Der Beweis – Liebe zwischen Genie und Wahnsinn – Kritik

Wer ist wahnsinnig und wer genial? Dieser Frage widmet sich der Film, der nebenbei noch eine Liebesgeschichte erzählen möchte und sich in seinem Ambiente der naturwissenschaftlichen Forschung nie so richtig wohl fühlt.

Der Beweis - Liebe zwischen Genie und Wahnsinn

In der Neuen Nationalgalerie zu Berlin ist derzeit die Melancholie-Ausstellung mit dem Untertitel „Genie und Wahnsinn in der Kunst“ zu begutachten. In der Melancholieforschung ist dieses Begriffspaar ein Standard, und auch Künstler im Film werden gerne in diesen Kontext gestellt, etwa bei Ken Russells Musikerbiographien, von denen die über Tschaikowsky in Deutschland gleich den Untertitel Genie und Wahnsinn erhielt. Visuell nicht mit Russells Extravaganzen zu vergleichen, doch motivisch ähnlich operierte noch der australische Film Shine (1996), dem Schauspieler Geoffrey Rush Oscarehren und den späten internationalen Durchbruch verdankte. Im selben Jahr erschien Darren Aronofskys Pi, den Themenkomplex vom Künstler zum Mathematiker verlagernd. Selbiges tat auch Ron Howard in seinem A Beautiful Mind (2001), dessen Hauptdarsteller, in diesem Fall Russell Crowe, ebenfalls mit dem Oscar ausgezeichnet wurde.

Auch John Madden besitzt Oscarwürden. Mit Shakespeare in Love (1998) konnte der britische Independent-, Fernseh- und Theaterregisseur einen „besten Film“ vorweisen. Seine Hauptdarstellerin Gwyneth Paltrow hatte er damit in die Superstarumlaufbahn befördert. Erst jetzt, fast ein Jahrzehnt später, gibt es wieder einen John Madden-Film, dafür erneut mit Gwyneth Paltrow, neben der auch Anthony Hopkins, Jake Gyllenhaal und Hope Davis tragende Rollen ausfüllen. Proof heißt der Film im Original, auf Deutsch mit Der Beweis übersetzt, darüber hinaus jedoch mit dem bedeutungsvollen Untertitel Liebe zwischen Genie und Wahnsinn versehen.

Der Beweis - Liebe zwischen Genie und Wahnsinn

Nun, die Liebe wird bereits zu Beginn angedeutet. Zwar necken sich Catherine (Paltrow), deren Vater, eine Mathematikkoryphäe (Hopkins), gerade verstorben ist, und dessen Musterschüler Hal (Gyllenhaal) noch, sie weist ihn eher ab und zurück – aber das ist ja nun mal häufig so bei Filmanfängen, wo bliebe sonst die Entwicklung? Wahnsinn scheint sich auch breit zu machen, denn es wirkt, als könne Catherine Vergangenheit und Gegenwart nicht immer voneinander unterscheiden. Sie macht jedenfalls einen zumindest instabilen Eindruck. In den Rückblenden, die sie mit ihrem Vater zeigen, schlägt sich die Dichotomie von Genie und Wahnsinn vor allem in dessen Person nieder. Einst genialer Entdecker und Vordenker, scheint der Mann am Ende seines Lebens nur noch Unzusammenhängendes verfasst zu haben. Bis Hal dann doch Catherines Liebe und Vertrauen gewinnt, das geht recht schnell, und auf ihren Hinweis ein Notizbuch mit einem mathematischen Beweis findet. Womöglich hatte sich beim Professor auf die alten Tage also doch das Genie ein letztes Mal durchgesetzt? Eher nicht, glaubt man seiner Tochter, die auf einmal behauptet, die Beweisführung selbst verfasst zu haben. Ist also sie, die anfangs eher Wahnsinnige, auch ein Genie?

Der Beweis - Liebe zwischen Genie und Wahnsinn

An diesem Handlungsverlauf, der noch um eine ungeniale und gar nicht wahnsinnige große Schwester (Davis) erweitert wird, lässt sich Maddens Zielrichtung erkennen. Die anfangs aufgebaute mysteriöse Atmosphäre im Haus des Toten, eine Verunsicherung, die sich durch die Verunsicherung Catherines überträgt, wird bald einem Schmalspurthrillerkonzept geopfert, das sich an vordergründigen Plotfragen abarbeitet und das Drama der Hauptfigur nicht nur vernachlässigt, sondern auf einen schlichten Handlungszusammenhang reduziert.

Bald stellt sich auch nicht mehr die Frage Genie oder Wahnsinn, sondern Genie oder Hochstaplerin. Ausgerechnet indirekt ausformuliert von dem vermeintlich Liebenden. Damit ist auch schon alles über die Komplexität der Liebesgeschichte gesagt.

Wie sieht nun aber dieser Film, der von Naturwissenschaftlern (auch wenn Gyllenhaal eher wie der Captain des Footballteams agiert) und deren Leben mit Formeln, einer Welt der Zahlen, Gedanken- und Beweisketten handelt, bildlich aus?

Der Beweis - Liebe zwischen Genie und Wahnsinn

Die Antwort ist so simpel wie einleuchtend in Anbetracht des Regisseurs: Der Beweis sieht aus wie ein äußerst konventionell verfilmtes Theaterstück, und genau das ist es. Die Protagonisten und deren Dialoge, zumeist bemüht einem vermeintlich naturwissenschaftlichen Ton angepasst, sind immer im Fokus der Kamera, fast ausschließlich auf einer mehrräumigen Bühne, dem Denkerhaus. Zwischendurch gibt es mit Musik unterlegte Collagen, die illustrieren sollen, wofür der Film keine Ausdrucksform gefunden hat: mathematische Vorgänge und deren Nachvollziehbarkeit. Da stehen dann Professoren und Assistenten an Tafeln und schreiben schön unterschnittene Formeln. Noch übertroffen wird dies am Ende, als die Kamera sich von Hal und Catherine auf dem Campusgelände entfernt, beide über ein Heft gebeugt und für den Zuschauer unhörbar, aber gestikulierend und wortreich über den Beweis diskutierend. Hier formuliert der Film am deutlichsten seine Aussage an den Zuschauer: ich erzähle von etwas, das Euch fremd ist und fremd bleibt, das Ihr nicht nachvollziehen könnt und nicht nachvollziehen werdet. Belassen wir’s dabei.

So bewirkt Der Beweis am Ende bestenfalls nur zweierlei: Er weckt die Melancholie im Zuschauer und macht Lust auf ein Wiedersehen des virtuosen Pi, der auch zeigt, wovon er erzählt.

 

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