörnigem Schwarzweiß gehaltenen Bilder und die Körper seiner Laiendarsteller, deren Bewegungen, Gesten und Blicke detailliert von der Kamera eingefangen werden.

Der Film kreist lediglich um Bruchstücke einer Handlung: Zwei Jungen treffen sich, verlieben sich ineinander und sehen ihre durch und durch unschuldige Liebe von einem Dritten, einer Art Teufelsfigur, sabotiert. Den gesamten Film über bleiben diese Figuren schemenhaft und geheimnisvoll. Hernández zeigt sich nicht daran interessiert, eine individuelle Liebesgeschichte zu erzählen, sondern widmet sich der Liebe selbst, ohne sich einer linearen Handlung zu verpflichten.

Raging Sun, Raging Sky

Lange Zeit bleibt unklar, wovon Raging Sun, Raging Sky eigentlich handelt. Der Film beginnt mit einer metaphorischen Geburtsszene: Eine Frau steigt durch mehrere ringförmige Betonpfeiler und dringt in den urbanen Raum Mexiko Citys ein. Ohne ein ersichtliches Ziel vor Augen zu haben, flaniert sie durch die Stadt, unternimmt eine Busfahrt, trifft schließlich auf einen Jungen, mit dem sie Sex hat. Kurz darauf verschwindet sie plötzlich und taucht erst am Ende des Films, als Göttin des Lichts, wieder auf.

Diese Eröffnungssequenz ist bezeichnend für die ersten zwei Stunden des Films. Einem schweifenden Blick gleich bewegt sich die Kamera anschließend durch Straßen, Parks, Privaträume und die labyrinthischen Gänge eines schwulen Pornokinos. Immer wieder bleibt sie an Figuren hängen, scheint mehr über sie erzählen zu wollen und überlässt sie schließlich doch wieder der Dunkelheit. Für diese kontemplativen Momente nimmt sich der Film viel Zeit und obwohl einige Figuren wiederkehren, zeichnen sich erst nach der Hälfte des Films die eigentlichen Protagonisten ab, zuvor scheinen alle Figuren gleich wichtig oder unwichtig zu sein. Der besondere Reiz dieses ständig wechselnden Fokus besteht darin, dass viele Szenen keine dramaturgische Funktion einnehmen, sondern im besten Sinne rätselhaft und nutzlos bleiben.

Raging Sun, Raging Sky

Wenn sich das Beziehungsdreieck im letzten Drittel dann in eine zuvor schon mehrfach angedeutete mythologische Welt verlagert, wird der Film ein wenig albern. Hier lässt Hernández seine nackten, anmutig agierenden Figuren inmitten einer weitläufigen Landschaft den entscheidenden Kampf um die Liebe ausfechten. Dabei verleihen die Anklänge an die griechische Antike dem Film nicht nur einen allzu gewollten Kunstanspruch, sondern bedienen dabei auch sämtliche Klischees von kultiviertem Schwulenkitsch. Mit der fokussierten Erzählweise scheint plötzlich alles darauf ausgelegt zu sein, der Handlung Größe und Bedeutung zu verleihen.

Raging Sun, Raging Sky

Nun ist ein Film, der sich mit dem Thema Liebe beschäftigt, in der Regel ohnehin dazu verdammt sich in Sentimentalität und Kitsch zu verlieren. Hernández versucht erst gar nicht diese Tendenzen zu vermeiden, sondern bestärkt sie noch durch das schwarzweiße Filmmaterial, die schmachtenden Blicke seiner makellosen Jünglinge und vereinzelte, schnulzige Latino-Balladen. Jedoch geht die glatte Ästhetik ein interessantes Spannungsverhältnis mit der sich klassischen Erzählkonventionen verweigernden dramaturgischen Form ein. Schon in seinem letzten Film Broken Sky (El cielo dividido, 2006), der, wenn auch in kleinerem Format, fast dieselbe Figurenkonstellation und Handlung aufweist, widmete sich Hernández der unschuldigen Liebe eines jungen Paares. Beide Filme folgen einer radikalen Grundhaltung und zwar nicht, weil sie von Liebe handeln, sondern weil sie von nichts anderem handeln. Selbst die erste Hälfte von Raging Sun, Raging Sky, in der vor allem triebhafter, anonymer Sex zu sehen ist, dient ausschließlich als Vorbereitung und Kontrast für das zentrale Liebesmotiv, das seinen besonderen Reiz in der alltäglichen, urbanen Umgebung der mexikanischen Hauptstadt entfaltet. Hier gelingt es Hernández, den Gefühlszustand der Liebe in eine treffende filmische Form zu übertragen.

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