Our Grand Despair

Der türkische Berlinale-Wettbewerbsbeitrags Our Grand Despair erzählt von zarter Freundschaft und sanfter Männlichkeit.

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Es wird dann doch nicht der angesichts des Titels befürchtete Depressions-Film. Nur am Anfang wird viel geweint, die erste Szene ist eine Trauerfeier für ein bei einem Autounfall ums Leben gekommenes Ehepaar. Die Tochter, ein hübsches Mädchen namens Nihal, wird von zwei Freunden ihres Bruders aufgenommen. Ender und Cetin sind ungefähr Mitte 30 und seit früher Jugend befreundet, zwei sanfte Männer, die sich anlächeln und nach dem Einzug Nihals von selbst auf die Idee kommen, künftig nur noch im Sitzen zu pinkeln. Der eine ist ein bebrillter Intellektueller, der andere etwas grobschlächtiger, aber auf diese liebe Balu-der-Bär-Art. Natürlich verlieben sich beide in das Mädchen, und ebenso natürlich wird keiner der beiden zum Zug kommen.

Seyfi Teoman inszeniert Our Grand Despair in manchmal etwas arg stiller Manier, aber mit der Zeit passt man sich der ruhigen Art des Films und der ruhigen Art der Männer an. Der Freundschaft unter ihnen sind die schönsten Szenen gewidmet, darunter auch solche von eher kindlicher als viriler Ausgelassenheit und von zurückgehaltener Komik, die meist in den Blicken der beiden liegt. Oft aber sieht man sie bloß kochen oder essen (natürlich ziehen sie ihre eigenen Kräuter auf dem Balkon), am Küchen- oder Schreibtisch sitzend oder auf der Wohnzimmercouch. Die Kamera steht dabei entweder ganz still oder vollführt langsame, präzise Schwenks, manchmal hin und her, als suche sie wie ein Pendel nach Ausgeglichenheit. Keine Spur einer wackligen Handkamera, wie sie sonst bei Filmen über so alltägliche Sujets gerne eingesetzt wird.

Ender und Cetin sind mit ihrer ausgependelten Ruhe und hoch entwickelten Empathie ein fast schon satirischer Gegenentwurf zur traditionellen Macho-Männlichkeit, wie sie in der Türkei in Kino und Gesellschaft üblich ist (aber natürlich nicht nur dort). Den beiden, und auch dem Film, dessen Hauptfiguren sie sind, scheint sämtliches Testosteron ausgesaugt worden zu sein. Unterschwellig steht die Frage im Raum, ob die beiden latent schwul sind, aber Hinweise gibt es darauf nicht, nur die Erzählungen über frühere Freundinnen, die es offenbar nie lange bei ihnen hielt.

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Vielleicht hätte aber ein wenig mehr Testosteron dem Film gutgetan, der auf Dauer dann doch zu leise vor sich hinplätschert. Aus der menage à trois wird nichts, auch aus der Konkurrenz von Ender und Cetin entwickelt sich keine weitere Handlung: Beide geraten einmal kurz aneinander, aber dann stehen sie sich schon wieder harmonisch und leise witzelnd am Fußball-Kicker gegenüber. Und so geht es einem mit Our Grand Despair wie mit diesen beiden Männern, die man im Verlauf des Films liebgewonnen hat: Man findet ihn sehr nett, aber auch ein bisschen langweilig.

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