Frankenweenie

Das Kino ist untot: Tim Burton und die Reanimationen der Filmgeschichte.

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Der Soziologe Max Weber stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die folgenreiche These auf, dass die fortschreitende Technologisierung und Rationalisierung der Industriegesellschaft mit einer Entzauberung der Welt einhergehe. Der Siegeszug der Wissenschaft war ihm Garant dafür, dass der Natur ihre Magie geraubt wurde: Alles scheinbar Geheimnisvolle oder Unerklärliche versprach sie aufklären und beherrschen zu können. Das Technische erklärte Weber zum Gegenüber alles Natürlichen, Verzauberten.

An das Kino hat er damals wohl nicht gedacht. Wenige technische Errungenschaften haben so deutlich unter Beweis gestellt, dass mit den Maschinen auch eine ganz neue Form der Magie in die Welt kommen kann: eine technische Apparatur, die recht unmittelbar auf die Träume und die Fantasie derer einwirkt, die sich in ihren Bannkreis begeben. Und die, ganz nebenbei, auch Tote zum Leben erwecken kann.

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Diese intime Beziehung von Kino und Tod, die den Film stets schon begleitet hat, fasziniert den Amerikaner Tim Burton zeit seines Schaffens. Ein kurzer Blick auf sein Oeuvre offenbart einen ganzen Katalog der Wiedergänger und Zombiegeburten: Da gibt es Beetlejuice (1988) mit seinen kürzlich verstorbenen Geistern, Sleepy Hollow (1999) und den kopflosen Reiter, die Skelettbraut in Corpse Bride (1999) oder eben den Frankensteinhund in Frankenweenie (1984). Dass Burton nun selbst ein Remake dieses Kurzfilms in die Kinos bringt, also einen untoten Köter ein zweites Mal zum Leben erweckt, passt da nur gut. Aber in seinem neuen Frankenweenie, einem der mit Abstand besten Filme seiner Karriere, geht es um mehr als nur die Fortführung einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Tod: Burton interveniert zu einem Zeitpunkt, an dem das Kino selbst mal wieder totgesagt worden ist, mit einem Hinweis, dass es vielleicht nie wirklich gelebt hat.

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Diese Reflexion auf höherer Ebene beginnt damit, dass der neue Frankenweenie kein live-action movie ist, sondern eine Stop-Motion-Animation. Bewegung war im Kino immer auch Zeichen des Lebens, doch der Fluss der Bilder lässt leicht vergessen, dass es Film ohne Stillstand gar nicht geben könnte. Die Stop-Motion-Technik macht diese Spannung schon im Namen spürbar. Mit ihr wird unbelebte Materie verlebendigt, jede Animation ist zugleich eine Re-Animation, denn in jeder Bewegung schlummert ein Stillstand, der Bild für Bild überwunden wird. Das Schwarzweiß des Originals hat Burton beibehalten, was die schmucken Bilder in Frankenweenie zu einer Amalgamierung verschiedener Vergangenheitsbezüge macht: die farblose Welt der frühen Filme und die Handmade-Technik der Animation vor der Digitalisierung.

All das wird jedoch durchkreuzt von der Präsenz einer zeitgenössischen Praktik des Filmemachens, namentlich der digitalen 3D-Technologie. Frankenweenie erzählt von Bastardierungen in verschiedenen Formen, da gibt es nicht nur den per Blitzschlag reanimierten Pitbull, sondern auch eine fliegende Fledermaus-Katze oder eine godzillagroße Monsterschildkröte. Was die Story transportiert, bestimmt wiederum die Form: eine schwarzweiße Stop-Motion-Animation in schickem 3D.

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Und so reiht sich Frankenweenie in eine Reihe von Mainstream-Filmen ein, die sich auf unterschiedliche Weise mit einer Geschichte des Kinos im Umbruch beschäftigen. Auf der einen Seite steht da The Artist (2011), Michel Hazanavicius Schwelgen im klassischen Stummfilm-Kino, auf der anderen Hugo Cabret (2011) von Martin Scorsese, der sich ganz explizit mit den magischen, zauberhaften Seiten des frühen Kinos auseinandersetzt und diese mithilfe von 3D-Technologie ins Heute fortzuschreiben gedenkt. Wo der eine jedoch einen allzu nostalgischen Modus wählt und der andere etwas großäugig und infantil daherkommt, da trumpft Frankenweenie mit morbidem Humor und cleverer Selbstironie auf.

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Kurz nachdem Sparky, der geliebte Pitbull des leicht nerdigen Victor, vom Auto überfahren worden ist, schaut der sich einen ihrer gemeinsamen Filme an. Da kämpft der Hund, wieder lebendig, als Monster verkleidet, inmitten von Pappstraßen mit Plastiksoldatenheeren. Am nächsten Tag sitzt Victor in der Schulklasse, der vampirische Naturkundelehrer schließt Elektroden an eine Froschleiche an, und zwischen deren wie in wilder Kopulation emporzuckenden Schenkeln hindurch sehen wir den melancholischen Jungen, wie ihm ein Licht aufgeht. Vom wiederbelebten Filmhund bis zum Frankensteinhund ist es nur ein Schritt, beides ist elektrische Magie! Die leichte Perversität der Szene spricht Bände: Im Filmemachen drückt sich auch eine latente Nekrophilie aus, und das Kino ist ein Ort der Todesliebhaber. Und wenn sich im Kino Tote zum Leben erwecken lassen und es selbst schon zigmal totgesagt wurde, dann ist es selbst vielleicht im Herzen tot. Oder besser: untot.

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Es gibt viel zu entdecken und zu genießen an Frankenweenie, seine von grotesken Cartoonfiguren bevölkerte 1950er-Jahre-Kleinstadt etwa oder seine Flirts mit der Trash- und B-Movie-Filmgeschichte, die für Burton so essenziell ist. Monster- und Science-Fiction-Filme, altmodischer Grusel, Slapstick-Humor: ganz anders als Hazanavicius und Scorsese ist Frankenweenie ganz unbedingt lowbrow, er betrauert nicht den Verfall einer großen, wertvollen Kultur, sondern feiert die Widerständigkeit einer billigen. Und mit seinem Bezug auf das Wissenschaftsbild der düsteren Romantik – namentlich natürlich Shellys Frankenstein – zeigt Burton, dass Kapitalismus (denn Frankenweenie ist und bleibt ein Disney-Blockbuster für Halloween) und Naturwissenschaft keineswegs mit einer Entzauberung der Welt einhergehen müssen. Ganz im Gegenteil offenbart sich für ihn im Bestreben der Wissenschaftler, dem Leben und dem Tod alle Geheimnisse zu entlocken, ein fast schon pathologischer Zwang zu deren Konservierung. Denn was gäbe es sonst zu tun, als die immer gleichen Fehler zu wiederholen? Das ist die tiefe Einsicht von Frankenweenie: Die Magie liegt nicht im Erfolg, sondern in den Fehlschlägen. Und wer die Geschichte des Kinos weiterschreiben will, sollte die Register wechseln. Denn die Geschmäcker ändern sich, aber die Geschmacklosigkeit, die bleibt bestehen.

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