Faust

Eintauchen in die groteske Welt des Mittelalters. Aleksandr Sokurov inszeniert das deutsche Drama schlechthin.

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Kaum  jemand, der ein deutsches Gymnasium besucht hat, ist um Goethes Faust herum gekommen. Zumindest am bekannten ersten Teil, schon eher am häufig im Obskuren verschwindenden, metaphysischen zweiten Teil. Das Drama um den Wissenschaftler Faust, der sich in einer Sinnkrise befindet und einen Pakt mit dem Teufel eingeht, zählt zweifellos als deutsches Kulturgut. Dementsprechend geraten Inszenierungen in Theater und Film auch oft zu einer zähen Angelegenheit, zu bildungsbürgerlichen Historisierungen, die ebenso  bleischwer wie unsinnlich sind. 

Es gibt durchaus filmische Adaptionen, die dem übermächtigen Werk auch eine eigene Vision entgegensetzen. Friedrich Wilhelm Murnau konfrontiert das Drama in Faust – eine deutsche Volkssage (1926) mit der Ästhetik des expressionistischen Films, während der sehr viel jüngere Brian Yuzna in Faust: Love of the Damned (2000) aus dem leicht angestaubten Stoff einen Horrorfilm macht.

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Nun hat sich auch Aleksandr Sokurov, vor allem bekannt durch seinen in einer einzigen Einstellung gedrehten Russian Ark (Russkiy kovcheg, 2002), dem Faust angenommen und wurde mit seinem gleichnamigen Film prompt in Venedig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Faust riecht zweifellos ein bisschen nach alter Theaterkulisse. Die Handlung spielt werktreu im späten Mittelalter, die Bilder sind in Brauntönen gehalten und die Figuren reden hochgestochen daher. Dass der Film wegen seiner internationalen Besetzung – aber laut Sokurov auch aus ästhetischen Gründen – nachsynchronisiert wurde, tut zu dieser Monumentalisierung ihr Übriges. So schleichen sich umtriebige Synchronsprecher auf die Tonspur und Mephisto hat plötzlich die Stimme von Spongebob.

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Doch nur weil sich Sokurov einer offensichtlichen Aktualisierung verschließt, versinkt er noch lange nicht in Ehrfurcht vor dem großen Goethe. Seine sehr freie Adaption siedelt er in einer düsteren und surrealen Welt an, die so gar nichts Erhabenes hat. Bereits in der ersten Szene ist Faust (Johannes Zeiler) zu sehen, wie er sich mit schmatzenden Geräuschen durch die Innereien einer Leiche wühlt und verzweifelt nach einer Seele sucht. Doch da ist nichts. Der mangelnde Glauben an die Wissenschaft ist es dann auch, der Faust in die Hände des Wucherers (Anton Adasinsky) und damit in sein Verderben treibt.

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Obwohl hier und da einige bekannte Zitate zu hören sind – vom armen Tor zum Pudels Kern –, verlässt sich Sokurov nie auf die Wirkungskraft von Goethes Text. Den sprechen die Akteure in einem seltsamen Rhythmus, der weder feierlich noch pathetisch wirkt. Aus der Theatralik, wie sie sich am gravierendsten in statischen Einstellungen manifestiert, befreit sich der Film dagegen durch ständige, wenn auch teilweise fast unmerkliche Kamerabewegungen. Die Steadicam von Bruno Delbonnel, die im heute ungewöhnlich quadratischen Format von 1,37:1 aufnimmt, ertastet die verfremdete Welt des Mittelalters, die engen Gassen und vollen Wirtshäuser, die Ruinen und Waldlichtungen. Faust ist nicht nur Text und Kostüm, sondern lässt sich ganz auf seinen Schauplatz ein. Er kriecht durch eine dreckige und verrohte Gesellschaft, zu der lediglich das Waschhaus, in dem Faust zum ersten Mal dem jungen und naiven Gretchen begegnet, einen starken Kontrast bildet.

Faust ist der letzte Teil von Sokurovs Tetralogie über die Psychologie der Macht. Widmete sich der Regisseur zuvor den Diktatoren Hitler (Moloch; Molokh, 1999), Lenin (Taurus; Telets, 2001) und dem japanischen Kaiser Hirohito (Die Sonne; Solntse, 2005), hat er sich zum Abschluss nicht nur eine fiktive Figur ausgesucht, sondern auch eine, die nicht derart negativ konnotiert ist. Fausts Drang, Gretchen besitzen zu wollen, richtet zwar letztlich auch großen Schaden an, entzieht sich aber ein Stück weit seiner Verantwortung. Er begehrt, den Schritt zur Tat wagt er aber nur durch die manipulative Kraft des Wucherers.

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Vom attraktiven Verführer, als der Mephisto gerne dargestellt wird, ist hier nichts übrig geblieben. Er ist nach wie vor klug und berechnend, aber eben auch körperlich abstoßend. Im Waschhaus präsentiert er einmal seinen alten, deformierten Körper. Statt einem Geschlechtsteil trägt er ein penisartiges Schwänzchen über dem Gesäß. Und auch ansonsten ist der Film fasziniert vom Grotesken. Sei es im fleischigen Etwas des Homunculus oder in den für Sokurov charakteristischen Verzerrungen des Bildes.

Mit Faust ist es Sokurov gelungen, sich den bekannten Dramenstoff anzueignen. Der archaischen Geschichte setzt er seine eigene fantastische Vision entgegen, schafft etwas, woran sich viele Regisseure ein Beispiel nehmen können. Er hat den Faust so inszeniert, wie man ihn zuvor noch nicht gesehen hat. 

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Kommentare


executor

Eine sehr schön geschriebene Kritik zum Film, auch wenn ein Fehler unterlaufen ist:

Brian Yuznas "Faust: Love Of The Damned" ist keine "Horror-Adaption" des Goethe-Textes, sondern eine der gleichnamigen Comicserie von Tim Vigil und David Quinn, die sich schlicht vom Original haben inspiriert lasssen. Dies ist dann aber auch die einzige Brücke von Yuznas Adaption hin zu Goethes Geschiche.






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