Gefahr und Begierde
Eine junge Studentin soll im Shanghai des Zweiten Weltkrieges einen verhassten Kollaborateur in eine Falle locken. Ang Lees Gewinner des goldenen Löwen auf den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig ist ein stiller Liebesfilm.
Die Figur des Widerstandskämpfers und Spions ist neben der Darstellung der eigentlichen Kampfeinsätze das beliebteste Motiv in Spielfilmen, die sich vor dem Hintergrund eines Krieges abspielen. So unterschiedlich wie Rom, offene Stadt (Roma, città aperta, 1945), Armee im Schatten (L’Armée des ombres, 1969) oder Black Book (Zwartboek, 2006) in gewissen Punkten auch sein mögen, gleich ist ihnen ein Gefühl der unmittelbar bevorstehenden Verdammnis und Traurigkeit. Der Widerstandskämpfer als tragische Figur, der sich aufopfert und in den meisten Fällen sein Handeln mit dem Tod bezahlen muss, dieser Linie folgen nicht nur die genannten Filme, sondern auch Ang Lees neues Werk Gefahr und Begierde (Se Jie).
Mit seinem neuesten Film bleibt Lee seiner erstaunlichen und konstanten Vielseitigkeit treu. Nach dem chinesischen Martial Arts-Drama Tiger and Dragon (Wo Hu Cang Long, 2000), der Comic-Verfilmung Hulk (2003) und Brokeback Mountain (2005), welcher mit Western-Motiven spielte, siedelt er Gefahr und Begierde zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im besetzten Shanghai an.
Dort beschließt eine Gruppe von Studenten patriotische Theaterstücke aufzuführen, um ihr chinesisches Mutterland zu unterstützen. Die fortwährende Okkupation der Japaner weckt bei den Jungschauspielern jedoch das Bedürfnis sich dem aktiven Widerstand anzuschließen. Wie bereits in Ernst Lubitschs Klassiker Sein oder Nichtsein (To Be or Not to Be, 1942) greifen sie dabei auf ihre Gabe als Schauspieler zurück und schlüpfen in neue Identitäten. Ihr Ziel ist der verhasste chinesische Kollaborateur Herr Yi (Tony Leung Chiu-Wai), ein hoher Regierungsbeamter und Chef der gefürchteten Sicherheitspolizei. Die Rolle des Köders kommt der scheuen Wang Jiazhi (Tang Wie) zu, der es auch gelingt, mit ihrer Schönheit und einer überraschenden Selbstsicherheit die Aufmerksamkeit des Feindes auf sich zu ziehen.
In der Rolle von Frau Mak gibt sie sich als gelangweilte Ehefrau aus, die sich mit Frau Yi (Joan Chen) anfreundet und zur Geliebten von Herrn Yi wird.
Gefahr und Begierde teilt besonders mit Paul Verhoevens Black Book mehrere Gemeinsamkeiten. Wang Jiazhi und ihr niederländisches Pendant, die Sängerin Rachel Stein, sollen mit ihren Reizen den Feind verführen und ihn schlussendlich in eine Falle locken. Die Inszenierung der beiden Frauen als Femmes Fatales und die – besonders im Falle von Gefahr und Begierde – expliziten Sexszenen heben Parallelen zwischen den beiden Werken hervor. Während Verhoeven jedoch die moralische Aufteilung in Gut und Böse mehrmals in seinem Film hinterfragt, konzentriert sich Lee praktisch ausschließlich auf Wang Jiazhi und ihre Beziehung als Frau Mak zu Herrn Yi. Selbst die politischen Rahmenbedingungen werden nur kurz zu Beginn erläutert. Hinzu kommt die fast völlige Abwesenheit klassischer Spannungsmomente – wird sie enttarnt? Wird sie beim Spionieren erwischt? –, wie man sie aus Résistance-Filmen wie Armee im Schatten kennt. Die Konzentration auf die Gefühle der jungen Frau und nicht auf die waghalsigen Taten der Widerstandskämpfer gibt dem Film stattdessen eine ausgesprochene Ruhe und stille Dramatik.
Nur wenige Regisseure inszenieren ihre Filme so präzise und konzentriert wie Ang Lee. Keine Einstellung wirkt überflüssig, mittels Einzelheiten schafft er es, wichtige Informationen zu vermitteln. Da fällt nicht nur ein kosmopolitisches Shanghai auf, in dem in Cafés Englisch gesprochen wird. Der feurig rote Lippenstift von Frau Mak und dessen Überreste an Tassen und Gläsern werden in Gefahr und Begierde zu einem immer wiederkehrenden Motiv, welches den Unterschied zwischen der einfach lebenden Wang Jiazhi und ihrer Rolle als illustrer Geliebter zeigt.
Am deutlichsten tritt Lees Inszenierungs-Gabe jedoch bei den zahlreichen Mahjong-Spielrunden auf. Die Art und Weise wie die Frauen sich unterhalten und gleichzeitig spielen, wird wie ein fortwährendes Duell in Szene gesetzt. Die Kamera nimmt eine geradezu omnipräsente Funktion ein, der nichts zu entgehen scheint, weder die scharfen Blicke der Frauen, noch die zahlreichen Spielzüge.
Inmitten dieser Runden sitzt nun Wang Jiazhi, die einfache Studentin, deren Vater ohne sie nach England geflüchtet ist. In der Rolle ihres Lebens ist sie zur Geliebten eines kaltblütigen Mörders geworden. Die Einsamkeit und Opfer die sie dafür auf sich nimmt, spürt man in jeder Szene.
Filmkritik von Hannes Brühwiler
Veröffentlicht am 04.12.2007
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Gefahr und Begierde
Originaltitel: Se Jie
USA: Lust, Caution
USA, China 2007
Laufzeit: 156 Minuten
Regie: Ang Lee
Drehbuch: Wang Hui Ling, James Schamus
Produktion: Ang Lee, James Schamus, Bill Kong
Darsteller: Tony Leung, Tang Wei, Joan Chen, Wang Leehom
Kinostart: 18.10.2007
DVD-Angaben
Titel: Gefahr und Begierde
Vertrieb: Universum Film
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Mandarin (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 153 Minuten
Extras: Interviews mit Cast & Crew; Featurette: „Tiles of Deception Lurid Affections“; B-Roll; Deutscher und englischer Trailer
Verleih ab: 16.04.2008
Verkauf ab: 12.05.2008
Copyright Gefahr und Begierde
Fotos: © Tobis
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