Evet, ich will!

Selbstbewusst deutsch-türkisch: Evet, ich will! ist Hochzeitsfilm, Culture-Clash-Komödie und Message Picture in einem.

Evet, ich will!

Evet, ich will! ist gleichzeitig Hochzeits- und Culture-Clash-Komödie. Sinan Akkuş’ Film ist damit nicht der erste seiner Art. Ganz im Gegenteil scheinen sich die beiden Genres gegenseitig anzuziehen, das zeigte nicht nur der Arthouse-Feelgood-Hit My Big Fat Greek Wedding (2002), sondern zuletzt auch hierzulande Maria, ihm schmeckt’s nicht oder die Fernsehserie Türkisch für Anfänger (2006-2009). Der Ehevertrag ist in diesen Filmen und Serien immer auch ein wenig ein institutionalisierter Ausbruch aus kollektiven Identitätszusammenhängen. Im Ergebnis sind diese Filme deswegen wahlweise paradox oder klug, weil vielschichtig: Ihre komische Wirkung gewinnen sie aus den nationalen und kulturellen Stereotypisierungen, gleichzeitig jedoch spielen sie immer schon mit einer Überschreitung der normativen Vorstellungen vom Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, deren sie sich bedienen.

Evet, ich will!

Akkuş begnügt sich nicht nur mit einer Hochzeit. Neben dem zentralen Paar, den Studenten Dirk (Oliver Korittke) und Özlem (Lale Yavaş), machen sich noch zwei andere Paare auf die Suche nach ihrem Glück. Und, quasi als Abfallprodukt der komödiantischen Verwicklungen der Haupthandlungen, bahnen sich gleich noch einige weitere Paarbildungen an. Katalogartig listen die unterschiedlichen Handlungsstränge potenzielle Konfliktfelder im deutsch-türkischen Spannungsfeld auf: Neben dem zentralen Kulturkampf, der sich erwartungsgemäß im Wohnzimmer der türkischen Familie zuspitzt, verhandelt Evet, ich will! außerdem Konflikte zwischen Türken und Kurden, zwischen liberalen und traditionell-religiösen Migranten sowie, in der Geschichte um den Automechaniker Emrah (Eralp Uzun), die Schwierigkeiten schwuler Deutsch-Türken.

Evet, ich will!

Nach einem message picture liest sich solch eine Inhaltsangabe, und von diesem Anspruch kann und will sich der konventionell inszenierte, dialoglastige Film nie ganz lösen. Gleichzeitig achtet Akkuş darauf, sein multiethnisches Gesellschaftspanorama angenehm zu verpacken. Evet, ich will! ist unverschämt harmoniesüchtig und überholt in dieser Hinsicht sogar sein eigenes Genre, das selten ohne Happy End = Hochzeitsglocken auskommt. Ausnahmslos alle Konflikte werden im Film beseitigt, meist auf eher pragmatische als idealistische Weise. Die Vorhaut weicht der Hoffnung auf besseren Sex, über die Homosexualität Emrahs verhängt sein Vater Redeverbot. Man arrangiert sich. Gelegentlich übertreibt das Drehbuch dann doch, etwa wenn der eine, der trotz allem keine Frau abbekommt, quasi als Entschädigung ein Auto gewinnt. Zumindest ein wenig scheint sich der Film in dieser Szene der Absurdität seiner Konstruktion bewusst zu sein.

Evet, ich will!

Das deutsch-türkische Kino der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit sucht nach Bildern für die Prozesse kultureller Hybridisierung der letzten Jahrzehnte. Mussten die (wenigen) Filme der siebziger Jahre, die sich mit dem Thema beschäftigten, wie etwa die politisch radikale türkische Produktion Deutschland, bittere Heimat (Almanya acı vatan, 1979) oder Shorib Shahid Saless’ Meisterwerk In der Fremde (1975), das Türkische und das Deutsche noch als polare, fast unvereinbare Opposition konstruieren, feiern die meisten neueren Produktionen das Durchmischte, Unreine.

Evet, ich will!

In der Fremde inszenierte den Besuch des türkischen Gastarbeiters in der Wohnung einer deutschen Rentnerin als (für beide Seiten) archetypische Begegnung mit dem Anderen. In Evet, ich will! dagegen haben gerade die Monokulturellen den Anschluss verpasst und sind deswegen zwangsläufig für den comic relief zuständig – der angesichts der Tatsache, dass Akkuş’ Film als Komödie firmiert, etwas zu kurz und, wie in Deutschland leider üblich, wenn doch, dann etwas plump daher kommt. Das gilt vor allem für Dirks Eltern, hinter deren ökoliberalen Fassade bei jeder Gelegenheit dumpfe Vorurteile hervorbrechen, die im offensiv multikulturellen Berlin, das Akkuş selbstverständlich nicht nur entwirft, sondern auch beschwört, anachronistisch wirken müssen. Aber es gilt auch für Salih (Mürtüz Yolcu), der aus einem türkischen Dorf zu Besuch anreist und hofft, auf der Rückfahrt eine Braut im Gepäck zu haben. Hohe Ansprüche hat der mittelalte Salih, seine immer wiederkehrende Frage an den heiratsvermittelnden Onkel lautet: „kız güzel mi?“ – „Ist das Mädchen auch hübsch“? Aber die türkisch-deutschen Schönheiten stehen nicht unbedingt Schlange für einen wie Salih.

Evet, ich will!

Dass Akkuş zumindest auch aufs große gesamtgesellschaftliche Ganze zielt, zeigt spätestens das Schlussbild. Sein Film endet sicher nicht zufällig vor dem Berliner Deutschen Historischen Museum. Die deutsche Filmgeschichte muss nach diesem Film zwar vorläufig noch nicht umgeschrieben werden, aber eine solide Mainstreamkomödie wie Evet, ich will! zeugt zumindest von einem vitalen deutsch-türkischen Selbstbewusstsein.

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Kommentare


Sedef

Leider kann ich der positiven Kritik überhaupt nicht zustimmen.
Der Film ist weder lustig, noch unterhaltend und erst recht nichts Neues. Altgebackene Themen in pointenlose Dialoge gepackt, die einfach nicht verzaubern wollen.
Ewig gleiche Gesichter, die man schon aus etlichen TV Auftritten oder der deutsch-türkischen Kulturszene zu genüge kennt, führen dazu, daß die Besetzung oft völlig unrealistisch wirkt. Die kurdische Familie, spricht mit akzentfreiem Türkisch mit den türkischen Eltern, was sehr unrealistisch für Kenner wirkt. Sicher, in einer Komödie muß nicht alles realistisch wirken, aber als auch der anatolische Bauer beginnt, in feinstem Hochtürkisch mit seiner Verwandtschaft zu telefonieren, habe ich mich nur amüsiert gefragt, aus welchem "gebildetem" Dorf wohl dieser Bauer stammt.
All dies und noch viieeel mehr, würde vielleicht nicht so sehr auffallen, gäbe es auch nur eine einzige lustige Szene. Hier steckt auch mein größter Kritikpunkt. Dies ist keine gelungene Komödie, dazu fehlen ihm einfach die Lacher.
Zig-fach verfilmt, zig-fach gesehene Themen...leider mit langweiligen Dialogen, die in jeder Schüler Aufführung schon lustiger gestaltet wurden.
Fazit: kann ich nicht weiterempfehlen.


werner plöger

Kann mir jemand den Titel des Musikstückes, das für Anke im Radio angespielt wird, verraten ?






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