Mammut

Babel als Variation: Der Schwede Lukas Moodyson lässt die Handlung seines Mammutfilms munter zwischen New York, Thailand und den Philippinen springen. Seinem großen Vorbild ist er dabei in allen Belangen unterlegen. 

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In Zeiten von Globalisierung und episodischem Erzählen werden wir uns beim Film an den globalen Schnitt gewöhnen müssen. Wurden weite Distanzen im klassischen Kino noch fast immer durch eine Figur überbrückt und dieser Übergang mit dem Zwischenschnitt etwa einer Flugzeuglandung visualisiert, muss sich der Filmzuschauer in der Ära von Mobiltelefonen  und Internet darauf einstellen, binnen Sekunden von einem Kontinent zum anderen zu springen. Ein Pionier auf dem Gebiet dieses globalisierten Films ist der Mexikaner Alejandro González Iñárritu, der vor vier Jahren mit seinem Episodenfilm Babel (2006) den Regiepreis in Cannes gewinnen konnte.

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Dem Pionier folgen die Nachahmer: Der Schwede Lukas Moodysson, der die skandinavisch-deutsche Co-Produktion Mammut (Mammoth) inszeniert hat, bemüht sich gar nicht erst um das Kaschieren seiner Inspirationsquelle. Die Eheprobleme eines jungen New Yorker Paares, das Schicksal ihrer Immigranten-Haushälterin, zwei rührend anzusehende Geschwisterkinder auf den Philippinen, Nachtclubszenen in Thailand, und überall wird ständig telefoniert – das alles sind nur leichte Abwandlungen von Motiven, die wir aus Iñárritus Film kennen. Wo in diesem aber ein zentrales Ereignis die Episoden von innen zusammenhält, strebt Moodyssons Film nach außen, verliert jeglichen Bezugspunkt und droht vor lauter neuen Handlungssträngen und Motiven auseinanderzufallen.

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Gael García Bernal und Michelle Williams als Eheleute Leo und Ellen Vidales dienen in Mammut noch am ehesten als Motor der Handlung. Leo ist ein Startup-Unternehmer, der mehr zum Spaß ein Online-Netzwerk gegründet hat und sich nun auf einmal in Thailand wiederfindet, wo er einen Vertrag mit einem asiatischen Investor über einen zweistelligen Millionenbetrag unterzeichnen soll. Während Leo – ziemlich lost in translation – erst im Luxushotel und später während eines spontanen Rucksack-Abenteuers zu sich selbst findet und mit Elend und Sex-Tourismus konfrontiert wird, bleibt Ellen mit Tochter Jackie in New York zurück und macht eine ähnlich schwierige Entwicklung durch: Sie muss erkennen, dass Haushälterin Gloria längst zur beliebteren Mutterfigur für die kleine Jackie geworden ist, die lieber philippinische Tagalog-Vokabeln übt, als mit ihrer Mutter Pizza zu backen. Gloria wiederum wird von ihren beiden Söhnen auf den Philippinen vermisst, die verzweifelt nach Arbeit suchen, um ihrer Mutter die baldige Rückkehr zu ermöglichen.Diesen in jeder Hinsicht überfrachteten Plot nutzt Moodysson, um eine Vielzahl von gesellschaftlichen Themen anzuschneiden, zu denen er  nichts Substantielles  zu sagen hat. Auch emotional kann Mammut nicht überzeugen, vor allem im letzten Drittel lässt der Film gerade wegen seines zwanghaften Bemühens um affizierende Sequenzen erstaunlich kalt. Was auch mit der Wahl stilistischer Mittel, sowie der Verwendung von sentimentalen Popsongs zusammenhängt. Hier erinnert Mammut streckenweise an US-amerikanische Independent-Produktionen der jüngeren Zeit, die sich – häufig im Wettbewerb der Berlinale, wo auch Mammut im letzten Jahr Premiere feierte – als unfreiwillige Independent-Parodien entpuppten. Dem Schweden lässt sich noch zugute halten, dass er sich im Gegensatz zu anderen dieser Festival-Enttäuschungen überhaupt an einen Großentwurf wagt und für manche globalen Zusammenhänge unserer Zeit durchaus passende filmische Ideen entwickelt hat. Wenn Ellen bei einem Planetariumsbesuch mit ihrer Tochter angesichts der Endlosigkeit des Universums die Tränen kommen und Leo fasziniert vor einem wilden Elefanten stehen bleibt, dann lässt man sich trotz der eher simplen und überdeutlichen Symbolik von Mensch und Kosmos für einen Moment auf die Figuren ein und erkennt zumindest das Potential, das in dem Projekt steckt.

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Letztlich kann Mammut dieses Potential aber nicht ausschöpfen und scheitert am eigenen Anspruch. An zu vielen Orten spielen sich zu viele Konflikte um zu viele Figuren ab. Vor allem der Vergleich zum offensichtlichen Vorbild Babel lässt die Defizite deutlich hervortreten: Iñárritu schwächt die globalen Sprünge des Drehbuchs filmisch ab, nimmt den Übergängen durch visuelle Analogien die Härte des Schnitts und etabliert sie als Verbindungsglieder zwischen den Welten. In Mammut dagegen ist fast jeder Übergang störende Zäsur. Moodysson schneidet zwischen den USA, Thailand und den Philippinen so häufig und willkürlich hin und her, dass wir uns auf keine der drei Welten und ihre Figuren einlassen können. Der globale Schnitt wird zum Selbstzweck, der kein kohärentes Werk mehr zulässt. Es geht um alles und um nichts, und am Ende singt wie immer Cat Power. 

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