Die blonde Sünderin

Rien ne va plus, nichts geht mehr. Jacques Demy zeichnet in seinem Spielerfilm von 1963 das Porträt eines Pärchens, das drauf und dran ist, alles zu verzocken – auch die Liebe und die Selbstachtung.

Die blonde Sünderin

Denkt man an Jacques Demy, so werden unweigerlich Erinnerungen an sein wohl bekanntestes Werk Die Regenschirme von Cherbourg (Les Parapluies de Cherbourg, 1964) wach: ein leichtfüßiges Musical, bunt und heiter. Dass Demys Oeuvre auch ganz andere Facetten aufweist, zeigt sein im Jahr zuvor inszenierter Die blonde Sünderin (La Baie des Anges), ein Zockerfilm, nüchtern erzählt in Schwarzweiß-Bildern, mit fast existentialistischer Noir-Atmosphäre.

Der Bankangestellte Jean (Claude Mann) gerät durch einen Mitarbeiter ans Glücksspiel. Nach einem ersten, erfolgreichen Abend am Roulettetisch, der ihm ein halbes Jahresgehalt einbringt, zieht es Jean in die großen Casinos der Côte d’Azur. Hier verliebt er sich in die spielsüchtige Jackie (Jeanne Moreau), die seine neu entdeckte Roulette-Leidenschaft nur noch mehr anstachelt und ihn in einen Mahlstrom des Gewinnens und Verlierens treibt, dem er sich nicht entziehen kann.

Die blonde Sünderin

In Die blonde Sünderin inszeniert Demy eine ménage à trois der etwas anderen Art. Jean und Jackie - schon der Klang der Namen evoziert die fatale Dreierbande aus Jules und Jim (Jules et Jim, 1962) - genügen einander nicht. Ihre Begierden richten sich zugleich und vor allem auf einen Dritten: das Glücksspiel, das zum dominierenden, verschlingenden Partner in einer verhängnisvollen Dreieckskonstellation wird. Wiederholt sehen wir Nah- und Großaufnahmen des Pärchens Jean und Jackie im Casino. Die Umwelt wird ausgeblendet. Ein Raum der Intimität entsteht. Einzig das Rouletterad mit der sich drehenden Kugel ist hier geduldet, ja ersehnt. Und so wird die nur scheinbare Zweisamkeit der Hauptfiguren immer wieder überlagert und unterbrochen von Tönen, wie Bildern des Rouletterades und – in den ekstatischen Momenten des Gewinnens – untermalt von der leidenschaftlich-romantischen Klavierkomposition Michel Legrands. Wir erfahren nicht einfach nur den Thrill des Glücksspiels wie es in anderen Zockerfilmen üblich ist, sondern die sinnliche Nähe des Spielsüchtigen zum geliebten Objekt. Der Roulettetisch wird zum Fetisch und Ersatzpartner. Doch drei sind bekanntlich einer zuviel, und so gewinnt Demys Film seine unterschwellige Spannung aus der Frage nach dem Ausgang dieser unglückseligen ménage à trois.

Die blonde Sünderin

Die blonde Sünderin ist ein äußerst komprimierter Film, bestechend durch seine Schlichtheit und scheinbare Einfachheit. Im Wesentlichen beschränkt sich der Gang der Handlung auf die sich wiederholenden Spieleskapaden Jeans und Jackies. Nebenschauplätze werden vermieden, so dass unser Augenmerk einzig der Obsession der beiden Hasardeure gilt. Das Drama spielt sich überwiegend in ihren Gesichtern ab, während sie gebannt dem Lauf der Roulettekugel folgen als hinge ihr Leben vom Ausgang des Spieles ab. Vor allem Jeanne Moreau brilliert als eine im Leben gescheiterte Frau, die nicht nur Ehemann und Kind aufgrund ihrer Spielsucht verloren hat, sondern auch sich selbst, ihren Stolz und ihre Selbstachtung. Das Casino ist ihre Bühne, auf der sie die Lebedame geben kann und in den gelegentlichen Momenten des Gewinnens eine Illusion des Glücks in sich zu erzeugen vermag.

Der Originaltitel des Films, La Baie des Anges, lässt eine „Bucht der Engel“ jenseits des Atlantiks assoziieren, nämlich jene von Los Angeles, die Stadt der Engel an der kalifornischen Küste. Insbesondere Hollywood gilt als Inbegriff einer Scheinwelt, die zur Realitätsflucht verleitet. Eben hier zieht Demy eine Parallele zur Glücksspielwelt der französischen Riviera, in der Jackie wie die traurige Imitation einer Hollywooddiva wirkt, wasserstoffblond und die Hüften wiegend wie Marilyn. Es ist ein Ort, der sich mehr durch Schein denn durch Sein auszeichnet und der durch seine Fassade des Mondänen und Mystischen, Menschen wie Jean und Jackie vor der Leere ihres bürgerlichen Alltags fliehen lässt und zum Träumen verleitet – ein Träumen indes, das sein gefährliches und zerstörerisches Potential entfaltet, wenn es zum alleinigen Lebensinhalt wird.

Die blonde Sünderin

Eindrucksvoll inszeniert Demy die Spielsucht als einen verführerischen Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Die Kreisform ist denn auch die gestalterische Dominante, von der anfänglichen Kreisblende, die das Gesicht der Moreau einrahmt und sie, ebenso wie zahlreiche andere Rahmungen innerhalb der Einstellungen, als Gefangene illustriert bis hin zu der zyklischen Dramaturgie mit ihren sich wiederholenden Spiel-Episoden, aus der Jean und Jackie nicht auszubrechen vermögen.

Mit seiner formalen Strenge und dem lakonischen Erzählgestus passt Die blonde Sünderin nicht so recht zu dem experimentellen Überschwang der Nouvelle Vague – und stellt gerade deshalb ein äußerst interessantes Werk am Rande der damaligen französischen Bewegung dar. Demy ist ein stilistisch zurückhaltender und angenehm bescheidener Film gelungen, der ebenso die Faszination wie die Tragik des Glücksspiels greifbar macht.

 

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