Napoleon Dynamite

Der Überraschungserfolg des jungen Regieneulings Jared Hess hat endlich den Weg nach Deutschland gefunden. Napoleon Dynamite stellt die amerikanische Highschool-Komödie vom Kopf auf die Füße.

Napoleon Dynamite

Eine ganz normale amerikanische Kleinstadt: Der Tupperwarevertreter (Jon Gries), welcher unzählige unbefriedigte Hausfrauen beglückt und eine unbezähmbare Sehnsucht nach den Achtziger Jahren verspürt; senile Bauern, die direkt neben der Hauptstraße ihre eigenen Kühe erschießen; ein Steven Seagal-Lookalike (Diedrich Bader), welcher in den „Rex“ Wan Doo-Kursen, mit denen er sein Geld verdient, harmlosen Hinterwäldlern das Fürchten lehrt; und mittendrin Napoleon Dynamite (Jon Heder).

Napoleon ist mit Sicherheit bereits heute eine der erstaunlichsten Entdeckungen dieses Kinojahres. Ein schlanker, großgewachsener Loser, der in seinem Leben viel zu viele Comics gelesen und in der Schule bei beiderlei Geschlecht wenig zu melden hat. Stattdessen übt er sich in obskuren Tänzen und ist damit beschäftigt, das Lama seiner Großmutter zu füttern. Ein Nerd durch und durch. Der Reiz, der von dieser anfangs doch eher unansehnlichen Gestalt ausgeht, ist kaum erklärbar, oszilliert zwischen belustigtem Mitgefühl und diskreter Bewunderung für ein derart konsequent gelebtes Außenseitertum. Später jedoch, mit den richtigen Kleidern, verwandelt er sich in eine Art verschrobenen Clint Eastwood, dem in Sachen Stil niemand mehr etwas vormachen kann. Napoleon prägt das Werk, das nach ihm benannt ist, von Anfang bis Ende. Und das, obwohl die Komödie andererseits ein Ensemblefilm im besten Sinne des Wortes ist.

Napoleon Dynamite

Doch der Reihe nach. Napoleons gleichförmig erfolgloses Leben an der örtlichen Highschool nimmt durch zwei neue Bekanntschaften eine entscheidende Wendung. Der neue Schüler Pedro (Efren Ramirez), der vor allem mit seinem Schnurrbart zu beeindrucken weiß, freundet sich mit ihm an und die linkische Deb (Tina Majorino) findet langsam aber sicher Gefallen an dem lockigen Exzentriker. Als Pedro für das Amt des Klassensprechers kandidiert, wird er nicht nur durch die „street credibility“ seiner muskelbepackten Cousins unterstützt, sondern auch von Napoleon, der fast überirdische Qualitäten zu entwickeln scheint.

Mehr Handlung im klassischen Sinne besitzt Napoleon Dynamite nicht. Der Rest dieser wunderbaren Indiekomödie besteht aus kleineren und größeren Gags, die um Napoleon sowie um seine Bekannten und Verwandten herum entstehen. Jared Hess, der Regisseur dieses kleinen Meisterwerks, setzt seine Pointen präzise, wählt jedoch nie den Weg des geringsten Widerstands. Klassische Oneliner oder Zoten, wie man sie nicht nur aus zahllosen Sitcoms, sondern auch aus den meisten neueren Komödien kennt, sucht man vergebens. Die Witze entstehen auf unterschiedliche Art und Weise, entfalten sich jedoch meist durch absurde Kombinationen und Gegenüberstellugen im Bildaufbau oder in der Montage. Die einzelnen Nummern, begleitet von äußerst disparaten popkulturellen Verweisen, gehorchen keinerlei Handlungslogik – in einigen Sequenzen sind sowohl zeitliche als auch räumliche Einordnung der Geschehnisse schlichtweg unmöglich – und erschaffen dennoch ein in sich schlüssiges und äußerst sympatisches Paralleluniversum. Alle Mitglieder des Casts sind grundsätzlich gleichberechtigt, auch wenn Napoleon die meiste Zeit im Mittelpunkt steht. Strukturell erinnert der Film an die wunderbare Mainstreamkomödie Jungfrau (40), männlich, sucht (The 40 Year Old Virgin), die allerdings erst ein Jahr später produziert wurde.

Napoleon Dynamite

Napoleon Dynamite scheint auf den ersten Blick, zumindest was das Sujet betrifft, voll in der Tradition amerikanischer Teenagekomödien zu stehen. Die meisten Beiträge dieses Genres ergreifen Partei für die Außenseiter und gegen zickige Cheerleaderprinzessinnen und stumpfe Footballstars. Im Allgemeinen findet die Rehabilitation der Nerds jedoch innerhalb der Institutionen statt: das hässliche Entlein wird Promkönigin, der Computerfreak gewinnt das Herz einer Cheerleaderin. Jared Hess verzichtet auf diese affirmative Geste. Stattdessen dekonstruiert sein Film das Highschoolleben nach allen Regeln der Kunst. Der Schulball ist mit seinen fürchterlichen Achtziger-Jahre-Klängen und Pappdekorationen von ebenso ausgesuchter Schäbigkeit wie die Tanzroutine, mit der Pedros Konkurrentin Summer die Schüler auf ihre Seite ziehen will. Die Darstellung des Schulalltags ist durch einen unbarmherzig naturalistischen Blick geprägt – und das in einem Film, in welchem ein 32jähriger computersüchtiger Rollerskatesfahrer auftritt, der sich durch eine mondäne Internetbekanntschaft zum Gangsterrapper wandelt. Die Alternative, die Napoleon, Jed und Pedro anzubieten haben, besitzt mit dieser profanen Alltagswelt keinen gemeinsamen Nenner. Die Klassensprecherwahl wird zum Kampf der Kulturen. Die Sympathien sind klar verteilt.

Napoleon Dynamite ist ein Befreiungsschlag für das in den letzten Jahren auch im Komödienbereich äußerst einfallslose amerikanische Independentkino, der fast aus dem Nichts zu kommen scheint. Die Produktion entstand mit äußerst geringem Budget, der Hauptdarsteller Jon Heder erhielt gerade einmal 1000 Dollar Gage. Das Ergebnis erinnert an einen ähnlich kleinen Film aus dem Jahre 1994. Damals drehte der ebenfalls vorher völlig unbekannte Kevin Smith mit ein paar Freunden den Film Clerks – Die Ladenhüter (Clerks), der zum Überraschungshit wurde und seinen Macher über Nacht zum Hoffnungsträger des unabhängigen Kinos machte. Smiths weitere Arbeiten konnten allerdings diesen Erwartungen nie gerecht werden. Bleibt zu hoffen, dass Jared Hess’ Karriere unter einem günstigeren Stern steht. In seinem nächsten Projekt Nacho Libre spielt Jack Black eine Art pummeligen Superhelden, der ein mexikanisches Kloster retten möchte. Das könnte interessant werden.

 

Trailer zu „Napoleon Dynamite“


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