Quartett

Was einem vorbestimmt ist, muss gelebt werden, auch wenn es manchmal lange auf sich warten lässt: Dustin Hoffman führt Regie.

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Hätte er sich ein besseres Thema für sein Regiedebüt aussuchen können? Dustin Hoffman, 75-jähriger Superstar und zweifacher Oscar-Preisträger, hat sich nach 30 Jahren Schauspielkarriere einen lang gehegten und mehrfach knapp gescheiterten Traum erfüllt: einmal bei einem Film Regie zu führen. Auf den ersten Blick ist Quartett (Quartet) ein Film über Karriereenden. Im Altenheim „Beecham House“ verbringen ehemalige Sänger und Musiker ihren Lebensabend. Auch die drei früheren Opern-Kollegen Cecily (Pauline Collins), Reginald (Tom Courtenay) und Wilfred (Billy Connolly) leben hier in aller Beschaulichkeit. Bis die Ankunft einer neuen Bewohnerin, der ehemaligen Star-Sopranistin Jean (Maggie Smith), die allgemeine Ruhe durcheinanderwirbelt.

Ähnlich schön wie in „Beecham House“ würde sich wahrscheinlich jeder Zuschauer gerne seine letzten Jahre vorstellen: in einem herrschaftlichen Gebäude mit exquisiten Antiquitäten, umgeben von einem gepflegten Park mit Chrysanthemen und Kricketspiel, eingebettet in eine idyllische englische Hügellandschaft und versorgt von herzlichem, liebevoll zugewandtem Personal, allen voran der jungen blonden Ärztin Dr. Cogan (Sheridan Smith). Zweifelsohne leistet sich Dustin Hoffman beim Setting eine große Portion romantischer Verklärung. Entsprechend sanft und elegant gleitet John de Bormans Kamera über die sonnendurchfluteten Gartenwege und Musizierzimmer.

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Und auch die Gemeinschaft der Bewohner und Angestellten stilisiert Quartett zu einer großen, herzlichen Familie. Die kleinen Ränkespiele, Eifersüchteleien und verbalen Spitzen der Senioren beobachtet der Film mit ironischem Blick und englischem Humor. Vor allem zeichnet er eine solidarische Schicksalsgemeinschaft, die nicht etwa auf den Tod wartet, sondern auf die nächste Verdi-Gala, die zu Ehren des italienischen Komponisten im Altenheim organisiert wird. Der drohende Tod, auch das gehört zu Hoffmans Strategie der Verklärung, kommt nur in einer kurzen Fußnote am Frühstückstisch vor. Und ihrer zunehmenden Senilität, Inkontinenz und Gebrechlichkeit begegnen die Senioren mit Würde und gebührendem Humor: „Old age is not for sissies“, wird Bette Davis von den Protagonisten zitiert, hohes Alter ist nichts für Memmen.

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Dafür begleiten allgegenwärtige Wohlfühlmusik und vor allem beschwingte Verdi-Ohrwürmer vom Brindisi-Duett aus La Traviata bis zum titelgebenden Quartett „Bella Figlia dell’amore“ aus dem Rigoletto die Geschichte. Was bei den Figuren des Films ja auch naheliegt: An jeder Ecke, in jedem Hinterzimmer und Gartenpavillon wird musiziert und gesungen – weil Musik für sie einfach zum Leben gehört, so wie für Hoffman wahrscheinlich das Kino. Mit den vier Schauspielern für das Figurenquartett Jean, Cecily, Reginald und Wilfried hat der Regisseur sich auf alte Hasen der britischen Theater- und Filmszene verlassen, die ihre verschrobenen Figuren sehr feinfühlig verkörpern. Einen Großteil der Nebenrollen hat Hoffman mit ehemaligen Musikern besetzt, die hier zum ersten Mal vor der Kamera stehen, zum Beispiel die Opernsängerin Gwyneth Jones. Ein spätes zweites Debüt soll der Film also bewusst nicht nur für den Regisseur sein. Im leicht cholerischen Cedric (Michael Gambon), dem autoritären Oberchef und konspirativem Organisator der Verdi-Gala, lässt sich vielleicht so etwas wie eine wohltuende Selbstparodie von Dustin Hoffman erkennen.

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Ansonsten bleibt die Moral seines Films überraschend oberflächlich: Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Es nützt nichts, den Blick zurückzuwenden, also schauen wir nach vorne. Es zählt nicht das, was ich war, sondern das, was ich bin. Hier vergisst Hoffman aber, dass gerade seine Vergangenheit einen Menschen zu dem macht, was er ist. Und vielleicht hat Dustin Hoffman nach 45 Jahren höchst erfolgreicher Schauspielkarriere schlichtweg keine Message mehr für sein Publikum, sondern möchte einfach noch mal ein bisschen Spaß hinter der Kamera haben. Das darf er natürlich gerne, dafür unterhält er ja auch sein Publikum auf höchst amüsante Weise.

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