Diplomatie

Paris muss brennen – das war Hitlers Befehl. Paris, je t’aime, sagt Volker Schlöndorff mit seinem Kammerspiel um die Rettung der Stadt.

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Paris, die Schöne, schläft noch. Elegant dahingegossen ans Ufer der Seine, im Nebel der frühesten Morgenstunden, all die Zeichen ihrer Größe schon als Silhouetten zu erahnen: der Louvre, der Eiffelturm, Notre-Dame, Sacré-Cœur... nur eine Stadt von Welt schmücken solche Schätze. Ein Mann schaut vom Balkon des Hotels Meurice ins Morgengrauen: General Dietrich von Choltitz kann nicht schlafen. Er ist der deutsche Kommandant für Groß-Paris und hat den Befehl bekommen, die Stadt zu zerstören. Die Schmuckstücke sind bereits mit Sprengstoff vermint. Choltitz hat noch nie einen Befehl verweigert, auch Kriegsverbrechen anstandslos ausgeführt, davon zeugen die Orden an seiner Uniform. Nur ein Mann des Gehorsams trägt die Abzeichen des Regimes mit soviel Pflichtstolz – und das bereits um vier Uhr in der Früh. Doch auch ein Zweiter ist schon im Nebel unterwegs, im Auftrag der Gegenseite. Er kennt die geheimen Türen des Hotel Meurice und zaubert sich wie Mephisto in den Raum: der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling. Nun ist alles bereitet für eine Dreiecksgeschichte zwischen der Stadt Paris, ihrem Zerstörer und ihrem Retter. Und die Suite des Kommandanten wird zum Schauplatz des Kammerspiels Diplomatie.

Redekunst gegen die Vernichtung

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Volker Schlöndorffs Biografie ist seit seiner Jugend mit der französischen Metropole verbunden. Hier ging er während der 1950er Jahre zur Schule, hier studierte er, pilgerte in die Cinémathèque und wurde Regieassistent von Louis Malle beim schönen Parisfilm Zazie dans le métro (1960). In Schlöndorffs Filmografie finden sich zudem immer wieder Geschichten aus der NS-Zeit, fast alle Koproduktionen mit französischer Beteiligung – von Die Blechtrommel (1979) über Der Unhold (1996) bis zu Der neunte Tag (2004). Und bereits im TV-Film Das Meer am Morgen (2011) dramatisierte Schlöndorff den französischen Widerstand während der Besatzung. Auch Diplomatie handelt von Widerstand. Doch es wird nicht mit Waffen, sondern mit Worten gefochten. Denn Raoul Nordling (André Dussolier) versucht, den deutschen General (Niels Arestrup) mit allen Mitteln der Redekunst von seinem Vernichtungsauftrag abzubringen, während draußen die Befreiungsfront der Alliierten immer näher rückt.

Verdichtung und Wahrheit

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Das verdichtete Setting – ein Raum, zwei Gegenspieler und die tickende Bombe – geht auf das Theaterstück von Cyril Gély zurück. Schlöndorffs Adaption bereitet den beiden Schauspielern eine kunstvoll ausgestattete Bühne mit Balkonblick für das sehenswerte Spiel um den ständigen Wechsel der Machtverhältnisse, den Verschiebungen in Gestik und Mimik, der langsamen Annäherung zwischen dem Wehrmachtskommandanten und dem Diplomaten. Immer, wenn wieder alles gesagt und gescheitert scheint, wenn Nordling nach seinem Hut greift, um die Szene zu verlassen, bringt ein Deus-ex-machina-Einfall die nächste Wendung: ein Telefonanruf, ein Bote mit überraschender Nachricht, ein Asthmaanfall des Generals. Wenn die Logik mal schwächelt, scheut sich Diplomatie nicht, mit einer beherzten Auslassung darüber wegzusehen. Oder woher weiß Choltitz beim inneren Showdown, dass er zum entscheidenden Funkkontakt mit dem Sprengkommando aufs Dach muss, wo doch die Spannung bislang daher rührte, dass die Telefonleitung unterbrochen ist und eben solche Absprachen unmöglich? Geschenkt. Genau wie die Tatsache, dass der nervenaufreibende Disput um die Rettung von Paris in dieser Form nie stattgefunden hat. Der historische Dietrich von Choltitz übergab die unversehrte Stadt am 25. August 1944 zwar in französische Hände. Doch die genauen Hintergründe sind komplex und bis heute nicht ganz geklärt.

Die Rettung der Mona Lisa

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Diplomatie erinnert von seiner Struktur her an weltanschauliche Rededuelle wie in Der neunte Tag oder Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005). Doch wo andere Filme sich auf historische Grundlagen, Protokolle, Tagebücher berufen, wird hier frei fiktionalisiert. Es ist ein spielerischer Umgang mit Geschichte, wie ihn zuletzt – in gewaltigeren Produktionsrahmen – auch Monuments Men oder Grand Budapest Hotel (beide 2014) betrieben haben. In beiden werden alte europäische Werte und Werke gegen die Barbarei verteidigt: US-Amerikaner retten mit viel patriotisch-pathetischem Klingklang Meisterstücke der Kunstgeschichte vorm gierigen Zugriff Heinrich Himmlers. Und ein Concièrge rennt slapstickhaft gegen den totalitären Untergang einer stil- und glanzvollen Epoche an. Nun also die gerettete Weltstadt als Werk eines schwedischen Diplomaten, der am Ende einen Ring als Siegeszeichen in den Händen hält: ein Augenzwinkern in Richtung Schindlers Liste, ganz nebenbei.

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Volker Schlöndorffs Liebeserklärung an Paris, einem fiktionalisierten Raoul Nordling in den Mund gelegt, bleibt in ihrer Inszenierung meist angenehm unspektakulär, elegant wie ein geglücktes diplomatisches Manöver. Von der dramatischen Musikbeschallung mal abgesehen. Wer Dietrich von Choltitz gewesen sein mag, welche Handlungsspielräume er wie und warum nutzte oder nicht, das ist eine andere Geschichte.

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