Körper und Seele

Dissonanzen im Empfinden. In seinen besten Momenten fragt Ildikó Enyedis Film, ob wir nicht uns viel eher von den Tieren aus denken müssten als die Tiere von uns aus.

Wenn es darum geht, Körper und Geist miteinander zu harmonisieren, dann muss ein Psychologe für Erwachsene her. Die Kinderpsychologie stößt in diesen Fragen an ihre Grenzen – schließlich sind sie ja auch eng mit Sexualität verkoppelt. Maria (Alexandra Borbély) ist eine erwachsene Frau, sie hat gerade eine Stelle als Qualitätsprüferin in einem Budapester Schlachtbetrieb angetreten, und sie geht mit gnadenlos ungesunder Beharrlichkeit scheinbar immer noch zum selben Therapeuten wie früher, als sie noch ein Kind war. Vielleicht könnte ein Haustier ihr dabei helfen, Berührungsängste – Berührungsstörungen, um genau zu sein – abzubauen, so der Rat, den ihr Kindertherapeut gerade noch so aus dem Hut zaubern kann. Musik kann auch helfen, schiebt er hinterher.

Psychologen unter der Dusche

On Body and Soul

Es gibt zwei Psychologen in diesem Film. Beide sind hilflos ratlos. Weil ein Mitarbeiter des Schlachtbetriebs Potenzmittel für Bullen aus dem Apothekenschrank geklaut hat, um die Feiernden einer 50-Jahre-Abi-Party an alte Zeiten anschließen zu lassen, nimmt eine Psychologin die Belegschaft unter die Lupe: Vielleicht lässt sich der Täter ja aufstöbern, wenn man die Verdächtigen durch einen standardisierten Fragenkatalog zu ihrem Sexualverhalten jagt. Eine dieser Fragen zielt aufs klassisch Unbewusste, auf den Traum der letzten Nacht. Dabei stellt sich heraus, dass sich die berührungsphobische Maria mit ihrem Chef Endre (Géza Morcsányi) einen Traum teilt: Beide sind sie Hirsche, mit der Schnauze suchen sie nach Saftigem unter dem Schnee, ihre Nasen berühren sich, als sie aus dem Bach trinken, der da durch den Wald plätschert, ein bisschen wie Susi und Strolch. Die Psychologin hält diese heimlichen Liebestreffen im Traum freilich für einen schlechten Scherz und will eigentlich nur heim und unter die Dusche. Das ist eine schöne Umkehrung: Die psychologische Begutachtung, die eigentlich dafür vorgesehen ist, ein Problem zu lösen, wirft das Problem erst auf, richtet den Schaden erst an. Es wäre schön gewesen, hätte Regisseurin Ildikó Enyedi diese Idee von Psychologie durchgezogen, wäre ihr Film tatsächlich ein Film über das Scheitern der Psychologie, nicht nur der therapeutischen Option, sondern der Psychologie als Beschreibungsmodell überhaupt, handelte er von dem, was danach kommt, von dem, was ein Leib-Seele-Problem aufwirft, wenn die Psychologen längst zu Hause und unter der Dusche sind.

Tierische Träume

Tatsächlich scheint das auch zunächst das Anliegen dieses Films und seiner Liebesgeschichte, die sich nur im Traum realisieren lässt, zu sein. Wo zwei Menschen denselben Traum träumen, verstummt die Analyse – hier geht es schließlich um Romantik und ihre Exklusivität, die alles andere fernhält. Und: Es geht um Tiere, um Tierhaftes, das menschliche Psychologismen infrage stellt. Endre fragt einmal einen jungen Mann im Bewerbungsgespräch, was er bei der Schlachtung der Rinder empfinde, die in seinem Betrieb das Tagesgeschäft darstellt und die auch mit martialischer Tabubrecherei ins Szene gesetzt ist. „Gar nichts!“, antwortetet der Mann und meint damit, die richtige Antwort parat zu haben. „Wenn Ihnen die Tiere nicht leid tun“, so Endre, „dann sind Sie hier fehl am Platz – früher oder später wird Sie das kaputt machen.“ Wieder eine seltsame Ursache-Wirkung-Verkehrung, erst recht, wenn wir später einen Polizisten sehen, der angesichts der brutalen Schlachtungen mit heftigen psychosomatischen Reaktionen klarkommen muss. Wäre es da nicht besser, abgeklärt zu sein, die rohe Tötungsarbeit nicht zu nah an sich heranzulassen? Nein, anscheinend nicht! Aber warum? Das erklärt sich nicht, bleibt schlicht im Raum stehen, bleibt unvermittelt im indifferenten, höchstens noch stechenden Blick Endres, der den Mann, dessen falsche Antwort dann doch richtig genug war, trotzdem einstellt.

Ein brutaler Schnitt

Am interessantesten ist On Body and Soul immer dann, wenn er sich im Graubereich des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier bewegt, wenn er sich für die seltsame Affektivität interessiert, die solche Verhältnisse erst stiftet: seltsame Verbindungen – moralische, martialische, erotische, und immer auch ungeklärte, klärungsbedürftige, aber unklärbare. Die Sonne scheint auf den Balkon, Maria schiebt die Haare zur Seite, um ihr ganzes Gesicht anscheinen zu lassen – einer der zählbar wenigen Momente, in denen sie etwas zu genießen scheint, in der sich eine körperliche Empfindung in eine seelische hinübermoduliert. Dann: ein harter Schnitt in den Schlachthof, mitten hinein in den durchgetakteten Tötungsablauf. Wenn dieser Schnitt ein tierethisches Denken denkt, dann nicht, weil sich von menschlichem Empfinden bruchlos auf tierisches schließen ließe, sondern weil dieser Schluss gerade ein brutaler ist, weil er einen Schock auslöst. Tierethik ist in diesem Film und mit dieser Szene gerade nichts, was sich aus vernünftiger Deduktion ableiten ließe, nichts, was damit zu tun hätte, was man als Mensch empfindet, wenn man Tiere tötet, sondern etwas, was einen Schock, einen brutalen Transfer affektiver Strebungen in andere voraussetzt.

Es gibt noch Hoffnung

Wer sagt uns eigentlich – so ließe sich On Body and Soul in seinen spannendsten Momenten verstehen –, dass wir, die Menschen, sinnvoll über tierisches Empfinden urteilen können, dass wir aus solchem Urteil ethische Ideen gewinnen, wenn wir doch eigentlich umgekehrt auf die Tiere, und erscheinen sie auch nur im Traum, angewiesen sind, um eine Idee von Liebe zu entwickeln? Das Empfinden ist eine prekäre Kategorie, in der Wirklichkeit der Beziehungen im Allgemeinen und der Liebesbeziehungen im Speziellen hat sie keinen stabilen Wert. Enyedi findet ein schönes Bild: Die berührungsphobische Maria streichelt Endres gelähmten Arm. Ihr Berührungsvermögen ist dort intakt, wo nichts zurückfühlt. Die Beziehungen zwischen Menschen untereinander und zwischen Menschen und Tieren, Beziehungen schlechthin vielleicht, sind immer schockhaft, es herrschen immer Dissonanzen zwischen dem Einen und dem Anderen. Es gilt, solche Dissonanzen nicht aus dem Weg zu räumen, sondern sich in ihnen einzurichten. Träume muss man nicht analysieren, man muss sie aktualisieren, mitsamt ihrer Absurdität. Wo uns die Psychologie im Stich lässt, gibt es noch Hoffnung.

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