Elementarteilchen

Alles fit im Schritt? Oskar Roehler verfilmt Michel Houellebecqs Skandalroman um die sexuellen und menschlichen Nöte zweier Brüder mit Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen in den Hauptrollen.

Elementarteilchen

Der eine gilt als Enfant terrible des deutschen Films, weil bei ihm geschrieen, geblutet, gewichst und gestorben wird, dass es für Freunde der Darstellung menschlicher Niederungen ein wahres Vergnügen ist. Der andere machte sich in analytischen bis zynischen Gesellschaftsbetrachtungen wie Ausweitung der Kampfzone (Extension du domaine de la lutte, 1994), Elementarteilchen (Les particules élémentaires, 1998) oder Plattform (Plateforme, 2001) die allseits beklagte Beziehungslosigkeit in der westlichen Zivilisation, die Erbärmlichkeit sexuellen Austausches und die Schwäche der Männer zum ewigen Thema. Erfolgsproduzent Bernd Eichinger war es, der die bestechende Idee hatte, Grotesken-Spezialist Roehler die Verfilmung des Houellebecq-Bestsellers Elementarteilchen anzutragen. Roehler, der in Filmen wie Der alte Affe Angst (2002) oder Agnes und seine Brüder (2003) das große Gefühl anvisierte – immer in Gefahr danebenzutreffen –, der Unterleibsblutungen und Pulsaderöffnen auf dem schmalen Grat zwischen Melodram und Trash inszenierte, und der französische Autor, der mit schneidender Intelligenz lustvoll die kleine private und die große Weltdepression zelebriert und sich bei Presseterminen schon mal auf einem Hotelbett umrahmt von Prostituierten ablichten ließ, haben zumindest was den Blut-, Sperma- und Schmerzgehalt ihrer Werke betrifft einige Berührungspunkte. Die Kombination hätte explosiv werden können. Doch im Vergleich zur als Endzeitroman betitelten Originalvorlage wirkt der Film Elementarteilchen nahezu bieder. Der unnachgiebig sezierende Blick des Schriftstellers ist ins Anekdotenhafte transformiert. Die philosophische und utopische Ebene Houellebecqs, der seine unglücklichen Helden von den Qualen der menschlichen Reproduktion durch Beischlaf am liebsten ganz befreien möchte, fehlt bis auf kurze Hinweise fast gänzlich.

Elementarteilchen

Roehlers Drehbuch konzentriert sich auf die Geschichte der Halbbrüder Michael (Christian Ulmen) und Bruno (Moritz Bleibtreu), die aufgrund der Vernachlässigung durch ihre sexuell befreite Hippie-Mutter (Nina Hoss) traumatisiert sind und keine normalen Beziehungen führen können. Michael hatte noch nie Sex, Bruno hat ihn ständig – zumeist mit sich selbst. Beiden Männern wird Ende 30 das verspätete Glück in Gestalt zweier Frauen geschenkt. Michael trifft seine ehemalige Schulfreundin Annabelle (Franka Potente) wieder und lässt sich endlich von ihr verführen. Bruno tut sich in einem Esoterik-Camp mit der lebensgierigen Christiane (Martina Gedeck) zusammen und kann zum ersten Mal seine Phantasien ausleben. Kurz nachdem sich die Paare gefunden haben, holt das Schicksal schon weit aus: Annabelle muss sich nach einer Abtreibung die Gebärmutter entfernen lassen; Christiane ist seit einem Zusammenbruch im Swinger-Club querschnittsgelähmt. Die Reproduktions- und Lustorgane der Frauen sind blockiert, was bleibt, ist die Liebe. Der eine der Brüder wird sie vorbehaltlos annehmen, der andere zögern, bis es zu spät ist. So weit, so tragisch.

Doch was ist mit Oskar Roehler passiert? Dem Mann, der den Lärm und die Drastik bei Christoph Schlingensief studiert hat, der von Kritikern ohne Ehrgefühl für die Toten und auf der Suche nach Etiketten bereits als „neuer Fassbinder“ gehandelt wurde? Dieser Roehler gönnt Elementarteilchen ein nur leicht getrübtes Happy-End im Liegestuhl am Strand, viele schöne alte Rocksongs und erstaunlich wenig Abgrund. Er wolle seine Zuschauer mit einem guten Gefühl aus dem Kino entlassen, erklärte der Regisseur mehrfach. Das ist schön, aber eine Houellebecq-Verfilmung ist für diesen Sinneswandel vielleicht nicht der beste Zeitpunkt. So ist das Werk merkwürdig uneinheitlich geraten.

Elementarteilchen

Der Roehler mit der Lust zur peinlichen Übertreibung, zur Karikatur zeigt sich hauptsächlich in den knallfarbigen Rückblenden aus der Kindheit der Brüder. Bruno, der sich aufgrund seiner Sexbesessenheit selbst in eine Klinik eingeliefert hat, berichtet von der verqueren Beziehung zu seiner Mutter, bis selbst der Therapeutin (Corinna Harfouch) ganz übel wird. Die emotionale Kraft und Tönung der Szenen in der Jetztzeit schwankt mit den jeweiligen Darstellern. Moritz Bleibtreu, wie schon in Agnes und seine Brüder in der Rolle des triebgesteuerten armen Kerls, der diesmal über den Hausaufsatz einer besonders attraktiven Schülerin ejakuliert, ist eine in ihrer Zwanghaftigkeit komische bis lächerliche Figur. Christian Ulmen als Wissenschaftler ohne Gefühl bestreitet den gesamten Film mit nur einem Gesichtsausdruck und verströmt friedliche Neutralität. Erst die mit Krankheit geschlagenen Frauen und ihre Liebesbereitschaft bringen Tragik in die Geschichte und senken den Grotesken-Anteil zugunsten des Melodrams. Am Ende weht plötzlich eine kräftige Brise Feelgood-Movie übers Meer. Von Houellebecq steht nur noch das kolportagehafte Plotgerüst. Wer gehofft hatte, Oskar Roehler möge subversiven Wind durch Bernd Eichingers Kinoschmiede Constantin Film (Der Untergang, 2004) blasen, wird enttäuscht sein. Der Trick funktioniert genau andersherum.

Kommentare


Patti05

Ich habe mirdem Film am Erscheinugstag angesehen und es waren sage und schreibe ganze 6 Leute im Kino.
Der Film ist o langweilig das ich fast eingeschlafen bin.
Vieleicht an manchen Stellen war er OK.
Er verdient 1 stern. !!!!!


Bini

Also ich habe den Film gesehen und war begeistert. Viele Leute verstehen vielleicht die Tiefe des Films nicht. Klar, das Buch is noch um einiges besser, aber wenn man den Film als etwas Eigenständiges betrachtet, ist er wirklich zu 100% gelungen. Die Besetzung ist bis in die kleinsten Nebenrollen hochkarätig. Besonderes Lob verdient Moritz Bleibtreu, der den Bruno mit solch einer Emotion spielt, dass man ihn am liebsten in den Arm nehmen möchte.
Wer also Lust drauf hat, sich im Kino mit einem Film richtig zu beschäftigen, wird hier seine wahre Freude haben. Alle anderen, die nur Popcorn essen und Spaß haben wollen, sollen in die amerikanischen, größtenteils niveaulosen Filme gehen.


Nils Röska

Als eine Bereicherung für den Deutschen Film bezeichne ich "Elementarteilchen". Das Zusammenspiel von guter Story und sensationellen Schauspielern ist kaum zu übertreffen. Eine Vielzahl von Stimmungen wird glaubhaft ausgelöst. Unbedingt anschauen!! N. Roeska


CuTTer

Ich muss mich fast ausnahmslos Bini’s Kommentar anschliessen!!



Der Film ist mal wieder ein Beweis für die sehr tiefsinnigen und realistisch dargestellten Werke deutscher Filmkunst.



Viele werden mit eben dieser exakten Abbildung des wahren Lebens, mit all seiner Traurigkeit, Tragödie, Dramatik und Detailhaftigkeit nicht klar kommen, da im eigenen Leben bekannt ist was man denkt, im Film aber die Gedanken der Charaktere erahnt, bzw abgeschaut werden müssen.. An dieser Stelle ein Lob an Moritz Bleibtreu,der seine Rolle in jeder Hinsicht mehr als überzeugend spielt!!



Fazit: deutsches "Real-Life" Kino mit kaum fassbaren Tiefgang und schier unglaublichem Authentizitätsgrad!!!


Gerd Sailer

Einer der besten deutschen Filme die ich in den vergangenen Jahren gesehen habe.
Moritz Bleibtreu spielt überirdisch!

Ein neues Drama mit Tiefgang und Niveau. Sehenswert!


Jörn Allers

Super Film. Habe ich mit meiner Freundin in Neumünster geguckt und wir haben uns weggelacht. Witzig - dann wieder tragisch. Aber ein super Film. Liebe Grüsse aus Kiel.


Ferdie

Ich fand den Film totlangweilig. Seine Anziehungskraft basiert ausschließlich auf dem Starbonus der Schauspieler. Und davon lassen sich viele Zuschauer blenden.
Zum Inhalt: die Geschichte wirkt so anekdotenhaft, dass man sie sich besser als Comic nicht aber als Film hätte vorstellen können.
Lohnt sich nicht! Zeitverschwendung. Schade.






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