In einer besseren Welt

Susanne Biers oscarprämiertes Drama ist eine feinfühlige Allegorie auf die biblischen Motive von Schuld und Rache.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (Zweiter Mose 21, 24) heißt es in der Bibel, aber auch „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin“ (Matthäus 5, 39). Dem zwölfjährigen Elias (Markus Rygaard) werden in Susanne Biers Film In einer besseren Welt (Hævnen) beide Prinzipien vorgelebt.

Rache oder moralische Überlegenheit?

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Der schüchterne, von einer Bande älterer Mitschüler drangsalierte Junge lernt, dass man sich rächen kann, als sein neuer Klassenkamerad Christian (William Jøhnk Nielsen) überraschend zurückschlägt und in einer Art vorauseilender Selbstverteidigung den Anführer Sofus mit einem Messer bedroht. Zwischen den Außenseitern, die beide unter schwierigen familiären Verhältnissen leiden, entwickelt sich eine stillschweigende Komplizenschaft und intensive Freundschaft. Fassungslos beobachten Christian und Elias, wie Elias’ Vater Anton (Mikael Persbrandt) von einem anderen Vater auf dem Spielplatz geohrfeigt wird, ohne auch nur im Ansatz den Reflex einer körperlichen Verteidigung zu zeigen.

Um den nach Genugtuung trachtenden Jungen zu beweisen, dass er in diesem Konflikt der moralisch Überlegene geblieben ist, wird Anton zu einem späteren Zeitpunkt unerschrocken eine weitere Ohrfeige in Kauf nehmen – ohne Elias und Christian wirklich überzeugt zu haben, denn die schmieden an ihren eigenen lebensgefährlichen Racheplänen.

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Es ist interessant, dass Susanne Bier als Frau nach Brothers – Zwischen Brüdern (Brødre, 2004) ein weiteres Mal vor allem männliche Figuren im Blick hat. Christians Mutter ist tot und Elias’ Mutter Marianne (Trine Dyrholm), die in Trennung von ihrem Mann lebt, hat kaum Einfluss auf ihren Sohn und bekleidet im Film vor allem eine funktionale Rolle. Wie bereits in Brothers thematisiert Bier die menschliche Schuld und inszeniert sie wieder in zwei vermeintlich weit voneinander entfernten Welten: dem scheinbar heilen Familienalltag in Dänemark und einem tristen Flüchtlingscamp irgendwo in Afrika.

Die Möglichkeit der Versöhnung

Es ist eine Stärke des Drehbuchs, dass es die verhandelten Fragen nach Schuld und Sühne, Rache und Verzeihung nicht moralisiert und auch bei der Figurenzeichnung nicht der Schwarz-Weiß-Malerei verfällt. Alle Figuren haben Schuld auf sich geladen und müssen mit den eigenen Fehlern leben, auch Anton, der als idealistischer Arzt regelmäßig für wochenlange Einsätze im afrikanischen Flüchtlingscamp seine Familie verlässt.

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In vielen Großaufnahmen filmt Bier die sprachlosen Gesichter ihrer Schauspieler, in denen sich die von den Figuren durchlebten moralischen Konflikte und quälenden Schuldgefühle widerspiegeln. Da ist Anton, der bei einer brutalen Hinrichtung im Flüchtlingscamp hilflos zulassen muss, dass die Rache über seine pazifistischen Ideale triumphiert. Da ist Christians Vater Claus (Ulrich Thomsen), der die Trauer um seine verlorene Frau nicht in Worte fassen kann und im tief gestörten Verhältnis zu seinem Sohn die Kommunikation aufgegeben hat. Und Christian, der dem Vater die Schuld am Tod der Mutter gibt und seine Einsamkeit und seinen Kummer hinter einer trotzigen Miene versteckt. Durch minimale Mimik machen die exzellenten Schauspieler deutlich, wie der Seelenschmerz in ihren Figuren arbeitet.

Obwohl der Film darauf verzichtet, klare Antworten zu geben, schleicht sich zum Ende die Zuversicht ein, dass Versöhnung möglich ist. Und dass sie eigentlich die einzig mögliche Lösung ist, weil der Tod überall lauert, der die endgültige Antwort auf alle menschlichen Schmerzen gibt. Und spätestens dann ist es unwiderruflich zu spät, wie es Claus nach dem Tod seiner Frau bitter erfahren muss. Dafür findet Susanne Bier viele starke Bilder.

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Das einzige, was man dem ansonsten sehr differenzierten Film vorwerfen möchte, ist der im Stil vieler Hollywoodfilme getimte dramatische Höhepunkt auf dem Dach eines Getreidesilos. Überzeugender sind die zahlreichen Stimmungsbilder der dänischen und afrikanischen Landschaft, für die sich die Regisseurin viel Zeit nimmt. Die ruhigen Bilder durch den Himmel ziehender Vogelschwärme oder vom Wind gebeutelter afrikanischer Wüstensträucher bezeichnen in gewisser Weise die stoische Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlicher Ranküne und Schuld. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das ein Gewissen hat, mit dem es ins Reine kommen muss.

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Kommentare


projekt2501

Das liest sich wie eine Nachbesprechung. Viel Erzählung bleibt dem Film da ja nicht mehr ünbrig.


Martin Zopick

Wenn jeder so wäre wie Anton (Mikael Persbrandt, der ewige Assistent von Kommissar Beck) der Arzt ‘ohne Grenzen‘ in Afrika, würden wir in einer besseren Welt – vielleicht sogar im ‘Himmel‘ (Titel!) leben. Susanne Bier erzählt eine Geschichte voller Parallelen über Gewalt. Das Potential bei den Jungs und Vätern ist das gleiche: drangsalieren und drangsaliert werden. Dabei gibt es einen Ehrenkodex: bloß nicht das Gesicht verlieren. Die Kids, Christian und Elias, sind ein Spiegelbild der Erwachsenen. Nur Anton ist für völlige Gewaltfreiheit, weil er in Afrika täglich damit konfrontiert wird. Dabei ist er weißgott kein Weichei. In Afrika stellt sich für ihn ein zusätzliches Problem: einem Warlord und Massenmörder das Leben zu retten. Heilen oder richten?! Für die Buben ist er kein Held. Die basteln aus Rache für die Demütigung Antons eine Bombe mit fatalen Folgen. Es trifft wie immer Unschuldige.
Auch die Ausgangssituation ist gut gewählt: Christians Mutter ist tot, er gibt die Schuld seinem Vater. Die Eltern von Elias Anton und Marianne (Trine Dyrholm) leben getrennt. Wohl eher aus beruflichen Gründen. Hier greifen aus der Sicht des Umfeldes (Lehrer) die Klischees– liegen aber eigentlich voll daneben.
Wie dies alles mit Einsichten und Erkenntnissen zu einem ‘guten‘ Ende gebracht wird, wird überzeugend dargestellt. Die kurzen Emotionsausbrüche tun der Lösung keinen Abbruch, vertiefen nur die Anschaulichkeit. Ein ergreifendes Drama mit Niveau und einem guten Ausgang.






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