Fallen

In Barbara Alberts neuestem Film wird wieder gestorben, geschlagen und getanzt. Alte Schulfreundinnen treffen sich auf einer Beerdigung, werden von einer Braut vermöbelt und strippen in der Provinzdisco. Nur das Zuschauen tut diesmal weniger weh.

Fallen

Schon in Böse Zellen (2003), Barbara Alberts letztem Langfilm, fällt so einiges: ein Flugzeug vom Himmel, ein Buch wie von Geisterhand bewegt aus dem Regal und schließlich Regen auf ein Kind, dessen Mutter den anfänglichen Flugzeugabsturz überlebt hat, nur um später bei einem Autounfall zu sterben. Das Leben scheint an jeder Weggabelung hinterlistige Fallen aufzustellen.

Kann man ihnen ausweichen oder lässt man sich einfach in seine Vorherbestimmung fallen? In dem aktuellen Werk der österreichischen Autorin und Regisseurin (Nordrand, 1999) diskutiert eine Schulklasse in einer späten Szene, ob jeder Einzelne gesellschaftliche Missstände verändern kann, indem er bei seinem persönlichen Verhalten ansetzt, oder ob sowieso alles für die Katz ist. Die Meinungen gehen auseinander und bleiben im Raum stehen. Aber zumindest in einem kleineren Rahmen, für ihre fünf Frauenfiguren, entwirft Albert ein hoffnungsvolleres Gesamtbild von privater Einflussnahme und Weiterentwicklung als für den Großteil ihrer traurigen, vom Schicksal gebeutelten Existenzen in Böse Zellen.

In Fallen versammelt sich eine Handvoll Frauen Anfang dreißig anlässlich des Begräbnisses ihres ehemaligen Physiklehrers in der heimatlichen Provinz. Die einstige Schulclique verbringt nach vierzehn Jahren Trennung zwei Tage und eine Nacht miteinander, resümiert Ideale und lüftet Geheimnisse, trinkt und tanzt. Es wird „arg“ gestichelt und gelästert, um sich kurz darauf wieder schwesterlich zu solidarisieren und peinliche Alkoholabstürze abzufedern. Während der Einkehr auf einer Hochzeitsgesellschaft wird in einem Partyzelt zu Gassenhauern auf dem Boden gerobbt und anschließend in der Dorfdisco zu Konserven-Techno die Sau und die Brüste raus gelassen.

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Weder die Ablehnung noch die Sympathiebekundung mit ihren Figuren scheint Barbara Alberts Anliegen zu sein. Egal wie zugänglich oder abstoßend ihre Protagonisten auf manchen Zuschauer wirken mögen, die Perspektive der Regisseurin ist in all ihren Filmen um ein neutrales Aufzeigen bemüht, verfällt nie einer Diffamierung oder lässt sich auf eine zu große Nähe oder gar Identifikation ein. Darin ähnelt sie der Erzählhaltung ihres Landsmannes Ulrich Seidl, der diese zurzeit in Import Export (2007) demonstriert.

Hauptproblem von Fallen ist jedoch, dass seine Charaktere in ihrer vielleicht beabsichtigten Durchschnittlichkeit zu öde und banal sind, um Interesse zu wecken und die Handlung voranzutreiben. Die Offenbarungen einer bilanzierenden Schwangeren, Schauspielerin, Lehrerin, Arbeitsamtangestellten und Gefängnisflüchtigen legen keine vermeintlichen Abgründe bloß, sondern höchstens grabentiefe Herz- und Weltschmerz-Plattitüden. Man stellt fest, dass man mit dem selben Mann geschlafen hat, und dass die Zeit der politischen Ideologien vorbei ist. Da spielen selbst die durchweg hervorragenden Darstellerinnen – bekannte Gesichter aus früheren Albert-Dramen – trotz einiger weniger berührender Momente vergeblich gegen die flache Figurenzeichnung an.

Die emotionale und soziale Bestandsaufnahme von Alberts Klassentreffen, Utopien-Tabula rasa inklusive, ist zwar bei weitem nicht so unangenehm und bedrückend zu verfolgen wie die des Vorgängers Böse Zellen, allerdings auch inhaltlich belangloser und visuell schwammiger. In Böse Zellen blickt die Kamera wiederholt als das Auge Gottes oder das der anfangs erwähnten toten Mutter von oben auf die Menschen herab, die innerhalb ihres begrenzten Daseins dadurch wie in engen und bedrohlichen Zellen gefangen wirken. In Fallen fährt sie dagegen in einer Szene in den Himmel hinein - was genau sie dort sucht bleibt unklar.

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Ansonsten friert die Regisseurin den Handlungsfluss immer wieder mit Schwarz-Weiß-Fotos aus der Gegenwart ein, die mit gestrigem Folkloregesang der Teenagerclique unterlegt werden. Darauf knutscht dann eine der Frauen mit dem Bräutigam der Hochzeitsgesellschaft, der darüber hinaus noch der Geliebte ihrer Freundin ist, betrunken auf dem Klo, während man als Zuschauer vermutlich eigenhändig komponierten, zukunftsgläubigen Liedchen aus der vergangenen Jugend lauscht. Möglicherweise lässt hier die Ironie des Schicksals oder des Älterwerdens eine ihrer Fallen zuschnappen.

Überhaupt wird noch ausgiebiger (christlich) gesungen und bedeutungsvoll getanzt als in Barbara Alberts vorherigen Werken. Erneut ertönt ein Kirchenchor und ein Straßenmusikant, und durch die Bewegung wird exzessiv Dampf abgelassen, Einsamkeit ebenso wie Zusammenhalt ausgedrückt. Dabei fragt man sich im Verlauf, ob die Inszenierung mit der Vorstellung des Tanzens als Stimmungsventil augenzwinkernd jongliert oder sie überstrapaziert.

Spätestens wenn am Ende der Protestsong der US-Bürgerrechtsbewegung „We Shall Overcome“ zum Bild eines Baumes mit sanft schwingenden Blättern den Abspann einleitet, rätselt man geplättet von soviel angeblicher Botschaft, was in diesem Film eigentlich ernst gemeint ist. Ob damit etwa der Revolutionswunsch der Regisseurin proklamiert und plakatiert werden soll oder bloß der wiedererweckte ihrer Figuren.

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