Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans

Am Fuße eines Vulkans, der jeden Tag ausbrechen kann, erzählt der guatemaltekische Regisseur Jayro Bustamante eine Geschichte von Frauen, die sich ihrer Ohnmacht nicht ergeben wollen, auch wenn ihre Hilferufe niemand versteht.

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Ein Schwein wird zu seinem Käfig gezerrt und wehrt sich mit aller Macht. Seine Schreie fahren bis ins Mark, es muss ruhiggestellt werden, damit es Nachfolger zeugen und dann ausgeblutet werden kann. Auch der jungen María (María Mercedes Coroy) wird kein Schrei helfen – sie muss heiraten, damit die Zukunft ihrer Familie gesichert ist. Die traurige Akzeptanz ist in Marías Mimik fest verankert, nur in Gegenwart ihrer Mutter (María Telón) hebt sie zwischendurch den Blick und lässt eine Spur von Zutrauen erahnen, das aber – in der Gewissheit, auch von ihr in dieser Welt keine Rettung erwarten zu dürfen – nie von Dauer sein kann.

Der Traum jenseits des Vulkans

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Jayro Bustamante wuchs selbst in einem Dorf der Kakchiquel-Mayas auf, die im Zentrum seiner Geschichte stehen. Ein Schauspiel- und Schreibworkshop mit Frauen aus der Region war die Grundlage für den Produktionsprozess: Hier fand er seine Hauptdarstellerinnen, die sich mit einer solch beklemmenden Distanz durch diese Welt bewegen können – wahrscheinlich auch deshalb, weil sie eben tatsächlich ihre Heimat ist. Hier stellen sie sich Dämonen, die ihnen nicht fremd sein werden, und demonstrieren, dass sie sich ihrer nicht schämen. Dass sie kämpfen wollen, auch wenn sie dabei nicht viel Hilfe erwarten können. Der toten Landschaft hauchen sie mit ihrer bunten Kleidung im gleißenden Sonnenlicht Leben ein und bringen dem Vulkan Opfer, damit der ihre Existenz verschont, während die Männer ihre Träume von Amerika in die allgegenwärtigen Schnapsflaschen murmeln. Was von dort kommt, muss gut sein, und wer dorthin geht, kann es noch werden.

Dialoge sind in Ixcanul rar, denn für María gibt es nicht viel zu besprechen. Sie kennt die Regeln und muss mit sich selbst ausmachen, wie sie mit ihnen umgehen will. Kein Lachen kommt über ihre Lippen, feste Entschlossenheit und stille Ergebung wechseln sich ab. Das Gesicht wird zur makellosen Schutzmauer, die erst bröckelt, als es nicht länger nur das eigene Leben zu bewahren gilt.

Die Schlangengrube vor der Haustür

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Marías Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, was man bei ihrem exemplarischen Charakter kaum glauben kann. Die ständige Bedrohung durch den Vulkan in der Höhe ist längst Teil der Lebenswirklichkeit der indigenen Einwohner an seinem Fuß, doch neu ist die Schlangengrube am Boden. Den Reptilien reichen keine symbolischen Opfer, sie fordern menschliche, aus Fleisch und Blut. Gegen sie gibt es kein Ankommen. Weder Gottvertrauen noch mütterliche Urkräfte und schon gar kein Mittel aus Amerika können die Gefahr vertreiben. María versucht es trotzdem und fällt durch die Grube in eine Welt, in der erst recht niemand ihre Sprache spricht: Während der Handlungsspielraum in ihrem alten Leben begrenzt war, wird die Hilflosigkeit jetzt absolut, doch Bustamante kennt kein Erbarmen. Er schickt seine Hauptfiguren mit leeren Taschen durch eine urbane Hölle, die für die Flucht einen Tribut fordert und entkräftet auf einen Schlag alle Hoffnungen, die jenseits des Vulkans ihren Ursprung haben.

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Die Möglichkeit von Freiheit scheint in Ixcanul in immer weitere Ferne zu rücken, doch je malerischer Bustamante die karge Landschaft inszeniert, je beruhigender er mit Geräuschen von zupfenden Händen, raschelnder Kleidung und gleichmäßgem Atem jegliche Musik oder Soundeffekte unnötig werden lässt, desto lauter stellt er die Frage, wie subjektiv der Begriff von Ohnmacht eigentlich ist. Die Welt ist begrenzt, und doch scheint alles aus der Not geborene besser und sinnvoller als das vom Ehrgeiz geschaffene. Der Regisseur und seine Hauptdarstellerinnen zeichnen ihre eigene Kultur als poetisch-schönes Gefängnis, dessen Mauern für jede anders aussehen, und verstecken den Schlüssel mittendrin.

Trailer zu „Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans “


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Kommentare


Ute Hillmann

Der Film hat mich sehr bewegt und ich hoffe, dass er ins Kino kommt...ich würde ihn wirklich gern nochmal sehen und vor allem auch meiner Tochter, an die ich dabei denken musste, ermöglichen diesen wunderbaren Film zu sehen.






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