Seefeuer – Kritik

Lampedusa. Die symbolische Insel wird in Gianfranco Rosis Dokumentarfilm zum Abbild eines Europas, das sich in miteinander unvereinbare Gegenwarten teilt.

Fuocoammare 02

Ist Europa im Krieg? Auf der italienischen Insel Lampedusa kristallisiert diese Frage in Antworten aus. Wir befinden uns an einem Hotspot der Migration nach Europa. Und doch gibt es einen scheinbaren Alltag. Fuocoammare ist ein anfänglich friedlicher Film: Wir sehen die Einheimischen beim Fischen, Kochen, Putzen, Scherzen. Miniaturen tausendfach wiederholter Routinen etablieren sich in den Bildern des Inselwinters, zentriert auf eine Großmutter und ihren Enkel. Dieser streunt gerne mit einem Freund durch die macchia, voll kindlichem Ungestüm. Wenig deutet darauf hin, dass die Insel, auf der diese Handvoll Menschen leben, sich in einem Krieg befinden könnte. Die Großmutter erzählt abends vom Feuer über dem Meer, damals in ihrer Jugend, als schon einmal Krieg war. Im Radio läuft „Fuocoammare“, ein Lied aus jener vergangenen Zeit. Der permanente Ausnahmezustand, in dem sich die Insel seit Jahren befindet, wird nur zögerlich sicht- und sagbar. Doch in einer schleichenden Sterilität kommt der Krieg näher: Im Halbdunkel der Nacht sehen wir Formationen von Körpern. Dann weiße Overalls der Hilfskräfte, Militärboote, technisches Gerät. Die ankommenden Körper werden gecheckt, sortiert, nummeriert. Migration, alles eine Frage des Handlings, der Technik? Es ist eine Verfahrensästhetik in diesen Bildern, eine kalte Anerkennung dafür, wie das Grauen vor den Ufern der Insel Tag für Tag reglementiert wird, im Zwielicht, am Ende der Nacht.

Ansteckung mit Afrika

In den lagerähnlichen Strukturen, die für die Geflüchteten bereitstehen, wird die strikte Normierung des Prozesses offenkundig und visuell verstärkt: hier die Europäer/innen im weißen Overall und mit Schutzmaske, dort die geschundenen Körper und Gesichter der Geflüchteten. Nichts ist in diesen Momenten individuiert, es gibt keine Personen, keine Persönlichkeiten an diesem Ort – keine Menschen, nur Geister. Die Angst vor der Kontamination, vor der Ansteckung mit diesem Afrika, dem Verneinten, Unsichtbaren, das immer wieder gegen die Felsen brandet, ist allgegenwärtig. Der Kontakt der Inselbewohner mit den Ankommenden wird auch lediglich indirekt hergestellt, erzählend, rekapitulierend. Der Inselarzt berichtet von den gesehenen Schrecken, zu Hause vor dem Computer. Rosis Bilder laufen in ihrer ruhigen, gewissenhaften Sprache auf eine Feststellung hinaus: Auf dieser kleinen Insel existieren zwei Welten, zu gleicher Zeit und völlig voneinander getrennt, problemlos.

Die Realität einer Insel

Fuocoammare 01

Fuocoammare ist ein Film, der sich langsam seinem Thema annähert und den Inselraum immer mehr spaltet, trennt und reißt. Es gibt keinen Ausweg mehr, nichts, was die Menschen verbinden könnte: Die verschiedenen Welten in unserer einen Welt stehen sich unversöhnlich gegenüber. Dafür steht das Kaleidoskop Lampedusa, zumindest aus Rosis Perspektive. Jegliches humanitäre Gleichheitsideal scheint an der bloßen Realität der Insel zu scheitern: Nein, wir Menschen sind offensichtlich nicht alle gleich. Das macht den unbedingten Realismus des Films aus, denn jenes Europa, das über die sogenannte Flüchtlingskrise streitet, mit all seinen moralischen Imperativen, der medialen Befeuerung und seinen geheuchelten Universalismen, das ist auf diesem Lampedusa ganz, ganz weit weg.

Die Normalität des Migrationsregimes

Europa, das ist für Rosi etwas Erschöpftes, etwas Blindes. Es ist auffällig, dass die Erwachsenengeneration im Film komplett abwesend ist. Es scheint auf dieser Insel nur Alte und Kinder zu geben: Dadurch entsteht so etwas wie ein transhistorisches Bewusstsein, ein von ferner Vergangenheit und unsicherer Zukunft durchwirkter Raum, der das Leben auf der Insel suspendiert und in einen ewigen Kreislauf eintreten lässt. Und der eigentliche Protagonist ist der zwölfjährige Samuele – er verkörpert so etwas wie eine Unschuld des Werdens. Ähnlich entfaltet sich die filmische Dynamik: Fuocoammare wertet fast nie, sondern stellt immer bloß fest. Lampedusa als Tatsachenbestand. Spätestens aber wenn tote und fast tote Körper über die Boote der Küstenwache geschleift werden, bekommt der Film eine grausame Materialität, der nichts und niemand sich mehr entziehen kann. Doch ändern wird sich vermutlich nichts auf Lampedusa. Fuocoammare zeigt daher schlicht die Normalität des europäischen Migrationsregimes, weitestgehend unsichtbar, unberührbar, selbst für die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Insel.

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