Ihr Name ist Sabine

Die Dokumentation der französischen Schauspielerin Sandrine Bonnaire (Kann das Liebe sein?, Je crois que je l’aime, 2007) über ihre jüngere Schwester beleuchtet das Thema Autismus jenseits von Rain Man-Kitsch.

Ihr Name ist Sabine

Eine junge Frau tanzt zu Musik von Joe Cocker und schaut dabei immer wieder direkt in die Kamera. Ihr Blick ist eindringlich und hellwach. Mit 38 Jahren sitzt dieselbe Frau erschöpft und 30 Kilo schwerer auf einem Sofa und kann ihre trüben Augen kaum offen halten. Sie bewegt sich schleppend und ungern. Bereits die erste Parallelmontage verdeutlicht, dass Sandrine Bonnaires Dokumentation über ihre ein Jahr jüngere autistische Schwester Sabine eigentlich von zwei Leben handelt: einem aktiven und selbst bestimmten vor einem fünfjährigen Psychiatrieaufenthalt und dem hiervon gezeichneten, in dem hoch dosierte Medikamente Sabines Ängste und Aggressionen dämpfen, allerdings auch ihre frühere körperliche und geistige Vitalität einschränken.

So wie Bonnaire in ihrer Inszenierung Bilder der Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander stellt und vergleicht ist ihre erste Regiearbeit zu einer sozialkritischen Anklage und einem persönlichen Abschied von der jugendlichen Sabine geworden. Am Ende fragt die Regisseurin, Drehbuchautorin und Kamerafrau aus dem Off, ob sie je wieder mit ihrer kleinen Schwester verreisen wird. Der Urlaub mit Sandrine in den USA zählt zu Sabines schönsten Erinnerungen. In einer späten Szene schaut sie sich ein Video vom gemeinsamen Flug nach New York an und fängt plötzlich an zu weinen. Es liegt nahe, anzunehmen, Sabine trauere vergangenen Zeiten oder ihrem alten Ich nach, wie es ihre Schwester zu glauben scheint. Sie schlägt vor, das Video auszuschalten, doch Sabine sagt, sie weine aus Freude und möchte es noch mal von vorne sehen. Der Moment demonstriert die häufig impulsiven und für Außenstehende schwer durchschaubaren Reaktionen von Autisten. Gleichzeitig verdeutlicht er, wie stark der eigene Blick auf die Dokumentierte durch den der Schwester beeinflusst wird und dass die Art der Montage an manchen Stellen dazu führen kann, die Empfindungen der Regisseurin vorschnell auf Sabine zu projizieren.

Ihr Name ist Sabine

Bonnaire konzentriert sich darauf, Sabines heutigen Alltag in einem betreuten Wohnheim in der französischen Provinz zu beobachten. Die medikamentenbedingte Langsamkeit der Bewohner setzt die Regisseurin in einen entsprechenden Erzählrhythmus um. Wir sehen Sabine bei der Gartenarbeit zu, während der sie wiederholt um eine Pause bittet; beim Kleiderkauf in der Stadt, wo sie einem Straßenmusiker mitfühlend Geld spendet; oder beim Ausflug ins Schwimmbad, in dem sie die Besucher mit einem ihrer spontanen Schreianfälle erschreckt und den Ticketverkäufer mit „Leck mich am Arsch, Monsieur“ begrüßt. In einer Minute verteilt Sabine liebevoll Küsse und Umarmungen, in der nächsten schmeißt sie ihren Teller auf den Boden, beißt sich in die Hand oder schlägt zu. Nachts lässt sie sich sicherheitshalber in ihr Zimmer einschließen. Briefe, Fotos und Geschenke verschließt sie in einer Truhe, um das, was ihr lieb ist, nicht selbst zu zerstören. Sie ist in der Lage, ihre Bedürfnisse verbal auszudrücken, den Wunsch zu verreisen bekräftigt sie dennoch mit einem versuchten Sprung aus dem Fenster.

Erklärungen zu Sabines Verhalten erhält man vereinzelt durch Bonnaires Off-Kommentare und ihrem Gespräch mit einer Therapeutin, einige Fragen bleiben jedoch bis zum Schluss offen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist Ihr Name ist Sabine (Elle s’appelle Sabine) berührend und einsichtig, da er die Komplexitäten und scheinbaren Widersprüche der Porträtierten vor allem dokumentiert und sie nicht übermäßig psychologisiert und zerredet. Bonnaire hat in einem Interview geäußert, sie glaube nicht, dass Sabine wüsste, „dass sie anders ist“ als sie. Der Film unterstreicht ihre Ansicht und gewinnt seine Spannung auch aus den Unterschieden zwischen Sabines Selbstwahrnehmung, der Fremdwahrnehmung ihrer Schwester und den Eindrücken, die beim Zuschauen daraus entstehen.

Ihr Name ist Sabine

Autismus war zur Zeit von Sabines Kindheit und Jugend „kein Thema, geschweige denn eine Diagnose“, so die Regisseurin. Da passende Betreuungseinrichtungen nicht existierten, wurde Sabine nach einer emotionalen Krise und gewalttätigen Ausbrüchen von ihrer überforderten Familie mit 28 Jahren ohne Diagnose in die Psychiatrie eingewiesen, wo sie den Großteil ihrer zahlreichen Fähigkeiten verlernte und bis zu ihrer Entlassung fünf Jahre später in erster Linie ruhig gestellt wurde. Unter Verlustängsten leidet sie nach dieser traumatischen Erfahrung bis heute. Immer wieder aufs Neue fragt sie ihre Schwester: „Kommst du mich morgen besuchen?“

Bonnaires respektvolle und feinfühlige Dokumentation plädiert für die Notwendigkeit angemessener Behandlungen von Autisten und veranschaulicht die Wichtigkeit sozialer Kontakte. Sabines Medikation wurde seit ihres Einzugs ins betreute Wohnheim um die Hälfte reduziert, und sie schmiedet wieder Pläne für die Zukunft: Sie hätte gerne ein Baby mit einem Feuerwehrmann.

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Kommentare


Monika

Ein sehr empfehlenswerter Film! Aufpassen muss man mit der Charakterisierung zweier Leben, vor versus nach der Psychiatrie. Wer genau hinsieht, wird den Autismus von Sabine auch in den frühen Aufnahmen schon deutlich erkennen. Ein großer Teil des Unterschieds zwischen den Aufnahmen im Jugendalter und den Aufnahmen Ende dreißig ist dem Verlauf der Behinderung geschuldet. In die Psychiatrie ist Sabine schließlich nur deshalb gekommen, weil alle an ihrer Betreuung gescheitert sind: zuerst die Mutter, dann die Schwestern, dann sogar das eigens eingestellte Pflegepersonal. Sabine war so fremd- und autoaggressiv, dass alle an ihr scheiterten und keine Einrichtung sie aufnehmen wollte. Das darf man nicht vergessen. Das "zweite Leben", dominiert von den Nebenerscheinungen des Autismus, begann also weit vor der Psychiatrie. Das soll nicht heißen, dass die Psychiatrie keine schädigende Wirkung hatte, denn die hatte der Aufenthalt dort sicherlich. Allerdings kann man die "zwei Leben" nicht in vor und nach der Psychiatrie aufteilen, das "zweite Leben" begann leider schon vor der Psychiatrie. Darum würde ich vielmehr gar nicht von zwei Leben sprechen wollen, denn es ist ein einziges Leben - mit einer schweren Verlaufsform des Autismus. Die Psychiatrie hat ihren Teil dazu beigetragen, aber man kann das Problem nicht auf sie reduzieren - genau damit endet der Film: wieviel ist der Psychiatrie geschuldet und wieviel der Krankheit? Das wird man nie wissen. Der Kern des Problems ist die Frage nach der Versorgung und Unterbringung von schwer autistischen Menschen: es gibt nicht genügend Einrichtungen, die Menschen mit schweren Fremd- und Autoaggressionen aufnehmen können, ohne sie unter starke Medikation zu setzen. Dazu bräuchte man viel mehr Personal und eine viel bessere Ausbildung desselben. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Wieviel Geld, aber auch wieviel Geduld wollen wir dafür aufbringen, diese Menschen gut zu betreuen? Ich habe selbst einen Sohn mit schwerem Autismus und kann aus meiner Erfahrung sagen, dass wir in Deutschland genau die gleichen Probleme haben, wie sie hier in Bonnaires Film skizziert werden. Je älter die Autisten werden, umso stärker prägen sich die Aggressionen aus - dafür weiß keiner eine Lösung. Autismus ist nicht heilbar, und bevor ein Autist sich oder andere sehr ernsthaft verletzt, ist manchmal eine medikamentöse Einstellung der letzte Ausweg. Das ist ebenso unglücklich wie notwendig. Allerdings kann man mit einem Lebensumfeld, das den Bedürfnissen des Autisten entspricht, die Dosierung zumindest möglichst gering halten (wie in der Einrichtung, in der Sabine heute lebt). Von solchen Einrichtungen brauchen wir auch in Deutschland viel mehr.






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