Penance

Schuld und Sühne unter Frauen. Kiyoshi Kurosawa lässt sich vom Format einer Fernsehserie nicht einschränken.

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Viele heute bekannte Regisseure haben während ihrer Laufbahn einmal fürs Fernsehen gearbeitet. Meist handelt es sich bei solchen Projekten allerdings entweder um Fingerübungen am Anfang der Karriere oder kurze Stationen zwischen zwei größere Filmen. Bei amerikanischen Serien wie Boardwalk Empire (seit 2010) oder Luck (2011) drehen etablierte Filmemacher wie Martin Scorsese und Michael Mann gerade einmal den Piloten und geben die Arbeit dann an weniger bekannte Kollegen ab. So prägnant der Stil einer Serie – man denke nur an den langsamen, wenig zugespitzten Erzählstil von Mad Men (seit 2007) – auch sein mag, die Ursache dafür liegt eher beim Serienkonzept und dessen verantwortlichem Autor. Für den Regisseur gilt vielmehr, dass Handschrift hinter Handwerk treten muss.

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Auch der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa hat neben experimentellen Kurzfilmen und Pinkfilmen den Einstieg ins Filmbuisness übers Fernsehen geschafft. Und genau genommen hat er ihm nie wirklich den Rücken gekehrt. Immer wieder sind Filme für den kleinen Bildschirm entstanden, manche davon, wie sein unheimliches Psychodrama Seance (Kôrei, 2000) zählen sogar zu seinen besten Arbeiten. Mit Penance (Shokuzai) hat er nun auch eine fünfteilige Mini-Serie gedreht, die wie eine Leistungsschau der letzten fünfzehn Jahre wirkt. Alles, was Kurosawa an unterschiedlichen Genres und Erzähltönen beherrscht, hier steckt es drin. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Kanae Minato – die auch verantwortlich für die Vorlage zu Geständnisse – Confessions (Kokuhaku, 2010) ist –, geht es in Penance um Schuld und Sühne, ein Thema, das in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert einnimmt. Man muss nur an sich selbst entleibende Samurais denken, um zu sehen, dass für den westlichen Zuschauer manchmal banal erscheinende Fehltritte unverhältnismäßig heftige Reaktionen erfordern.

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Am Anfang der Serie steht eine Tragödie. Nur kurz nachdem Emili mit ihren Eltern in eine Kleinstadt gezogen ist, wird sie von einem Fremden ermordet. Vier ihrer Freundinnen haben den Täter zwar gesehen, können oder wollen sich aber nicht an sein Gesicht erinnern. Emilis Mutter kennt jedoch kein Erbarmen und ringt den Mädchen ein Versprechen ab, entweder den Mörder zu finden oder für ihr mangelndes Engagement zu büßen. 15 Jahre später ist Zahltag. Jede Episode widmet sich einem der Mädchen, ihrer jeweiligen Lebenssituation und resultiert in einer Begegnung mit dem immer perfekt herausgeputzten Racheengel.

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Gerade Miniserien fallen stilistisch häufig sehr homogen aus. Die Besonderheit von Penance ist allerdings, sich nicht von einer inneren Geschlossenheit der Handlung einschränken zu lassen. Zunächst ist noch völlig unklar, wohin die Reise geht. Irgendwo zwischen Mysterythriller, Kriminalfilm und Melodram führt Kurosawa in die Handlung ein, findet den Anschluss zu seinen jüngeren Familiendramen (Tokyo Sonata, 2008) dabei ebenso wie an seine Geisterfilme (Pulse, 2001). Seine Stärke, das Unheimliche im Alltäglichen und das Alltägliche im Unheimlichen zu finden, zeichnet auch die Qualität seiner Serie aus. Psychische Zustände manifestieren sich neben dem Spiel der Darsteller immer wieder in düsteren Settings und beunruhigend brummelndem Sounddesign. Bei vielen kleinen Ereignissen bleibt zunächst im Unklaren, ob es sich um extreme Zufälle handelt oder wir es mit einem übernatürlichen Phänomen zu tun haben. Kurosawa hält sich gern in jener Grauzone auf, in der eine angeknipste Glühbirne auch ein Zeichen aus dem Jenseits sein kann.

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Inmitten der Rahmenhandlung über den ungeklärten Mord öffnen sich die Psychogramme von fünf Frauen und ihren gescheiterten Lebenswegen. Dabei interessiert sich die Serie auch für die soziale Realität Japans, erzählt von Kindesmissbrauch ebenso wie von Cyber-Mobbing und gesellschaftlichen Zwängen. Jede der Frauen hat der Tod von Emili auf eine andere Weise geprägt. Eine lässt sich zur Puppe fetischisieren, eine andere wird zur unnahbar aggressiven Lehrerin, die mit allen Mitteln verhindern möchte, dass so etwas noch einmal passiert, und wieder eine andere will ihre Nichte vom pädophilen Bruder schützen, findet trotz ihrer ehrenwerten Absichten aber keine Erlösung. Kurosawa blickt mit zurückhaltender Empathie in die Abgründe der menschlichen Seele. Und so tief sie auch sein mögen, in gut und böse lassen sich die Figuren nie einteilen. Hinter jeder noch so moralisch verwerflichen Tat steht ein zumindest teilweise nachvollziehbares menschliches Bedürfnis.

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Was Kurosawas Serie auszeichnet, ist, dass er das Thema der Schuld trotz einiger Stolpersteine nie im Pathos ertrinken lässt. So sorgt Penance immer wieder an den richtigen Stellen für Überraschungen. Gerade wenn wir uns an die Opferrollen von Emilis Freundinnen gewöhnt haben, treffen wir auf eine junge Frau, die sich einen Dreck um Vergebung schert und ihre Energien lieber dafür nutzt, das Leben ihrer verhassten Schwester zu ruinieren. Und nachdem lange das große Drama triumphiert hat, schlägt Kurosawa plötzlich komödiantische Töne an, nur um im letzten, der Mutter gewidmeten Kapitel alles auf den Kopf zu stellen und wieder ganz auf dicht inszeniertes Genrekino zu setzen.

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Obwohl Penance ein übergeordnetes Thema hat, gelingt es den Geschichten der jungen Frauen doch immer wieder, sich über lange Strecken von den Fesseln der Rahmenhandlung zu lösen und sich eigenständig zu entfalten. Das ist vor allem auch eine Abwechslung zu den dramaturgisch sehr viel enger konstruierten Serien aus den USA. Kurosawa gelingt es zudem im Gegensatz zu vielen Kollegen aus Übersee, die Besonderheiten seines Kinos fast ohne Abstriche auf ein anderes Medium zu übertragen.

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