Berlin ’36
Um die jüdische Ausnahmesportlerin Gretel Bergmann soll es gehen. Am Ende des Spielfilms spricht die echte, heute 95-jährige Frau in die Kamera. Das Wesentliche in Berlin ’36 ist allerdings frei erfunden.
Welche Ziele verfolgt ein Film, in dem eine wahre Geschichte, die bedeutend ist, schmerzhaft und kraftvoll, allerdings einem Großteil des Publikums nicht bekannt (warum eigentlich nicht?), verdreht, verzerrt und banalisiert wird?
Wenn diese Geschichte Teil einer gemeinsamen, dunklen Vergangenheit ist, wiegt diese Frage noch schwerer. Kein Bild, kein Satz, keine Szene kann dann unpolitisch sein.
Die erzählte Zeit ist das Jahr 1936. Die Olympischen Spiele in Berlin stehen bevor. Hitler ist seit drei Jahren an der Macht. Die beste Hochspringerin des Landes, Gretel Bergmann, ist jüdisch. Die USA drohen mit einem Boykott, sofern jüdische Sportler nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen. Der Vorspann, musiküberladen wie viele Stellen im Film, zeigt Bilder der Massen im Olympiastadion. Auch ihr Lärm ist zu hören und schafft eine heroische Atmosphäre. Gleich danach joggt jemand in Sportkleidung durchs Gestrüpp. Man glaubt, es sei die trainierende Gretel Bergmann. Doch es handelt sich um einen jungen Mann, der ein Zimmer im Stall bewohnt und sich rasch ein Kleid überzieht, wenn er die Mutter kommen hört: Marie Ketteler (Sebastian Urzendowsky). Wenn er sich nicht wie ein Mädchen verhält, schlägt ihn die Mutter.
Die Figur Gretel Bergmann (Karoline Herfurth) wird erst einige Szenen später eingeführt – in einem britischen Pub, umgeben von Menschen, die ihr gratulieren, sie umarmen, sie feiern. Die Lobrede ihres Liebhabers verrät, dass sie soeben britische Meisterin im Hochsprung geworden ist.
Marie Ketteler ist einsam, arm, in seiner Sexualität unterdrückt und in seiner Entfaltung gehemmt. Die Bergmann-Figur ist als beliebte junge Frau inszeniert, als wohlhabend und weiblich – ihre Talente dürfen zur Geltung kommen. Der Film ist weniger achtsam, wenn sie als Figur eingeführt wird, aber am Ende markieren dafür kurze Interviewpassagen mit der echten, heute 95-jährigen Gretel Bergmann Berlin ’36 retrospektiv als Verfilmung ihrer Vergangenheit. Wessen Geschichte also soll hier erzählt werden, die von Marie Ketteler oder die von Gretel Bergmann? Man ist irritiert.
Die Nazis schleusen Marie ins Vorbereitungscamp der Hochspringerinnen und hoffen, dass er und nicht Gretel sich für die Spiele qualifiziert. Die beiden beziehen dasselbe Zimmer. Der Film ist engagiert, wenn es darum geht, die Figur Maries zu zeichnen: Er redet kaum. Er steht früh auf und läuft seine Runden, wenn die anderen noch schlafen. In jeder freien Minute liest er in einem alten Buch. Die Figur Gretel Bergmann bleibt eine Frau ohne Eigenschaften – abgesehen davon, dass sie mehr oder weniger freundlich ist und hoch springen kann. Ganz besonders verstört diese fade Darstellung, wenn der Film den Faschismus inszenieren möchte: Der alltägliche Rassismus reicht hier über zickige Allüren junger Sportlerinnen im Landheim kaum hinaus. In jeder dieser Szenen gibt es mindestens eine Person, die Verständnis für Gretel hat. Entweder folgt ihr Marie, mit dem sie sich indes angefreundet hat, auf den Steg und setzt sich zu ihr, oder der Trainer (Axel Prahl) weist die anderen zurecht. Es ist schwer zu beurteilen, ob am Ende Verständnis und Solidarität oder die kleinen alltäglichen Diskriminierungen überwiegen. Das Thema Antisemitismus jedenfalls scheint hier nicht besonders zu interessieren oder nur, um eine Solidarität von Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft mit jüdischen Mitbürgern zu postulieren – und hier treibt der Film die Unglaubwürdigkeit auf die Spitze.
„Je mehr sie dir von diesem braunen Dreck zwischen die Beine werfen, desto besser wirst du“, sagt ihr Trainer noch im Stadion bei einem regionalen Wettbewerb, nachdem Gretel vom Publikum ausgebuht wurde und deshalb beim Sprung die Latte gerissen hat. Dass der Trainer plötzlich politische Parolen verwendet, wirkt umso unglaubwürdiger, als er zuvor als unpolitischer Sportnarr eingeführt wurde. Es ist, als gehörte die Figur gar nicht in diese Geschichte, als hätte man sie heimlich eingeschleust, so wie die Nazis einen Jungen in die Gruppe der Hochspringerinnen. Die Figur Gretel fasst Mut und bricht beim nächsten Sprung den deutschen Rekord. Das trifft auch auf die historische Gretel Bergmann zu. Einen solidarischen Trainer hat es aber niemals gegeben, wie das Gespräch mit einem Journalisten enthüllte, der die Autoren fürs Drehbuch beraten hat. Auch die Nähe der beiden Figuren Gretel und Marie sei eine Erfindung, in Wirklichkeit hätten sich die beiden gehasst.
Die im Film konstruierte Solidarität kulminiert in Maries finalen Hochsprung bei den Olympischen Spielen. Gretel sieht ihr vom Publikum aus zu. Die Blicke treffen sich. Der Sprung ist in Zeitlupe zu sehen, Gretel ist schemenhaft mit ins Bild geschnitten und springt gemeinsam mit Marie. Marie kommt über die Latte, lässt im letzten Augenblick aber die Hand dagegen fallen. Die Latte fällt von der Halterung, Marie ist raus und lächelt Gretel zu. Gretel lächelt zurück, ihr Unrecht ist vergolten! Zumindest scheint das die Idee zu sein, denn weil Marie die Latte niederreißt, entgeht Deutschland die Goldmedaille. In dieser Schlüsselszene, in dem Blickaustausch spiegelt sich das gesamte verstörende Konzept des Films: Marie ist aktiv, hat Handlungsmacht, ist aufopfernd und solidarisch. Gretel ist passiv, handlungsohnmächtig und angewiesen auf Solidarität. Sie bekommt sie und ist zufrieden.
Diese geschichtsverfälschende Romantik passt zum Fernsehformat des Films, zu der überladenen Musik, der viel zu deutlichen Aussprache der Schauspieler und dem Mangel an Subtilität. In Wirklichkeit war Bergmann keineswegs handlungsohnmächtig: Sie verließ Deutschland und fand in den USA eine neue Heimat, wo sie später für ihre Leistungen mehrfach ausgezeichnet wurde. Aber darüber erfahren wir nichts.
Das Schicksal eines Jungen in Frauenkleidern, der es bis zu den Olympischen Spielen schafft, mag eine erzählenswerte Story sein, die Geschichte von Gretel Bergmann ist das nicht. Ihre Geschichte bleibt auch im Film ausgeschwiegen.
Filmkritik von Deniz Utlu
Veröffentlicht am 30.07.2009
Kommentare zu Berlin ’36
Berry 14.09.2009 23:37
Prima Kritik! Fragt man sich natürlich, wie und warum dem Regisseur derartige ärgerliche Fehler unterlaufen sind. Offenbar soll hier neben der romantischen Geschichtsklitterung noch so nebenbei die deutsche Geschichte auch in Bezug auf die Olympiade 1936 weichgespült werden. Motto: "War zwar schlimm, aber dann doch nicht so schlimm. Haben eben doch nicht gesiegt, die Nazis. Ist doch nichts passiert!" Blauäugige und selbstmitleidige Vergangenheitsbewältigung, schlechteste deutsche Tradition.
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Berlin ’36
Deutschland 2009
Laufzeit: 100 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Regie: Kaspar Heidelbach
Drehbuch: Lothar Kurzawa
Basierend auf einer Idee von von: Eric Friedler
Produktion: Gerhard Schmidt
Bildgestaltung: Achim Poulheim
Montage: Hedy Altschiller
Musik: Arno Steffen
Darsteller: Karoline Herfurth, Sebastian Urzendowsky, Axel Prahl, August Zirner, Maria Happel, Franz Dinda, Leon Seidel, Thomas Thieme, Johann von Bülow, Julie Engelbrecht
Kinostart: 10.09.2009
Copyright Berlin ’36
Fotos: © X-Verleih
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