Dem Himmel ganz nah

Auf den Almen der Karpaten ist auch nichts mehr, wie es einmal war. Die Doku begleitet eine der letzten Hirtenfamilien durchs Jahr.

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Nach anfänglicher Euphorie über die rasante Entwicklung und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters spricht schon seit Jahren kaum mehr jemand wohlwollend vom globalen Dorf. Im Gegenteil: je stärker die Globalisierung auch und gerade der Kultur an Fahrt gewinnt und je mehr diffuse Ängste dieser Prozess auslöst, desto entschiedener fällt auch die Gegenbewegung aus. Die Wiederentdeckung des Regionalen, Gewachsenen, von Tradition und Herkunft ist überall zu beobachten. Alte Apfelsorten werden neu kultiviert, Trachten finden Eingang in die Mode, Dialekte sind wieder cool.

Auch im Film schlägt sich diese Sehnsucht nach Zusammenhang und Identität nieder. In Deutschland hat sich mit Die Geschichte vom weinenden Kamel (2003) von Byambasuren Davaa ein Zwitter-Genre aus Dokumentar- und Spielfilm etabliert. Der Film beobachtet scheinbar dokumentarisch eine mongolische Nomadenfamilie, basiert aber zu großen Teilen auf einem fiktionalen Drehbuch, ist also inszeniert. Im Gegensatz zu globalisierungskritischen Dokumentarfilmen wie Unser täglich Brot (2005) oder Let's Make Money (2008) wollen diese Filme nicht politische oder ökonomische Zusammenhänge offenlegen und damit kritisieren, sondern vom Untergang bedrohte Kulturen porträtieren, dabei aber nicht auf eine rührende Geschichte verzichten. Byambasuren Davaa, eine mongolisch-stämmige Regisseurin, legte inzwischen mit Die Höhle des gelben Hundes (2005) und Das Lied von den zwei Pferden (2009) nach. Aus der Mongolei zurück nach Europa führen in diesem Jahr zwei Filme mit ähnlicher Herangehensweise. Vier Leben erzählt von der Seelenwanderung eines kalabrischen Schafhirten. Und auch Dem Himmel ganz nah geht unter die Schafe und schildert das Leben einer Hirtenfamilie in Transsylvanien.

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Die Familie Stanciu ist eine der letzten, die die Almen der Karpaten noch nicht verlassen hat und das entbehrungsreiche Leben dort weiterführt. Der deutsche Dokumentarfilmer Titus Faschina, der schon seit Jahren in Transsylvanien dreht, beobachtet Vater Dumitru, Mutter Maria und den halbwüchsigen Sohn Radu über einen Jahreszyklus hinweg bei täglichen Verrichtungen: Schafe hüten, melken, scheren und schlachten, Käse machen, essen, beten, schlafen. Manchmal erzählt Dumitru von den Mythen der Karpaten, und jedes Familienmitglied berichtet in einem kurzen Interviewsegment von seinen Sorgen und Plänen. Ansonsten wird nicht gesprochen.

Im Gegensatz zu Vier Leben, der ähnlich wie Die Geschichte vom weinenden Kamel eine fiktionale Geschichte erzählt, bleibt Dem Himmel ganz nah also vordergründig ein reiner Dokumentarfilm. An filmischen Mitteln aber setzt Faschina die des fiktionalen Spielfilms ein. Schon mit dem Prolog setzt er den Ton: eine Stimme erzählt über der noch dunklen Leinwand den Schöpfungsmythos der Karpaten; dann langsame Aufblende auf eine majestätische Einstellung der transsylvanischen Bergwelt. Kameramann Bernd Fischer, der oft für Spielfilme arbeitet und zuletzt Achim von Borries' Vier Tage im Mai (2011) fotografierte, nutzte eine hochauflösende Digitalkamera mit hohem Kontrastumfang. In der Postproduktion wurden die Bilder dann farbentsättigt und nachbearbeitet, so dass sie die karge Natur nun in stilisiertem Schwarz-Weiß zeigen.

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Auch Fischers Kadrage ist von starkem Stilwillen geprägt. Neben pompösen Panorama-Einstellungen gibt es viele Bilder mit Gegenlicht, die aufgehende Sonne über einer Bergkuppe, Stilleben von Küchenutensilien, immer wieder horizontale und vertikale Linien, die die Bilder strukturieren und ästhetisieren. Den Höhepunkt erreicht diese Inszenierungswut mit drei Kranfahrten, bei denen sich die Kamera in komplexen Bewegungen in die Höhe schwingt und aus einer Halbtotalen einer Person in die Panorama-Perspektive der Berge schwenkt. Auch die Tonspur lässt keinen Platz für Zwischentöne: im Sommer zirpen unaufhörlich die Grillen, während im Herbst der Regen platscht und im Winter der Wind pfeift. Und wenn ein Schaf geschlachtet wird, untermalt emotionale Geigenmusik das Geschehen.

Faschina setzt auf Überwältigung, wo Information weiter geführt hätte. Warum erfährt der Zuschauer nicht, dass die Bedrohung der traditionellen Lebensformen der Karpaten-Hirten ganz konkret ist, nämlich durch EU-Verordnungen, die sowohl die herkömmliche Form der Käserei als auch die althergebrachte Naturmedizin verbieten? Auch über die Auseinandersetzungen zwischen Hirten und rumänischer Regierung, die eine aggressive Reprivatisierung der Weideflächen betreibt, kann man sich lediglich im Presseheft informieren. Der Film verliert darüber kein Wort. So bleiben gefühlige, stellenweise gar  kitschige Bilder, die keinen Eindruck von den wirklichen Lebensumständen in den Karpaten vermitteln. Sondern sich lediglich affirmativ dem globalisierungskritischen Zuschauer anbiedern.

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