Mein Stück vom Kuchen

Pretty Woman mit französischer Arbeiterwut: In seiner mit Klischees überbordenden Komödie entwirft Cédric Klapisch eine gesellschaftliche Beinahe-Utopie um einen Finanzhai und eine Proletarierin.

Mein Stueck vom Kuchen 01

Steve (Gilles Lellouche) kommt aus einer Welt, in der das Wort „Humanist“ eine Beleidigung ist. Er jongliert mit Finanzmilliarden und wettet auf Unternehmenspleiten. Wie auf den Bankrott der Firma Soframex in Dunkerque, in der France (Karin Viard) seit zwanzig Jahren arbeitet. Cédric Klapisch erklärt das Räderwerk des Kapitalismus in seinem neuem Film Mein Stück vom Kuchen (Ma part du gâteau, 2011) sozusagen synchron aus der sozialen Unter- und Obersicht. Schon im Vorspann verknüpft er die farbigen Container am Frachthafen von Dunkerque mit den farbigen Börsenkurven auf Steves Computerbildschirm.

Dazu baut Klapisch in einer groß angelegten Parallelmontage im ersten Drittel des Films eine Opposition zwischen den Welten seiner Protagonisten auf, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: In Steves Trader-Milieu geht alles darum, sich das größte Stück zu sichern. In France’ Arbeitermilieu lernt man, den Kuchen gerecht zu teilen. Egoismus versus Gemeinschaft, daran entlang verläuft die Konfliktlinie von Klapischs Klassenkampf. Gegen die Exzesse des modernen Finanzkapitalismus inszeniert er den Mythos des Arbeiters aus dem Norden, der seit Willkommen bei den Sch’tis (Bienvenu chez les Ch’tis, 2008) zu einem Stück Nationalidentität geworden ist: arm, aber menschlich und absolut verlässlich – die Heldin heißt nicht zufällig „France“. Allerdings begibt sich der Film mit derlei Verkürzungen auf glattes Eis.

Mein Stueck vom Kuchen 03

Mit einer gewissen dramaturgischen Kühnheit, um nicht zu sagen Leichtfertigkeit inszeniert Klapisch die Begegnung seiner unterschiedlichen Protagonisten. Als France ihren Job verliert, lässt sie ihre drei Töchter im französischen Norden zurück und sucht ihr Glück in Paris: Als Putzfrau soll sie dort natürlich ausgerechnet in Steves Designerwohnung für Ordnung sorgen. Um eine Geschichte zwischen der Mutter Courage und dem egoistischen Finanzhai in Gang zu bringen, scheut Klapisch vor keiner Übertreibung und keinem noch so platten Klischee zurück. Effizient und entscheidungsschnell in seinem Job, ist Steve unreif im Leben und neigt zum Selbstmitleid. Als sein vierjähriger Sohn Alban (Lunis Sakji) bei ihm auftaucht, den er selbst kaum kennt, ist France zur Stelle und macht sich als Nanny unabkömmlich. Er erklärt ihr die Börse, sie ihm das Leben und die Frauen. Und so kommen sich die beiden näher …

Denn auf die Sozialkritik alleine will sich das Drehbuch nicht verlassen, dazu ist der gesellschaftliche Aufstieg zu verlockend – und zu ergiebig im komischen Potenzial. Bei Pretty Woman (1990), dem Aschenputtel-Archetypus des zeitgenössischen Kinos, der an einer Stelle sogar direkt über die Tonspur zitiert wird, leiht sich der Film zahlreiche Motive: das Einholen von Rat über die Bezahlung von Zusatzleistungen zum eigentlichen Geschäftsverhältnis (hier: das Babysitten), ein bei der weiblichen Klientel Eindruck schindender Kurztrip im Privatjet (hier: nach Venedig), Shoppingexzesse (hier: im Supermarkt) etc. Wie Julia Roberts macht Karin Viard eine Wandlung von der Proletarierin zur eleganten Dame von Welt in hochhackigen Schuhen durch, die als weibliche Begleitung völlig deplaziert beim Geschäftsdinner dabei sitzt.

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Dass einem die Figuren irgendwie ans Herz wachsen, liegt sicherlich am intensiven Spiel der Akteure, insbesondere an Karin Viard, die ihre France absolut authentisch gibt. Trotzdem kratzt der Film regelmäßig an der Grenze zur Karikatur. Warum muss es gleich die Beinahe-Vergewaltigung eines mädchenhaften Models sein, um die ungeduldige Egozentrik des erfolgsverwöhnten Steve zu zeigen? Warum lässt Klapisch den kleinen Alban in einem Ledersessel sitzend mit dem Holzlöffel auf Kochtöpfe einschlagen, um dem Zuschauer zu zeigen, dass das Kind in Steves Leben stört? Und wenn Steve oberlehrerhaft France die globalisierte Ökonomie doziert, wird der Dialog einfach unerträglich. Dabei sind Klapischs Kamerabilder so glatt poliert, als hätte France noch einmal schnell mit ihrem Putztuch darüber gewischt.

Und für einen Moment lang befürchtet man, der Film könnte auch noch in einer ähnlichen gesellschaftlichen Utopie enden wie Pretty Woman, in der Katharsis des kapitalistischen Monsters. Doch wir sind nicht in Hollywood, und ganz zum Schluss erinnert sich Klapisch wieder der Proletarierwut – das ist seine Rettung – und lässt die Seifenblase seines Märchens gewaltsam platzen. Die gesellschaftlichen Welten bleiben, wie sie sind, und vor allem sauber getrennt. Das machen die letzten Bilder des Films deutlich. 

Trailer zu „Mein Stück vom Kuchen“


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