Kammerflimmern

In seinem Regiedebüt erzählt Hendrik Hölzemann von dem jungen Rettungsassistenten Paul, der von allen „Crash“ genannt wird, weil er als kleiner Junge einen Autounfall überlebte. Neben der Visualisierung der Auswirkungen des Unfalls auf Paul ist es dem Regisseur und Drehbuchautor gelungen, den Alltag im Kölner Rettungsdienst realistisch zu schildern und eine wunderschöne Liebesgeschichte in intimen Bildern einzufangen.

Kammerflimmern

Hendrik Hölzemanns Debüt beginnt mit einer fröhlichen Autofahrt. Ein junges Paar fährt mit seinem siebenjährigen Sohn Paul über Land. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel geschieht ein Unfall. Paul geschieht nichts, aber er sieht seine blutüberströmte, bereits tote Mutter im Auto und den Vater sterbend auf einer Wiese liegen. Verstört greift er sein Skateboard und lässt sich die Landstraße hinuntergleiten. Entfliehen kann er dem Erlebten und Gesehenen nicht – denn noch zwanzig Jahre später träumt er davon. Und deshalb beginnt Kammerflimmern zwar mit dem Unfall, übermittelt ihn aber ganz konsequent als einen Traum von Paul.

Träume, Alpträume, spielen in Pauls (Matthias Schweighöfer) Leben eine große Rolle; und für den Film geben sie die Struktur vor. Paul ist Rettungsassistent bei einem Sanitäterdienst in Köln und fährt mit seinem Kollegen Fido (Jan Gregor Kremp) einen Rettungswagen. Kammerflimmern kann so zahlreiche kleine Geschichten erzählen, die sich ganz zwanglos aus den Erlebnissen der beiden Sanitäter ergeben. Es wäre für den jungen Regisseur leicht gewesen, der sich aufdrängenden Episodenform nachzugeben, aber gerade dies hat Hölzemann vermieden. Trotz der vielen kleinen, im Grunde nicht miteinander zusammenhängenden Ereignisse, ist es ihm gelungen, ein Ganzes zu schaffen. Er hat straff inszeniert und selbst Kleinigkeiten geschehen immer in Rückbezug auf seine Hauptfigur. Natürlich ist dies nur möglich, wenn diese Hauptfigur mit einem Schauspieler besetzt ist, der seine Rolle wirklich ausfüllt und Matthias Schweighöfers Präsenz und Intensität, mit denen er seine Rolle ausgestattet hat, beeindrucken noch mehr, wenn man bedenkt, dass dies seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm ist.

Kammerflimmern

Die Geschichte erinnert – zum Teil bis in Einzelheiten hinein – an den vor einigen Jahren leider nicht sehr erfolgreich gelaufenen Scorsese-Film Bringing out the Dead (1999). Aber nicht nur deshalb hat man mitunter das Gefühl, einen Film zu sehen, den man schon kennt. Vielleicht liegt es an der Routine, die dieser Debütfilm merkwürdigerweise ausstrahlt, denn es gibt auf der Ebene der Inszenierung kaum Ecken und Kanten an dieser eigentlich so rauen Geschichte; alles funktioniert fast zu gut: Die eingebetteten Traumsequenzen, die hervorragenden Schauspieler, die dokumentarisch inszenierten Krankenhausszenen, die eingestreuten amüsanten Szenen zur Erholung.

Daneben gibt es auch Elemente des Films, die weniger gelungen sind; etwa die filmmusikalische Gestaltung. Der etwas zu nette, meist nur schicke Popbeat (u.a. von Lee Buddha, Wirehead, Blackmail) bringt manche Szenen sehr aus dem Gleichgewicht und lässt den Film mitunter zu gefällig erscheinen. Auch die religiöse Dimension, in die der Schluss des Films offenbar tendieren möchte, ist fragwürdig. Wenn Paul, liegend, aber mit ausgestreckten Armen, den Gekreuzigten symbolisiert, oder in den letzten Einstellungen des Filmes als blutüberströmter Schmerzensmann erscheint, wirkt das aufgesetzt und deplaziert. Insgesamt mögen das Kleinigkeiten sein, denn es gibt daneben Szenen, in denen eine eigene Handschrift deutlich wird. Am eindrucksvollsten sicher in der ungewöhnlich intensiven und sehr intimen Liebesszene zwischen Crash und November (Jessica Schwarz) oder in den Szenen mit der Notärztin Gabriella Neumann (Bibiana Beglau).

Nach seinem Drehbuch zu Benjamin Quabecks Debütfilm Nichts bereuen (2000) empfiehlt sich Hendrik Hölzemann mit seinem ersten, vollständig eigenem Film Kammerflimmern als ein Regisseur und Autor, auf dessen nächsten Film man unbedingt gespannt sein kann. Hier wird sich zeigen, auf welche Elemente seiner Erzählkraft er mehr vertraut.

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