Die Geschwister

Nach drei Reisefilmen kommt Jan Krüger im Alltag des Berliner Wohnungsmarkts an. Trotz existenziellem Ernst der Lage lässt er seine Figuren frei.

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Wie muss man drauf sein, um Immobilienverwalter zu werden? Ist Thies (Vladimir Burlakov) seine Macht bewusst, wenn er bei der Wohnungsbesichtigung aus den Unterschlupfsuchenden drei Glückliche zur engeren Auswahl vorschlägt? Und das in Berlin, wo die Zeiten, in denen die Wohnungssuche noch ein entspanntes Trial-and-Error war, lang vorbei sind? Jedenfalls darf er sich dafür einiges anhören. Der türkische Familienvater beschimpft ihn für seine ahnungslose Existenz im Büroglaskasten, in dem er ihn wütend aufsucht. Die Flüchtlingsaktivistin wirft ihm vor, sich als Besitzloser mit den Besitzenden gemein zu machen. Eigennützigkeit unterstellt ihm Sonja (Irina Potapenko), die er zusammen mit ihrem Bruder Bruno (Julius Nitschkoff) illegal in einer sanierungsbedürftigen Neuköllner Dreizimmerwohnung untergebracht hat.

Nachdenklich aus dem Fenster schauen

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Es ist typisch für Jan Krügers Erzählstil, dass er seinen Protagonisten zwar einiges tun lässt, was diese Vorwürfe rechtfertigt – etwa wenn sich Thies nachts per Generalschlüssel Zugang zu der Wohnung der Geschwister verschafft und sie heimlich beobachtet –, sich aber selbst keinen davon zu eigen macht. Auch kaum Motivforschung betreibt, sondern einfühlsam, aber nicht gefühlig, einfach betrachtet, was seine Figuren tun. Vladimir Burlakov gibt Thies als einen, der oft nachdenklich aus dem Fenster schaut und sich selbst immer ein wenig opak bleibt – ob es um seinen fragwürdigen Job geht, seine Nebentätigkeit bei einem Trödelhändler oder um die Frage, warum er den Geschwistern hilft.

Fest steht, dass Thies zeitgleich eine Affäre mit Bruno beginnt. Oder der mit ihm, denn Bruno fängt ihn nach der Wohnungsbesichtigung beim Joggen ab. Als eine Verführerfigur, die die Sehnsüchte und nur locker sitzenden Widerstände eines scheinbar geerdeten Gegenübers instinktsicher erspürt, wirkt Bruno wie ein Wiedergänger von Marco aus Krügers Debütfilm Unterwegs (2004). Dabei ist der junge Pole mit dem selbstgewiss-wissenden Lächeln und der häuslichen Ader (Aquarien-Fan!) ebenso Überlebens- wie Lebenskünstler, erfüllt mit Verantwortungsgefühl für Sonja, seine vermeintliche Schwester, von der Thies bald erfährt, dass sie aus Weißrussland komme und keine Aufenthaltserlaubnis habe. Sie wiederum versteht sich als Beschützerin ihres abenteuerlustigen Bruders, in der Gegenseitigkeit stehen sie in der Tradition des als Motiv eher anklingenden als ausbuchstabierten Grimm’schen Märchens.

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Das durch eine unverhoffte Begegnung angestoßene Beziehungsspiel, in dessen Verlauf sich Rollen und Selbstbilder aller Beteiligten ändern können, ist ein in allen Filmen Krügers variiertes Sujet. In Die Geschwister hat es einen Hintergrund von existenziellem Ernst. Ein im Dunkeln vorbeifahrendes Polizeiauto, ein musternder Blick der Beifahrerin auf Sonja, und die Bedrohlichkeit ihrer Situation wird eindrucksvoll klar.

Ein bisschen didaktisch, ein bisschen überfrachtet

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Bei Thies’ Autofahrten durch den Kreuzköllner Kiez, die sich unaufdringlich eindringlich in den Bilderfluss schmiegen, sehen wir zwischen Szenecafés und radelnden Kindern einmal kurz zwei Wandaufschriften – „Refugees welcome“ und „Mieterhöhungen stoppen“ – im Augenwinkel vorbeiziehen. Manchmal, etwa mit der wie eine Stichwortgeberin wirkenden Flüchtlingsaktivistin, bekommt der Film eine leicht didaktische Schlagseite. Ein weiterer Fallstrick: Nach drei Reisefilmen Krügers spielt Die Geschwister erstmals am Wohnort der Hauptfigur und ist bestrebt, ihren Lebensalltag möglichst facettenreich auszuleuchten. Doch Nebenstränge etwa um Thies unklares Verhältnis zu einer Bürokollegin oder um die Probleme von Trödelhändler Marcos mit seiner Exfrau, überfrachten und verunklaren die erzählte Welt eher, als sie zu bereichern.

Den Stärken des Films kommt das aber kaum ins Gehege. Die kommen vor allem zum Tragen, wenn er die drei Hauptfiguren in ihrem Umgang miteinander beobachtet. Dass die titelgebenden Geschwister keine wirklichen sind, ist paradigmatisch für die Offenheit, die Jan Krügers gesamtes Werk ausgezeichnet. Ob Figuren nun verwandt sind oder liiert oder befreundet, ob sie schwul sind oder hetero (man könnte vor jedes Adjektiv noch ein „eher“ setzen), ist nicht maßgeblich für einen Blick, der sie immer ganz und gar situativ betrachtet, in dem Mit- oder Neben- oder Gegeneinander, in dem sie gerade sind. Maßgeblich ist, wie sie sich im Raum (in der Wohnung, im Auto) zueinander wenden, welche Blicke sie einander zuwerfen, welche Stimmungen über ihre Mienen spielen, was sie sich sagen, was sie füreinander tun. Bruno und Sonja sind Geschwister, weil sie geschwisterlich handeln.

Magische Momente

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Thies erhält zu ihrer Welt nur temporär Zugang. Während er und Bruno sich von Anbeginn anziehen –zwei innig gespielte Sexszenen gleich im ersten Filmdrittel –, bleibt Sonja anfangs auf misstrauischer Distanz, nähert sich ihr der Film im weiten Bogen, sehen wir sie, mit Thies aus dem Auto blickend, zunächst im Halbschatten die Straßen entlanghasten oder ihrem Job beim Späti nachgehen. Erst viel später, als alle drei, während der bedächtige Elektroscore von Stammkomponist Birger Clausen etwas an Fahrt aufnimmt, durchs nächtliche Neukölln tollen und dann einander in die Arme fallen, ist Thies für einen sehr vergänglichen Moment in die Geschwisterschaft aufgenommen. Noch ein Moment der Freiheit und des Einklangs zwischen Bruno und Thies ist ihr Tanz in einem (Hetero)-Bordell, auf einer Exkursion nach Polen, die für zehn Minuten das Berlin-Setting unterbricht und dabei fast ein wenig wie ein separater Kurzfilm anmutet.

Das Spielerische und das Ernste werden am schönsten in der Szene zusammengebracht, in der Thies und Sonja in der von Kerzenlicht erhellten nächtlichen Wohnung aus dem Stegreif eine fiktive Musikerbiografie über Sonjas Exfreund zusammenspinnen. Einander die Bälle zuspielend, loten sie die Freiheit aus, mit der man ein Leben entwerfen kann – ohne aber dass Sonja die Bedrohung hier vergäße. Vor einem Konzert, erzählt sie, habe der Metal-Gitarrist seiner Freundin Ohrenstöpsel angeboten. Sie habe dankend abgelehnt. Wo sie herkomme, explodierten Häuser in nächster Nähe.

Trailer zu „Die Geschwister“


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