Gravity

Erst ein Brummen, dann die Stille, dann die Action. Faszination Menschsein, Langeweile Menschsein. Eine Gemeinschaftskritik.

Gravity 01

Mit der Weltpremiere von Alfonso Cuaróns Gravity ist den 70. Filmfestspielen von Venedig in ihrem Jubiläumsjahr ein kleiner Coup gelungen. Hatte 2012 eine allzu schlichte politische Parabel für den Einstand gesorgt, stehen diesmal wieder bahnbrechende, ekstatische Bilder im Vordergrund. Nach dem dystopischen Children of Men (2006), der die Unfruchtbarkeit fast des gesamten Menschengeschlechts zum Ausgangspunkt nahm, hat Cuarón erneut einen Science-Fiction-Film gedreht. Über das fehlende Kind, das hier für Tränen sorgt, sei aber besser ein Mantel des Schweigens gelegt. Denn tatsächlich dient dessen Geschichte nur als Backstory für das existenzielle Drama, das Ryan Stone (Sandra Bullock) im Weltall erfahren muss. Nur wenn man darüber nachdenkt, kriegt das schnell einen bitteren Beigeschmack: Die Frau muss überleben, um weitere Kinder auf die Welt zu bringen. Wieder mal.

Gravity 05

Nehmen wir die erste halbe Stunde des Films, drängen wir den Rest beiseite, vergessen wir ihn. Wann hat man einmal die nur mit hohem Finanzwirbel zu entfesselnden Überwältigungsmächte des Kinos so kraftvoll wirken gespürt? Wer weiß, aus wie viel hundert Quellen, mit wie viel hundert unsichtbaren Schnitten hier eine zwanzigminütige, frei durch erdnahes All wirbelnde Sequenz zu einer raumzeitlichen Einheit verbaut wurde? Cuaróns synthetisches Kontinuitätskino ist so exzessiv, dass seine Gemachtheit offen zutage tritt. Aber dieses Wissen schleudert nicht heraus aus der Fiktion, sondern strömt in sie zurück, als Ahnung des, ja, produktionstechnischen Einsatzes, mit dem hier eine betörend simple Bildidee erarbeitet wurde.

Cuarón hebt die Dimensionen aus den Angeln, indem er die Trägheit der Körper im luftleeren Raum und die Freiheiten der (virtuellen) Kamera umeinander tanzen lässt. Die Forscherin Ryan und ihr Kollege Matt Kowalski (George Clooney) werden beim Arbeiten an einer Space-Shuttle-artigen Fähre von hagelndem Weltraumschrott ins Nichts geschleudert. Der stammt (als kleiner realpolitischer Tritt vors Schienbein) übrigens von einem russischen Satelliten. Während Kowalski als alteingesessener NASA-Veteran mit seinem Jetpack irgendwie davonkommt, wird Stone in von keinem Luftwiderstand gebremster Rotation fortgerissen.

Gravity 06

Mal bleibt die Kamera fern, und wir sehen ihren Weltraumanzugskörper abwechselnd vor dem Hintergrund der in stoischer Ruhe um sich kreisenden Erde und dem sternengesprenkelten astralen Schwarz. Dann fliegt das Filmauge zu ihr und heftet sich an ihre Schultern, und ihr wildes Rotieren wird zu unserem Seherlebnis: einer Flickermontage gleich, fliegen Schwarz und Weltenrund hinter ihr vorüber und spiegeln sich im Helmvisier, schwarz-blau-schwarz-blau. Was eben stabil war, ist jetzt in purer Bewegung: keine Schwerkraft, keine Koordinaten.

In die Panik, die von Sandra Bullock beim Driften in Erdferne Besitz ergreift, zeichnen sich bald orientierende Hilfslinien ein, der ungeformte, japsende Überlebenstrieb wird gelenkt, und zwar nach innen. Die Räume – der physikalische, der psychologische und zuletzt der metaphorische – müssen allmählich kartographiert werden, wobei All- und Frauenversteher Clooney mit seinem Düsenanzug zu Hilfe kommt: in den gähnenden Abgründen des Weltraums blinken rettende Raumstationen, und in den psychischen Tiefen Ryan Stones flammen vergangene Schmerzen auf.

Gravity 02

Einem überkandidelnden Schauspieler wie Nicolas Cage nicht ganz unähnlich, ist auch Clooney immer mehr selbst zum Special Effect geworden. In keinem Augenblick spielt er die Figur des Astronauten Matt Kowalski. Nein, er gibt den Clooney, dessen Persona stets zu dominant ist, um in eine andere Figur zu schlüpfen. Das macht schon deswegen nichts, weil Cuarón ihn in seinem minimalistischen Setting punktgenau einzusetzen weiß, nämlich als comic relief. Die Starpower ist angenehm gezähmt durch die unförmigen Raumanzüge, durch die Spiegelungen der Erde in den Visieren. Bullock und Clooney als Radiostimmen, als hinter halbtransparenten Halbrunden sich schemenhaft abzeichnende Gesichtsflächen, ein bisschen dabei, aber tief vergraben in Computerbildern und Static Noise. Umso mehr zelebriert Gravity den Körper von Sandra Bullock, wenn sie aus dem Raumanzug schlüpft wie ein Schmetterling aus der Raupe.

Gravity 04

Beim Gedanken ans Weltall befällt den Menschen wohl eine Art invertierter Klaustrophobie, eine Angst der Platzlosigkeit. Und wenn Cuarón diese mit fast romantischer Wucht bebildert, ist der Film gewaltig. „Life in space is impossible“, prangt es daher auch gleich zu Beginn in der Leinwandschwärze, begleitet von einem elektro-orchestralen Tusch. Äußerst geschickt verschiebt der Regisseur seine bildgewordene Faszination vom Weltall und von der beglückend schönen Mutter Erde bei Sonnenaufgang hin zum Menschen. Und so verfestigt sich denn auch nach und nach der Verdacht, dass das eine mit dem anderen gleichgesetzt wird: Schaut her, von welch schönem Planeten wir stammen. Schaut her, was wir alles beherrschen. Schaut her, wir sind’s: zarte, fühlende Kreaturen, erhaben, weil sie nie nur gebären, sondern immer auch schaffen. Mythen, zum Beispiel. Storys, sagt der Clooney.

Gravity 03

Letztlich stimmt nichts trauriger, als dass Gravity sich in seiner halbstündigen panisch-majestätischen Schwerelosigkeit nach den Fliehkräften des Konsens sehnt. In seiner Lebensursprungsallegorie geht es nicht um einen Neuanfang, sondern um beinharten Konservatismus. Im heideggerschen Nichts binden uns heterosexuelle Beziehungen, Opferbereitschaft, Mutterliebe fest; und ebenso sehnt sich das wild rudernde, euphorische Umhertorkeln von Cuaróns semidigitalen Single-Shot-Kino nach Genrestandards und altvertrautem Spannungs-Editing. Aus der reinen, aber filmisch selten so graziös vermittelten Ur-Angst schälen sich die staubigen und gruseligen Gewissheiten des altvertrauten Lebens. Die Schwerkraft hat gesiegt.

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Kommentare


Lucas Barwenczik

Eine sehr schöne Rezension, die sich in einigen Hinsichten nicht mit meiner persönlichen Filmerfahrung deckt: Die Deutung als im Kern konservatives Werk halte ich für Fragwürdig, sehen wir doch gerade in den letzten Momenten ein lösen vom Ewigen, Unendlichen, vom vermeintlich göttlichen und kämpfen uns gemeinsam mit Stone zurück zur Erde, zurück zum Weltlichen. Die Ingenieurin muss schließlich erkennen, das nicht ihre Gebete, nicht das Aufgeben der eigenen Existenz zugunsten einer göttlichen Nachwelt sie erfüllen, sondern vielmehr der menschliche Überlebenswille.

Nicht die heterosexuelle Liebe und die Muttergefühle retten die Astronautin - vielmehr lässt sie diese im Weltraum hinter sich, in der Leere und der Bedeutungslosigkeit. Clooney und seine strahlenden Augen werden reduziert zum Teil ihrer Psyche, Kowalski wird wenig mehr als ein Hilfsmittel, eine Art männliches manic pixie dream girl.

Die Ambivalenz des Vertrauten, der Gewohnheit, wird unmittelbar deutlich - Erde und Meer selbst werden genau so zur Gefahr wie das Nichts, Ersticken kann man auch in den Strömungen der Heimat, nicht nur im Weltraum. Selbst in den letzten Momenten zerrt die titelgebende Schwerkraft noch an unserer Heldin, sie muss gegen sie Ankämpfen, um in einem Kompromiss aus Schwerelosigkeit und Bodenhaftung, aus Gewissheit und Freiheit, endlich in die den Film abschließende Triumph-Pose zu erlangen.


Leander

Zwei Cents von meiner Seite:

1) Die Kritik hat angedeutet, daß der Film visuell meisterlich ist, aber sich den üblichen Handlungsschemas in Filmen zu sehr unterwirft. Das ist mir auch so aufgefallen.

Leider wird wohl bei (heutigen?) teuren Filmen, um das hohe finanzielle Risiko kalkulierbar zu machen, vor zu unkonventionellen Ideen zurückgeschreckt, die aber letzten Endes der Geschichte eine unvergleichliche Note verleihen würden (und diese letzten Endes auch erfolgreicher machen würden).

Auch wenn die meisten Filmeproduzenten und -gucker es nicht wahrhaben wollen: Was die meisten Meisterwerke wohl ausmacht, ist die NEUE IDEE. Sie kann, weil flüchtig, nur filmisch eingefangen werden, wenn Sie nicht durch übermässiges Kalkulieren der Produzenten abgetötet wird.

2) Ein Punkt, der mich an Alfonso Cuaróns Filmen stört, ist, wie nebensächlich bei ihm Menschen sterben (das ist mir auch schon in 'Children of Men' aufgefallen). Ich habe den Eindruck, daß ihm Menschenleben nur oberflächlich etwas bedeuten. Er lässt in seinen Filmen Menschen sterben, um die Stimmung zu untermalen oder den Spannungsbogen zu steigern.

Beispielsweise die Szene, als der Astronaut sich opfert, fand ich fürchterlich. Mir schien das unbegründet, reine 'Emotions'-Effekthascherei. Wollte der Regisseur 'Mission to Mars' zitieren? Dort findet sich eine ähnliche Szene, die der fürchterlichen Tragik viel gerechter wird.

Das passt deshalb nicht, weil seine Filme den Eindruck zu erwecken versuchen, keine puren 'Gehirn abschalten'-Action-Bluckbuster zu sein. Dafür nutzt der Regisseur aber solche Stilmittel (übrigens auch die emotionalisierende Filmmusik) in zu oberflächlicher Weise.

Mein Eindruck ist, er macht das, weil er es so an seiner Filmschule gelernt hat, aber er hat noch nicht tief genug darüber nachgedacht. Folglich kann er uns (noch) nicht wirklich berühren, denn er hat noch nicht genug Eigenes gefunden.

Wahrscheinlich ist er noch jung und irgendwann fällt auch bei ihm der Groschen, wie er uns inspirieren kann :-) Dann dürfen Wir uns freuen, denn auf technischer Seite beherrscht er das Filmen virtuos.


AMT

ihr habt sie doch nich' mehr alle!!!! Der Film hat 10 Oscarnominierungen, 97% auf rt und hat 700 mio. eingespielt. Ihr versucht auch jeden Film in eure Schablonen zu pressen und ihm zwanghaft eine Message aufzudrücken die er gar nicht besitzt. Es ist in erster Linie ein Erlebnisfilm, der in einigen Aspekten sehr nah an der Realität ist und seine Faszination aus den Schauwerten zieht. Man kann einen Film auch echt überanalysieren...
Eure Kritiken spiegeln nur die Themen die euch selbst beschäftigen und ihr in jedem Film zu finden versucht.


Till

"Eure Kritiken spiegeln nur die Themen die euch selbst beschäftigen..."
Wie könnte das anders sein? Ein Kritiker ist ja kein Roboter. Geht doch nicht um die "Wahrheit" des Films oder ein endgültiges Urteil. Filmkritik ist immer eine Begegnung zwischen dem Film und einem (im besten Fall klugen) Kopf, den die unterschiedlichsten Dinge bewegen und auf den Film prallen. Für alles andere gibts Oscars, das Box Office und rt, warum dann hier auch noch die Bestätigung verlangen? Und ist jetzt auch nicht so, als wäre der Text unverhältnismäßig negativ...


ulle

@ AMT: die Redaktion hat m.E. im wahrsten Sinne des Wortes alle beisammen. Das schöne an Ciritc.de ist für mich, dass selbst noch aus den flachsten Filmen alles rausgeholt wird, was der Geisteswissenschaftler aus dem Hirn zerren kann. Selbst wenn Heidegger Ergüsse nur angedeutet werden und ein wenig spät-pupertär anklingen, es macht mir zumindest Spass solch einen sinnhaften Unsinn zu lesen ;-)






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