Beasts of the Southern Wild

Die Zwänge hinter der Zwanglosigkeit: Beasts of the Southern Wild könnte ein einzigartiger Film sein, doch er manipuliert wie die große Masse.

Beasts of the Southern Wild

Suhlen im Schlamm, Spielen mit dem Flammenwerfer, das Haus abfackeln. Niemals duschen, baden, waschen. Mit den Händen Krabben knacken, schlürfen. Rennen, prügeln, träumen. In der Natur, im Moor, im Gebüsch, zwischen Tieren. Oder zwischen Menschen, die wie Tiere sind. Beasts of the Southern Wild zwingt zum Miterleben.

Ein anarchischer Frohsinn treibt diesen Film voran, Freude an der Hemmungslosigkeit, am Spiel ohne Regeln, am Leben, befreit vom Verstand. In einer versprengten Hippiegemeinde irgendwo nah am Meer, im tiefsten Süden der USA, hat man sich befreit von den Fossilien der Zivilisation. Zwischen Bretterbuden auf Stelen, Booten aus Autokarosserien, wildem Buschwerk und der ewig drohenden Brandung werden die gerissenen Bande zu unseren Vorfahren in ihren Höhlen wieder geknüpft. Hier ist eine Gemeinschaft, die gegen jeden Knigge, jede Hygienevorschrift, Sitte und Anstand, kurzum: gegen den Sozialvertrag verstößt. Aber wer wollte ihnen das verdenken?

Beasts of the Southern Wild 2

In ähnlichen Gemeinschaften hat auch der Experimentalfilmer Ben Rivers mehrfach gedreht (z.B. Ah, Liberty!, 2008) und sich dabei über die Möglichkeit der regellosen utopischen Zivilisation Gedanken gemacht (Slow Action, 2011). Auf seine unnachahmlich, emphatisch-versponnene Art zeigt Rivers: Es gibt solche „anderen“ Menschen wirklich, dank Gott. Es muss radikale Alternativen zur institutionell gefestigten Gesellschaft geben, damit uns da drinnen immer bewusst bleibt, dass es Raum für Wandel gibt.

Ein Jammer nur, dass uns Beasts of the Southern Wild im Kontrast zu Rivers’ stiller Wertschätzung keine Möglichkeit zu sinnieren lässt, dass die Gedanken nicht schweifen können. Stattdessen zwingt der Film zur Begeisterung, und zur Solidarisierung. An der Hand der entwaffnend süßen, aber resoluten Hushpuppy (Quvenzhané Wallis) werden wir mitgerissen durch Sturm und Überschwemmung, prügeln mit ihrem aufbrausenden, stolzen Papa (Dwight Henry), jagen Dämme in die Luft und hören ihre inneren Stimmen als Voice-over. Sie grübelt über das Gleichgewicht der Natur und die Menschheitsgeschichte nach; irgendwas ist bedroht, irgendetwas wird sich rächen.

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Ein Jammer, dass ein Film mit so starken Anlagen, mit so starken Charakteren und mit einem solch hingebungsvollen Cast derart selbstverliebt und zwanghaft inszeniert ist. Regiedebütant Benh Zeitlin ist so voll himmelstürmendem Stolz über seine unkonventionelle Geschichte und die Kraft seiner Vision, dass er sich keine Zügel angelegt hat. Und einiges ist hier schwer hinnehmbar. Nicht nur bedient sich Beasts of the Southern Wild recht unverblümt der Kamera- und Montagetechniken Terrence Malicks mit ihren elliptischen, impressionistischen, ständig bewegten Einstellungsfolgen, sondern zitiert auch mehrfach Disneys König der Löwen (Lion King, 1994), vor allem dessen „Circle of Life“-Kitsch. Hier wird eine archaische Form des Darwinismus gefeiert, die in ihrer generellen Verteufelung bzw. Missachtung aller etablierten Zivilisationsformen wieder den altbekannten Marsch vom Überleben des Stärksten bläst.

Am diktatorischsten jedoch ist der Musikeinsatz: Was der dezidiert weiße Indiesound à la Arcade Fire da unten am Golf von Mexiko zu suchen hat, ist an sich schleierhaft. Die Figuren im Film jedenfalls wüssten, würden sie dieses hippe Orchestergestampfe hören, wenig damit anzufangen. Aber es ist eben treibende, grundsympathische Musik, Musik, die wie der Film hinter der verlockenden, begehrlichen Maske des alternativen Lebens die Fesseln und die Peitsche bereit hält. Slave to the rhythm ...

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Kommentare


david

ich habe bis jetzt einige eurer kritiken durchgelesen und dabei habe ich mir immer wieder eine frage gestellt: findet ihr auch irgendeinen film gut, der mehr als 100 leute ins kino lockt?


david

das weiß ich auch und nicht falsch verstehen: ich finde eure rezensionen sehr gut geschrieben und fast immer interessant. gerade der in der hiesigen kritik hervorgehobene aspekt des zuckersüßen sozialdarwinismus war toll und wurde so seltsamerweise in bisher keiner auseinandersetzung mit diesem film geäußert.


Frédéric

Danke. Ich glaub schon, es gibt Phasen oder auch Wellenbewegungen von stärkeren und schwächeren Mainstream- bzw. Arthausmainstream-Filmen. Die ganz großen Knaller (in jedem Sinn) gab es die letzten Wochen nicht. Aber dafür kommen ja jetzt in Kürze der neue Tarantino, Spielbergs "Lincoln" und Bigelows "Zero Dark Thirty".






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