Jauja

Sisyphos in Patagonien. Lisandro Alonso hat einen Film gedreht, der historisch und ästhetisch in die Vergangenheit blickt und sich dabei zunehmend auflöst.

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Erschöpft ist der dänische Hauptmann zu Boden gesunken. Da liegt er nun, mit seiner verdreckten Uniform, ausgemergelt von einer beschwerlichen Reise durch die koloniale Vergangenheit Argentiniens. Und während dazu einige warme, von Hauptdarsteller Viggo Mortensen selbst eingespielte Gitarrenakkorde zu hören sind, thront über ihm ein unwirklicher Sternenhimmel. Man fühlt sich in diesem magischen Kinomoment wie in einem fantasievollen Bilderbuch. Und es zeichnet sich schon ab, dass die Reise von Lisandro Alonsos mürrischem Helden wie auch die Erzählung des Films ins Leere laufen werden. Die Suche des Hauptmanns nach seiner Tochter, die erst mit einem jungen Soldaten durchgebrannt ist und später vermutlich von einem indigenen Bösewicht mit einer Affinität zum Crossdressing entführt wurde, findet kein Ende, sie wird zur  Sisyphosaufgabe in einer von der erhabenen Natur Patagoniens gerahmten filmischen Welt. In ihr formen sich historische Fakten zu einem künstlichen, die Grenzen von Zeit und Raum hinter sich lassendem Szenario.

Eine Reise ins Ungewisse

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Jauja lässt sein Publikum etwas verwirrt zurück. Ob es sich dabei um eine schöpferische Ratlosigkeit handelt oder um eine, die nur um ihrer selbst willen existiert, hängt auch von der Bereitschaft des Zuschauers ab, sich in einem Universum zurechtzufinden, in dem es zum Konzept gehört, dass nicht alles ineinander aufgeht. Dabei beginnt Alonso seinen Film zwar entschieden stilisiert, aber auch sehr narrativ. Es ist eine Ausgangssituation wie im Western: Wir befinden uns im späten 19. Jahrhundert, an einem Außenposten einer militärischen Einheit, die aus Argentiniern und Dänen besteht. Im Rahmen der Wüstenkampagne werden bereits die ersten Gebiete der indigenen Einwohner besetzt. Doch davon ist hier nichts zu sehen. Nur eine Handvoll historisch kostümierter Figuren tritt auf, die, als wären sie einem absurden Theaterstück entsprungen, verloren durch die Landschaft wandeln. Nachdem die Tochter des Hauptmanns schließlich von einem älteren Offizier aufdringlich umworben wird und daraufhin das Weite sucht, macht sich der wütende Vater im noch nicht eroberten Land auf die Suche nach ihr.

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Hier tritt die Handlung dann in den Hintergrund, und Alonso ist wieder bei seinem Lieblingsmotiv angekommen, das man aus Filmen wie Los muertes (2004) und Liverpool (2008) kennt: Ein einsamer, von inneren Dämonen getriebener Mann begibt sich auf eine Reise ins Ungewisse. Der Weg ist dabei das Ziel. Schrittweise führt uns der Regisseur zu einem Kino der – zumindest vordergründigen – Langsam- und Ereignislosigkeit. Je weiter sich das Narrative entfernt, desto stärker wird der Blick für das vermeintlich Unspektakuläre geschärft: für die Suche nach Wasser, das Essen von Beeren und vor allem für das Laufen. Während Mortensen über Berge und Täler keucht, streut Alonso immer wieder Momente voll absurdem Wahnwitz und trockenem Humor ein. „Scheißland“ schimpft der Hauptmann etwa, während er unter großer Anstrengung einen steinigen Berg erklimmt. Das Scheitern und die Erschöpfung treten zunehmend in den Vordergrund, und der starke Krieger wird zum Gefallenen. Der Kolonialherr scheitert am besetzten Land.

Kein Vintage-Purismus

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Der Blick in die Vergangenheit ist auch ein ästhetischer. Ähnlich wie Raya Martin (Independencia, 2009) und Miguel Gomes (Tabu, 2012) widmet sich Alonso der Kolonialgeschichte seiner Heimat und imitiert dabei den Look eines Stummfilms. Aber nicht bis zum Äußersten. Die 4:3-Bilder mit ihren abgerundeten Ecken sind zwar auch durch den Bildaufbau und die meist statischen, totalen Einstellungen an diese Ära angelehnt, werden aber von den leuchtenden Farben des 35mm-Materials kontrastiert. Visuell ist der Film ohnehin ungemein schön. So sorgfältig und dicht wie die Einstellungen komponiert sind, so weit führen sie auch in die Tiefe einer nie endenden Naturkulisse. Da offenbaren sich filigrane Bildwelten, wie sie nur selten zu sehen sind. Man will es kaum glauben, in wie vielen unterschiedlichen Nuancen Grau-, Braun- und Grüntöne zu schillern vermögen.

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Die Kombination von alter und neuer Ästhetik wirkt zunächst etwas beliebig, als würde Jauja einen Vintage-Purismus anpeilen, aber mit seinen kräftigen Farben nicht in letzter Konsequenz durchziehen. Doch die Kreuzung der unterschiedlichen Zeiten ist Programm. Unvermittelt springt der Film gegen Ende von einer sowieso nur rudimentär auf historischen Fakten basierenden Vergangenheit in ein pastorales Dänemark der Gegenwart, in dem die Tochter noch einmal als moderner Teenager auftaucht. Der Hauptbezugspunkt zwischen diesen beiden Welten ist die kleine Holzfigur eines dänischen Soldaten, die an den seltsamsten Stellen auftaucht. Doch auch ansonsten spielt Alonso immer wieder mit denselben Motiven in unterschiedlichen Kontexten. Am Anfang des Films wünscht sich die Tochter etwa einen Hund, der ihr überallhin folgt. Später ist es dann der Vater, der in der Ödnis auf einen Vierbeiner trifft, der ihm langsam trottend den Weg weist.

Ein unmöglicher Sehnsuchtsort

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Den Ansatz einer Lösung für die Rätsel, die der Film aufwirft, bietet sein Titel. Nach einer Legende aus der Zeit der spanischen Eroberung bezeichnet Jauja ein Schlaraffenland, in dem niemand arbeiten muss und alle glücklich sind. Die Texttafel am Anfang klärt uns allerdings darüber auf, was das Verzwickte an diesem Sehnsuchtsort ist: Jeder, der sich auf die Suche danach macht, verschwindet letztlich. Jauja durchläuft einen zunehmenden Prozess der Auflösung, in dem alle Sicherheiten zu schwinden beginnen. Als der Hauptmann gegen Ende in einer Höhle auf eine ältere Dänin trifft, ist er sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er eigentlich ein Mann ist. Die einsame Fremde, die ihm gegenübersitzt, spricht er dagegen als seine Tochter an. Und auch die Handlung rinnt einem wie Sand durch die Finger, allerdings nicht ohne in unseren Köpfen Spuren eines sehr bemerkenswerten und nie ganz greifbaren Kinoerlebnisses zu hinterlassen.

Trailer zu „Jauja“


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Kommentare


Liederliche Elfe

Schön und sehr passend geschrieben. Ein sehr besonderer Film.
Spannend beim Sehen fand ich, wieviele Menschen im Kino die Textlosigkeit von längeren Passagen kaum zu ertragen scheinen.






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