Freundschaft Plus

Ivan Reitmans neue Komödie erinnert streckenweise an die originellen Filme seines Sohnes Jason, teilt aber auch dessen stets konservative Moral.

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Zwei High-School-Kids sitzen an einem See, während die Party um sie herum längst in wilde Knutschereien übergegangen ist. Während Adam mehr oder minder zarte Annäherungsversuche unternimmt („Darf ich dich fingern?“), bleibt Emma kühl und weist ihn ab. Auch auf emotionalen Trost will sie sich nicht einlassen. Als Adam von der Scheidung seiner Eltern erzählt, entgegnet sie neunmalklug, dass die Menschen eben nicht dafür gemacht seien, ein ganzes Leben miteinander zu verbringen. Natürlich ahnt der geübte Zuschauer romantischer Komödien schon in diesem Prolog, dass die beiden Jugendlichen doch eigentlich füreinander bestimmt sind und sich im Laufe des Films wohl finden werden. Regisseur Ivan Reitman (Ghostbusters, 1984, Evolution, 2001) belässt es in Freundschaft Plus (No Strings Attached) allerdings nicht dabei, dieser Liebe die üblichen dramaturgischen Steine in den Weg zu legen, sondern bricht aus den gängigen Schemata aus, indem er zunächst keine Liebesgeschichte erzählt, sondern zwei gegensätzliche Beziehungskonzepte verhandelt.

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Aber der Reihe nach. Als Adam (Ashton Kutcher), mittlerweile Endzwanziger, erfährt, dass der neue Lover seiner Exfreundin Vanessa ausgerechnet sein Vater (Kevin Kline) ist, versucht er diese Erfahrung mit dem ultimativen Besäufnis zu verarbeiten – und wacht am nächsten Morgen nackt, verkatert und ohne Erinnerung in einer Wohngemeinschaft auf. Dort klärt ihn Emma (Natalie Portman) darüber auf, dass er sie mitten in der Nacht sturzbesoffen angerufen habe, zwischen ihnen aber nichts gelaufen sei – abgesehen davon, dass Adam splitternackt durch die Wohnung getanzt sei und seinen Penis zur Luftgitarre umfunktioniert habe. Diese peinliche und unerotische Szene am Morgen mündet unversehens in einer der sympathischsten Sexszenen der letzten Zeit, womit das Unheil auch gleich seinen Lauf nimmt. Denn Emma hat wegen ihrer Arbeit im Krankenhaus keine Zeit für einen festen Freund, möchte sowieso um jeden Preis unabhängig bleiben und schlägt Adam deshalb eine reine Sex-Beziehung vor. Adam geht auf den Vorschlag ein, obwohl er längst ahnt, dass er verliebt ist. Diese Grundidee mag uns bekannt vorkommen, zum Beispiel aus Marc Webbs (500) Days of Summer (2009) oder Edward Zwicks Love and Other Drugs (2010). Freundschaft plus versucht sich zwar an Webbs originellem Indie-Charme, weicht seine Grundidee aber letztlich ebenso mainstreamtauglich auf wie Zwick.

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Zunächst ist da einiges, das man mögen kann an diesem Film. Die breite und höchst unterhaltsame Comedy-Palette reicht von Slapstickeinlagen und schlüpfrigen Witzchen bis zu subtilerer Situationskomik und flott geschriebenen Dialogen. Diese freilich beliebige Mischung wird von einem großartig aufgelegten Darsteller-Ensemble zusammengehalten: Natalie Portman beweist nach ihren dramatischen Rollen in Brothers (2009) und Black Swan (2010), dass sie auch komödiantisches Potenzial besitzt, Ashton Kutcher gibt erneut den nervtötend gutgelaunten Sunnyboy, und die starken Nebendarsteller verhindern größtenteils, dass ihre Figuren zu reinen Funktionen verkommen.

Nur schwer erträglich ist dagegen, wie Reitman seiner männlichen Hauptfigur unter die Arme greift, indem er den Kampf gegen Emmas unromantische Weltanschauung aufnimmt und ihr mit fast zynischem Genuss das Beharren auf Unabhängigkeit austreibt. Erverfolgt eine Strategie, die man bereits von seinem Sohn Jason (Juno, Up in the Air) kennt. Auf den ersten Blick verhandelt er scheinbar kritisch und unvoreingenommen moderne Inhalte, um sie dann doch in die altbekannten wertkonservativen Kanäle zu lenken. Emmas Versuch, eine rein sexuelle Beziehung zu führen, die ohne Verbindlichkeit auskommt, muss in dieser waschechten Romantic Comedy natürlich scheitern. Einer Figur, die behauptet, Menschen seien nicht für lebenslange Beziehungen gemacht, und danach lebt, muss das Gegenteil bewiesen werden.

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Emma ist damit eine in doppelter Hinsicht tragische Figur. In der Logik der Handlung müssen wir sie bedauern, weil sie unfähig erscheint, sich auf zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen. Diese Schwäche wird als emotionale Blockade pathologisiert und über Andeutungen einer schwierigen Kindheit psychologisch begründet. Die wahre Tragik der Emma-Figur besteht jedoch darin, dass sie in Reitmans weltanschaulichem Kosmos nicht existieren darf, ohne am Ende „kuriert“ zu werden. Während die ähnlich angelegte Protagonistin in Marc Webbs (500) Days of Summer zu ihren vermeintlichen Schwächen stehen darf, zelebriert Reitman das Heilmittel der romantischen Liebe auf eine derart altmodische Weise, dass darüber selbst die erfrischenden Gags des Films schnell vergessen werden. Durch Adam und ihre Freundinnen erlernt Emma die Skripts des „normalen“ Verhaltens in Liebesbeziehungen, und das Drehbuch impft ihr die dazu passenden „menschlichen“ Empfindungen recht schonungslos ein: Eifersucht, Verlustängste und den ewigen Glauben an die romantische Liebe.

So ist das Brechen ihrer Persönlichkeit die Voraussetzung dafür, dass Emma das Herz gebrochen werden kann. Wenn sie zum ersten Mal gewahr wird, dass sie Adam tatsächlich liebt, ihn vermisst und zu verlieren fürchtet, dann sind ihre Tränen kein Zeichen der Allgegenwärtigkeit der romantischen Liebe, sondern der manipulativen Kraft einer konservativen Moral, die im mechanischen Genre der romantischen Komödie noch immer leichtes Spiel hat.

Kommentare


Martin Zopick

Sowohl der deutsche Titel als auch der des Originals (‘Ohne Bindung‘) sind noch das Beste an diesem Film. Damit meint Regisseur Reitman blanken Sex ohne Liebe.
Und (Emma) Natalie Portman sorgt dafür, dass nicht alles in unreifer Herz-Schmerz-Sauce ertrinkt. Durch bewegende Mimik zeigt sie einen Wirrwarr von echten Gefühlen, schwankt zwischen Sex als Schutz vor echter Liebe und dem Eingeständnis von Schwäche bei aufkommenden Gefühlen. Beau Adam (Ashton Kutcher, spielt sich selbst) vertieft nur die Verflachung. Der Kurzauftritt von Kevin Kline macht eher ratlos.
Ansonsten ist es eine vorhersehbare Story, mit so viel infantilen Witzchen und platter Komik, dass sie schon wieder gut ist. Die alles beobachtenden Freunde geben die üblichen dämlichen Ratschläge und die Mädels in Umfeld sind schlechtweg zickige Witzfiguren. Schlussmachen als Einstieg in die große Liebe, gefolgt von einer Phase Liebeskummer. Schließlich landen Adam und Emma wie erwartet in der Löffelchen-Stellung. Natalie Portman kann halt alles, wie diese Teeny-Komödie beweist, die zu jedem Kindergeburtstag passen würde.






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