Dunia
Im hektischen Treiben Kairos versucht eine junge Frau zwischen Bauchtanzstunden und der Beschäftigung mit Liebeslyrik ihr unterdrücktes Verlangen zu entdecken.

Dirty Dancing (1987) ist der Höhepunkt einer über mehrere Jahre andauernden Welle an amerikanischen Tanzfilmen. Mit ihren musikalisch unterlegten Tanzeinlagen ähneln die Filme auf den ersten Blick zwar einem Musical, jedoch übernimmt der Tanz im Gegensatz zum Gesang nur eine geringe narrative Funktion. Neben einer dekorativen Wirkung fungieren die Tanzszenen in Dirty Dancing oder verwandten Filmen wie Flashdance (1983) und Footloose (1984) immer auch als Illustration der persönlichen Entwicklung des Protagonisten. Die Bewegungen sind Teil einer Metamorphose, mit der die Hauptfigur ihre Konflikte überwindet und zu einem neuen Menschen wird. Baby aus Dirty Dancing gelingt es etwa durch den Tanz ihre alten Ängste abzuschütteln und sich endlich von ihrem übermächtigen Vater zu lösen, um buchstäblich auf eigenen Beinen stehen zu können.
Dunia von der Regisseurin Jocelyne Saab entstammt einem völlig unterschiedlichen Kulturkreis und ist auch kein Tanzfilm im klassischen Sinne. Trotzdem erzählt er wie die amerikanischen Beispiele anhand des Tanzes von der Emanzipation seiner Heldin. Dunia (Hanan Turk) ist eine junge Frau mit zwei Leidenschaften. Zum einen taucht sie unter der Betreuung des blinden Literaturprofessors Beshir in die Welt der Liebeslyrik ein und führt außerdem das Vermächtnis ihrer Mutter fort, indem sie Bauchtänzerin werden will. Dass beide Tätigkeiten einen schlechten Ruf genießen, stört Dunia nicht weiter. Schließlich ist sie ebenso wie ihre beiden Freundinnen Inajate und Arwa eine moderne und aufgeklärte Frau, die inmitten patriarchaler Strukturen ihren eigenen Weg finden möchte. Als sie den ständigen Avancen ihres Freundes Mamdouh nachgibt und ihn heiratet, lassen die ersten Konflikte nicht lange auf sich warten. Den Vorwurf, sie könne sich ihm nicht öffnen, hört sie auch von Beshir und ihrem strengen Tanzlehrer und kurz darauf wird sie mit einer lange zurück liegenden traumatischen Erfahrung konfrontiert.

Der Film greift die Beschneidung von Frauen nicht nur als überholten Brauch auf, sondern behandelt dieses Motiv auch im übertragenen Sinne. Dunia hat vor allem mit einer geistigen Beschneidung von Seiten der Gesellschaft zu kämpfen, die ihr keine sexuelle Selbstbestimmung zugesteht. Dieses brisante Thema verpackt der Film in eine sinnliche Erfahrung aus Farben, Bewegungen und Klängen, durch die Dunia sich langsam öffnen kann. Dabei wird schnell klar, dass sich die Darstellung von Sexualität im Film stark von einer westlichen Sichtweise unterscheidet. Statt den Akt an sich zu zeigen, wird er umschrieben und in blumige Metaphern gehüllt. Sex wird hier zur allumfassenden sinnlichen Wahrnehmung, mit der die Umwelt ertastet, gerochen und geschmeckt wird. Diese Lebensweise manifestiert sich am deutlichsten in der Figur des Beshir, der seine Behinderung durch die Schärfung der übrigen Sinne kompensiert und Dunia hilft, ihre eigene Sinnlichkeit zu entdecken.
Die in unseren Breiten ungewohnte Art der Behandlung von Sex hat durchaus etwas Erfrischendes, macht aber auch die unterschiedlichen Stellungen deutlich, die der Film in seiner Heimat und hier einnimmt. Brisante Motive wie Mädchenbeschneidung und die Fremdbestimmung der Frau haben den Film in Ägypten zu einem Skandal und beinahe zu einem Opfer der Zensur gemacht. Dagegen verliert Dunia bei uns seine hauptsächliche Funktion und läuft Gefahr, für einen überheblichen Blick auf eine vermeintlich unterentwickelte Gesellschaft instrumentalisiert zu werden. Dort, wo Frauen nicht mehr um solch elementare Rechte kämpfen müssen und der Film offene Türen einrennt, könnte er eher zur Bestätigung der eigenen Fortschrittlichkeit dienen, als zur Aufdeckung von Missständen. Hinzu kommt noch, dass Dunia vom exotischen Reiz einer fremden Welt erzählt und durch eine Ansammlung folkloristischer Details und die Darstellung einer, in unserer überindustrialisierten Gesellschaft scheinbar verloren gegangenen Sinnlichkeit auch viele Klischees des World Cinemas bedient.
Am Ende befindet sich Dunia dann in einer ähnlichen Situation wie Baby in Dirty Dancing und Saab löst ihre Geschichte mit einer optimistischen Metapher auf: Nach ihrem Reifungsprozess verliert sich Dunia in einem scheinbar endlosen, kathartischen Tanz, mit dem sie all ihre Ängste und Zwänge abschüttelt.
Kritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 19.04.2007
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Film-Angaben
Titel: Dunia
Ägypten, Libanon, Frankreich 2005
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Jocelyn Saab
Drehbuch: Jocelyn Saab
Produktion: Jocelyn Saab, Catherine Dussart
Darsteller: Hanan Turk, Fathy Abdel Wahab, Sawsab Badr, Khaled El Sawi, Youssef Ismail, Mohammed Mounir, Aida Riad
Kinostart: 19.04.2007
Copyright Dunia
Fotos: © Kairosfilm
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