Effi Briest

Die Neuverfilmung des Klassikers von Theodor Fontane versucht herauszufinden, was uns die altbekannte Geschichte von Ehebruch und Freiheit heute noch zu sagen hat.

Effi Briest

Er ist das, was man damals wohl eine „gute Partie“ nannte. Baron von Innstetten, Landrat irgendwo in der tiefen Provinz, ein Karrieremann. „Du bist mit 20 schon so weit wie andere Frauen mit 40 noch nicht sind“, sagt die Mutter (Juliane Köhler) zu Effi (Julia Jentsch). Es ist nur eine Formalität, dass Innstetten um ihre Hand anhält. Die Antwort steht fest. So eine Gelegenheit lässt man sich im 19. Jahrhundert nicht entgehen.

Die Hochzeitsnacht ist der reine Horror. Eine von drei Szenen, die es garantiert bei Fontane nicht gibt (die schlechteste der drei kommt ganz am Schluss, aber dazu später mehr): Eine hastig heruntergezogene Schlafanzughose, Effi schreit vor Schmerz – aber sie hat Glück, es ist schnell vorbei. Innstetten ist ein lausiger Liebhaber. Bei der zweiten, wesentlich freizügiger inszenierten Liebesszene, der zwischen Effi und Crampas (Mišel Matičević), ist alles anders. Man kann zeigen, was Fontane nicht durfte: Effi Briest nackt. Der Liebhaber unterzieht die Frau Baronin erst einmal einem vorbildlich ausführlichen Vorspiel, einschließlich Cunnilingus, und verschafft ihr ihren ersten Orgasmus. Dazu rauscht das Meer in gleichmäßigen Wellen. „Ist das jetzt Liebe“, fragt Effi. „Nein“, sagt Crampas. „Das ist Freiheit.“ Eine politische Freiheit für die Frauen ist das noch nicht. Es geht zunächst eimal darum, wer besser ist im Bett.

Effi Briest

Die insgesamt fünfte Verfilmung des Stoffes von Theodor Fontane, der vielen wegen früher Schullektüre vertraut ist, gibt sich alle Mühe, eine keineswegs angestaubte Geschichte zu polieren. Hermine Huntgeburth, in deren letzter Literaturverfilmung (treffender: Bestsellerverfilmung) Die weiße Massai (2005) es ja auch um eine Frau in der Fremde ging, inszeniert das flott und lässt keine Langeweile aufkommen. Es gibt rauschende Ballnächte, viel Geigenmusik und Klavier, es gibt etwas Spannung, wenn die intrigante Johanna (Barbara Auer) wie Hitchcocks Mrs. Danvers aus Rebecca (1940) ins Bild gesetzt wird. Der Strand des von Effi so gehassten Kessin sieht manchmal aus wie eine Wüste. Sebastian Koch gibt seinem Innstetten die nötige Arroganz und Kälte, Julia Jentsch ist als Effi lange das ängstliche Mädchen, das nur sehr vereinzelt und einigermaßen unmotiviert moderne Ansichten von sich gibt.

Rainer Werner Fassbinder hatte in seiner Version von 1974 in einem langen Untertitel deutlich gemacht, worum es ihm geht: „Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen.“ So hieß sein Film, der eigentliche Titel „Effi Briest“ ging da fast schon unter.

Effi Briest

Für die neue Verfilmung hatten sich Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Günter Rohrbach offenbar vorgenommen, diesen Pessimismus zu überwinden. Effi soll eine moderne Frau sein, eine starke. Vor allem aber: eine, mit der heutige Zuschauerinnen sich besser identifizieren können. Und so ändert das Drehbuch von Volker Einrauch kurzerhand das Ende. Effi stirbt nicht, nachdem der Ehebruch offenbar geworden, Crampas im Duell erschossen und sie von ihren Eltern verstoßen worden ist. Stattdessen hält sie Mama und Papa einen kurzen Vortrag über die Befreiung der Frau, zündet sich in aller Öffentlichkeit eine Zigarette an und lässt die verdutzte Frau Mama und den ebenso verdutzten Herrn Papa am Caféhaustisch sitzen – um sich in das Gewühl der wachsenden modernen Großstadt Berlin zu stürzen. Es gäbe viel darüber zu sagen, warum dieser Schluss einfach blöd ist. Zum Beispiel, weil er wie drangeklebt wirkt und weil man Effi die Gudrun-Ensslin-Attitüde nicht abnimmt. Aber belassen wir es dabei. Das ist ein zu weites Feld.

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Kommentare


K.-H. Schneider

Ich lese seit Tagen Lobhudeleien über diese neue Effi-Verfilmung. Dabei haben offenbar Regisseurin und Kritiker Fontane gar nicht verstanden. Der Roman dient mit seinem Titel offenbar der cineastisch kommerziell abgesicherten Umsetzung des Emanzpations-Sendungsbewusstseins der Regisseurin.
Erst einmal Fontanes "Effi" lesen, sich mit der damaligen Zeit auseinandersetzen, die subtile Zeit- und Gesellschaftskritik des Dichters verstehen lernen, dann den Roman als Film umsetzen.
Trotz und vielleicht auch wegen der deftig, boulevardhaften Kritik des Films hier, finde ich das, was critic.de dazu publiziert, das Beste, was bisher gesagt wurde. Fontane würde sich freuen!


W. Bäcker

Effi Briest ist offensichtlich ein Film von und für Personen, die den Roman zwar gelesen aber in keiner Hinsicht verstanden haben. Die komplexe Situation zwischen Effi, Crampas und Innstetten wird auf eine simples Verhältnis eines zwangsverheiraten Mädchens reduziert. Die subtil dargestellte sexuelle Spannung des Originals wird durch mehrere langweilige und schlecht choreographierte Sexszenen ersetzt.

Die Umsetzung des Ursprungstextes ist jedoch nicht das einzige Problem. Tatsächlich ist es praktisch unmöglich, der Handlung zu folgen, wenn man nicht bereits mit dem Original vertraut ist. Ganze Kapitel voller Charaktermotivation werden kurzerhand übersprungen, wichtige Szenen ignoriert oder von Grund auf verändert.

Jedem, der das Buch gelesen hat, sollten sich alle Haare sträuben bei dieser Verhackstückelung von Fontanes Werk. Hört ihr das Brummen? Das ist Fontane, wie er in seinem Grab rotiert.


Kopfgeburt

Warum schreiben so viele Kritiker den Namen INNstetten falsch?


Frédéric

Vielen Dank für den Hinweis, Kopfgeburt. Ich habe die Fehler korrigiert.


Bernd Enke

Der Film segelt unter falscher Flagge, damit er sich besser verkaufen läßt. Vorschläge zur Umbenennung: "Meine Effi" oder "Effi 2009" oder "Effi Huntgeburth". Wer den Roman nicht kennt, aber den Film gesehen hat, wird später wahrscheinlich sagen:"Effi Briest? Kenn' ich, ich hab den Film gesehen!" Wenn er dann den Faßbinder-Film aus den 70er Jahren meint, dann hat er recht. Wenn er diese flachgeklopfte Freitagabend-TV-Schnulze meint, dann hat wird er möglicherweise ein subtil gebautes Kunstwerk verpassen. Wer zu faul zum Lesen ist, kann sich den Roman auch von Gert Westphal vorlesen lassen(8 CDs bei 2001). Aber bitte nicht "Effi Huntgeburth" ansehen!


kitty

ich habe den film gesehen un das buch gelesen
ich fande den film nicht so langweillig wie das buch
was mir aber nicht gefallen hat war das gezeigt worden war wie er sie in der hochzeitsnacht ich sags mal so "vergewaltigt" hat. diese szene hätte man weglassen können.


Thomas Müller

Dieser Film ist eine Schande für das Buch, das zu den Klassikern und einem der besten Bücher der deutschen Literatur zählt. Einerseits wird die Intention des Verfassers verdreht, da Liebe und Freiheit (und natürlch der Kampf zur Verwirklichung der selben) in das Zentrum gerückt werden, nicht eine Gesellschftskritik, die erbarmungslos mit der Realtiät des Kaiserreichs ab zu rechnen wünscht. Andererseits sind die Charaktere in einer Weise dargestellt wie es in keinem Fall der Absticht Fontanes entsprach. So wird Innstetten in einen lieblosen und gewalttätigen (vgl. Hochzeitsnacht) Charakter gedrängt.Dabei geht die Tragik des Romancharakters verloren. Innstetten als Mensch, der entzwei gerissen ist Gefühlen und sozialen Normen und Konvetionen, ist im Film zu vermissen.
Meiner Meinung nach sollte eine Literaturverfilmung eine Homage an die Brilianz des Werkes sein und nicht als Projektionsfläche der heutigen Ideale (z.B. Freiheit) sein.


Kendrix

Erst einmal will ich sagen, dass ich WEIBLICH bin, im Besitz eines Realschulabschlusses bin und dabei bin, mein erstes Buch zu veröffentlichen, bevor Rufe von wegen "macho" oder "rückständig" kommen.

Aber: Dieser Film ist der Versuch, eine durchschnittliche Schnulze mit viel Sex als geistreich zu verkaufen, in dem man den Titel eines bekannten Klassikers draufklebt - Sie wollten das Stanfarpublikum bedienen und waren zu faul, sich eine Story auszudenken.

"Effi Briest" mag den meisten als gehasste Abiturlektüre bekannt sein... Als ich es lesen musste, wusste ich nicht so recht, was ich davon halten sollte - ich dachte mir "oh, noch eine von diesen typischen 'arrangierte Ehe' geschichten, die ersten 5 Kapitel erschienen mir unglaublich stereotypisch. Dann kam Kapitel 6 und ich habe das ganze restliche Buch am Stück durchgelesen, und ich bin von der Erzählweise und den charakteren genau so fasziniert wie von Figuren eines heutigen (guten) Animes oder einer tollen Serie.
Es ist eine detailreiche, wundervolle Erzählung, die in diesem Film einfach zu Müll verarbeitet wird... Ich werde jetzt im genaueren erörtern, was mich stört

#1: Das einbringen dieser ganzen Emanzensache. Das ist kein politisches Statement, das ist eine Geschichte! Ich finde es wirklich schrecklich, das heutzutage alle weiblichen Figuren einfach auf den Typus "Powerfrau" reduziert werden Um politisch korrekt zu wirken, verzichtet man auf die darstellung realistischer, interessanter Charaktere die auch fehler haben können.
Wir Frauen, nein, wir Menschen haben differenzierte persönlichkeiten mit stärken und schwächen.
Außerdem sollte man die Geschichte Effis nicht auf die Frauenrolle reduzieren - Die Geschichte war wohl ursprünglich ein stück Weit als Seitenhieb af die Gesellschaft gemeint, aber da steckt noch viel mehr drin, viel Symbolik und wundervolle Orte voller Details, Gedanken und Personen - Der Film hat gänzlich dabei versagt, die Atmosphäre des Buches einzufangen, vor allem war vieles einfach viel zu schnell abgepackt, obwohl das Buch doch gerade von seinen Details lebt, die einem das Gefühl geben, die Entwicklung dieser Menschen langsam mit zu erleben... In der originalen Geschichte stecken viele Themen drin, die auch heute Interessant sind: Das Erwachsenwerden, das damit zu recht kommen, das man kein Kind mehr ist (woran die Protagonistin auf ganzer Linie scheitert), und nicht zu letzt eine tragische Beziehung zwischen zwei Menschen, die einfach nur daran scheitert, dass die Zwei einfach sie selbst sind, und die es nicht schaffen, die große Distanz die weniger durch den altersunterschied, sondern mehr durch ihre sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, Wertvorstellungen, Temperamente und Ausdrucksweisen gebildet wird.

#2 Die Charaktere. Im Film sind sie unglaublich stereotypisch und platt, wo sie im Buch doch sich langsam entwickelnde, Dreidimensionale Menschen waren, die wir bis in ihre tiefsten Tiefen kennenlernen durften - Die beiden Hauptrollen (Und das sind Effi und INNSTETTEN, Crampas hat im original nur eine konzepthafte, statische Rolle) werden uns beide mit ihrer 'Welt' vorgestellt, mit ihren eigenen Symbolen, ihren kleinen Eigenarten, ihrer langsamen entwicklung und ihrem Scheitern, was einen auch mehr Berührt, wenn man sie wie im Buch näher kennen lernen durfte. Aufgrund der Detailarmut des Films werde ich die Qualitätsunterschiede und Abweichungen einfach mal nur an den drei Hauptcharakteren erörtern:

1. Crampas - Im Film zum stereotypischen "Befreier"/ heutigem Bild des "Aufregenden, wilden Liebhabers" hochstilisiert. Mehr is da nich. Und oh, der falsche Schnurbart des Schauspieles war lächerlich. Im Buch - Sogar noch älter als Innstetten und ein Typischer Casanova, der ziemlich boshaft mit seiner zu recht eifersüchtigen Frau umspringt und diese unter verschluss hält. Flirtet mit allem was sich bewegt, romantisch aber auch sehr manipulativ, wickelt Effi total ein - eher eine frauenfeindliche Person, die sich Effi so richtig aufdrängt

2. Effi - Nur, weil sie eine Frau ist und in eine arrangierte Ehe kommt, muss sie noch lange nicht die 'Gute' oder das 'Opfer' sein. Das Buch hatte mehr emotionalen Druck, weil es da kein gut und kein Böse, sondern wie im echten Leben auch, verschiedene Vorstellungen vom Leben, einen mit guten absichten gepflasterten Weg zur Hölle und echte Charackterschwächen gibt. Keiner will sich die 3343747tausendste Superperfekte Emanze antun. Im Buch war sie das genaue Gegenteil - Unreif, Ägnstlich, den Kopf in den Wolken, und selbst für 17 viel zu kindlich. Sie hat im Buch einen realistischen Konflikt mit ihrer Umwelt, und wird als anfängslich liebenswürdige Gestallt aufgrund von uns allen bekannten Problemen doch noch schuldig.
Denn sie MACHT sich schuldig, sie geht hier Fremd - sie versagt auf ganzer Linie dabei, zu akzeptieren, das sie jetzt erwachsen ist, sie lässt sich aufgrnd ihres Schwachen willens von ihren Eltern und Crampas zurechtbiegen - Und gibt dem Leser die möglichkeit, über sein eigenes Leben und die eigenen Fehler nachzudenken.
Was ihr völlig plattes Film-Pendant sagen will, ist ja klar...

#3. Innstetten - Es reicht wohl zu sagen, das er im Buch meine Lieblingsfigur war. Laut einigen Briefen des Autors war er nie als Bösewicht konzipiert, und es tut wirklich weg z sehen, wie er in diesem Film auf einen platten stereotyp reduziert wird.
Im Buch ist er die zweite Hauptrolle, ein dynamischer Charakter mit vielen facetten und einer durchgehenden entwicklung, weit mehr als nur ein 'langweiliger rücksichtsloser Zwangsehemann'. Im Buch ist er nachdenklich, kultiviert, pflichtorrientert, mysteriös und sehr eigen; wirkt aber auch irgendwie sehr unterkühlt (aber niemals richtig kalt), fällt durch seine nüchterne, nicht beschönende Ausdrucksweise auf; Er und taut mit der Zeit immer mehr auf bzw. zeigt sich zunehmens sensibler, bekommt aber nie wirklich einen Draht zu Effi, die er im Buch auch irgendwie liebt; (Jedenfalls mehr als sie ihn).
Am schluss kommt die Affäre herraus und er sieht sich gezwungen, die Frau, die er trotz alledem immer noch liebt, vor die Tür zu setzen und sich mit einem Kerl zu duelieren, den er nicht wirklich hasst - Ehebruch war damals etwas 'offizielles' (wie auch die Ehe selbst), und er befolgt hier einfach die zu seiner Zeit gültigen Prinzipien, auch, wenn er dafür alles Glück in seinem Leben aufgeben muss.(eigentlich eine Positive eigenschaft - Nur, das sich diese "Prinzipien" inzwischen geändert haben) Natürlich kommen ihm als intelligenten Menschen da Zweifel, und diese sind es auch, die ihn am Ende keine Ruhe mehr lassen, sodass wir ihn zu letzt als gescheiterten Mann sehen, der sich an nichts mehr freuen kann... Mir tat er deutlich mehr Leid als Effi, und er hat trotz allem noch dazu eingewilligt, dass sie diesen Hund kriegt... T~T Gerade dadurch, das es im Buch nicht besonders kommentiert wird - Der Hund ist im nächsten Kapitel einfach in Effis Besitzt - wird es besonders ergreifend und besser als jede Oberdramatisierung.


fiffi

Ich habe im Unterricht Effi Briest gelesen und ich habe auch den Film im Unterricht gesehen. Leider war ich etwas enttäuscht. Ich finde die Schauspieler waren etwas Fehlbesetz. Vor allem Julia Jentsch ist viel zu alt für Effi. Auch die 3 genannten Szenen fand ich etwas unnötig. Vor allem die, wo Effi Dagobert küsst ist vollkommen am Buch vorbei. Auch das Ende war vollkommen anders. Naja, ist Geschmackssache aber ich fand, dass es nichts mehr mit dem Buch zu tun hat. Einzig und allein die wunderbaren aufnahmen von dem Meer und den Dünen sind traumhaft.
" Fontane hätte sich im Grab gedreht" (Zitat meiner Deutschlehrerin)


JUVILI

"Eine der besten Effi Briest Verfilmungen" (Zitat meines Deutschlehrers).
Mich hat auch das Aussehen und Alter Effis ziemlich enttäuscht, auch die Art und Weise, in der ihr Charakter dargestellt und verändert wird. Allerdings hatten wir in der klasse unterschiedliche Meinungen über das Ende- es ist mindestens diskussionswürdig.
Die Beziehung zu Dagobert ist auch vollkommen übertrieben und überflüssig. Positiv haben wir allerdings die Kameraführung und die Besetzung der meisten Rollen zum Bespiel Gieshüblers bemerkt. Der film ist auf jeden Fall auch weniger anstrengend und langweilig als ältere Filme.






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