In ihrem Haus

Wenn sich das Leben in Narration auflöst. François Ozon erzählt vom Erzählen.

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Große Namen wie La Fontaine und Flaubert stehen auf der Tafel hinter dem Französischlehrer Germain (Fabrice Luchini). Vor ihm eine schläfrig wirkende Klasse, die Köpfe abgestützt und ins Leere blickend. Er, der Mittler zwischen diesen Namen und den resignierten Jugendlichen, hat längst nicht mehr das Gefühl, dass die Erzählkunst der französischen Romanciers auf Begeisterung stoßen könnte. Er weiß um die schwindende Bedeutung und Wirkmacht des versierten Geschichtenerzählens, frustriert korrigiert er die Hausaufgaben, die sich stilistisch in abgehackten Aufzählungen und knappen Hauptsatzabfolgen erschöpfen. Gleich zu Beginn von In ihrem Haus (Dans la Maison, 2012) wird deutlich, dass sein Leben lange Zeit eine ähnliche Aneinanderreihung langweiliger „und dann“-Konstruktionen war, bis er plötzlich auf einen besonderen Text stößt.

Ozon hat sich in vielen seiner Filme als gewandter Erzähler gezeigt, vor allem als einer, der die Formen seiner Erzählungen regelmäßig variiert. Sein letzter Film Das Schmuckstück (Le Potiche, 2010) ist eine kunterbunte feministische Komödie, davor prägten minimalistische Bilder sein Drama Rückkehr ans Meer (Le Refuge, 2009). Bei In ihrem Haus, der sich stets zwischen Psychothriller, Drama und Satire bewegt, muss man an einer eindeutigeren Genreklassifizierung scheitern. Die formale Melange, mit der der gefeierte Franzose hier arbeitet, stützt aber seine primäre Absicht: von der Kraft der Erzählung zu erzählen.

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Die als Wochenendbericht gedachte Hausaufgabe sollte eigentlich nur in einigermaßen abwechslungsreicher Weise die Erlebnisse der letzten Tage schildern. In Claudes (Ernst Umhauer) stilistisch geschliffenem Aufsatz aber schlummert neben viel Talent der pikante Reiz des Voyeuristischen. Als Tatsachenbericht getarnt, handelt der Text vom Wunsch, ins Private einer Familie einzudringen. Als Germain seiner Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas) den ersten Teil von Claudes Geschichte vorliest, erhält sein Leben mit einem Mal einen überraschenden Plot Point, und er beschließt: Der Junge muss weiterschreiben.

Mit der Zeit wird Claudes Geschichte für Germain zur Sucht, ja gar zum existenzialistischen Grundbedürfnis. Es ist nicht einfach nur der Wunsch danach, den Fortgang der Erzählung zu erfahren, sondern eine Möglichkeit, zu neuer Zufriedenheit zu finden. Claude wird zu einer Art Objekt der Begierde im Sinne einer Projektionsfläche, die mit Germains verpassten Chancen und Lebenswünschen gefüllt wird. In jüngeren Jahren hat auch er sich als Romanautor versucht, jedoch erfolglos. Claude schafft auf eine so einfache Weise das, was Germain nie zu erreichen vermochte: eine extreme Nähe zu den Figuren herzustellen. Wortwörtlich.

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Ozon führt die Entwicklung Germains sukzessive fort, von der Faszination über die Sucht bis hin zum Wahn. Bereits in Unter dem Sand (Sous le Sable, 2000) und Swimming Pool (2003) stellte er eindrucksvoll unter Beweis, wie Realität und Imagination der Figuren zu einem nebulösen Ganzen verschwimmen können. Um eine Transparenz der Realitätsebenen zu vermeiden, wendet Ozon einen einfachen Trick an. Claudes Geschichte wird zum Film im Film, doch erfolgt kein Wechsel der filmischen Erzählperspektive. Während die Passagen der innerdiegetischen Geschichte zwar mit Claudes Ich-Erzähler-Stimme markiert werden, bleibt Ozons Kamera in ihrer neutralen Beobachterposition. Dies erlaubt dem Regisseur, auf perfide Weise mit der Wahrnehmung der Figuren und der Zuschauer zu spielen. Einige Male taucht Germain in den Bildern von Claudes Erzählung auf und gibt Tipps zur dramaturgischen Steigerung. Dass diese ernsthaft die Familie gefährden, ist zweitrangig, man möchte ja eine gut entwickelte Geschichte. Damit reißt Ozon nicht nur allmählich Realitätsgrenzen ein, sondern veranschaulicht auch die immersive Wirkung der Geschichte auf Germain.

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Peu à peu wird diese Verquickung immer fataler. Der Fortgang der Erzählung fordert einige fiktive und reale Opfer, doch was sich wie ereignet, ist eh nicht mehr mit Gewissheit auszumachen. Alles taumelt, die Verlässlichkeit von Wirklichkeit und Wahrnehmung ist dahin, vielleicht auch gar nicht mehr wichtig. Ozon verunmöglicht es, noch zwischen irgendwelchen Ebenen klar unterscheiden zu können, und erreicht damit, dass nur noch eine Sache als sicher wahrgenommen wird: das Erzählte. Alles hat sich in Geschichte aufgelöst, hämisch grinsend thront sie über Geschehenem und Erdachtem und bleibt der letzte Rest, an den es sich zu klammern lohnt. Ozon zelebriert das Erzählen als übermächtiges Instrumentarium, das sich subtil und schleichend aller Kontrolle entzieht.

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In einem wunderbaren Schlussbild führt In ihrem Haus noch einmal vor Augen, wie Leben zur Narration wird. Germain und Claude sitzen auf einer Bank, ihr Blick fällt auf den Wohnblock mit den großen Fensterfronten direkt vor ihnen.  Die sich wie Überwachungsmonitore über- und nebeneinander reihenden Fenster des Hauses werden zu einer Metapher des Fernsehens, des Mediums der Fortsetzungsgeschichte schlechthin. Jede nur erdenkliche Lust am Zuschauen wird durch die „Programmvielfalt“ befriedigt: ein tödliches Familiendrama, ein Pärchen beim Liebesspiel, eine fröhliche Zusammenkunft. Claude spricht zum letzten Mal die Worte, die Germain mit so viel neuem Hochgefühl erfüllten: Fortsetzung folgt. Schade, dass Ozon, der Kunstform Film sei es geschuldet, hier nach 105 Minuten einen Schlusspunkt setzen muss. Doch der kommt genau richtig.

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Kommentare


Klaus Lelek

Tragisch, romantisch, erotisch, typisch französisch, ein Genuß!

Das Thema ist nicht neu und von Hollywoodproduzenten schon nach Kräften ausgeschlachtet worden: Ein frustrierter, verbitterter alter Literaturexperte entdeckt die Schreibqualitäten eines Underdogs, hilft ihm auf die Sprünge. Am Ende solcher Filme haben alle Doktorhüte auf und applaudieren dem Underdog für seinen ersten literarischen Erfolg, und natürlich auch dem weisen, väterlichen Lehrer - eine Parderolle für Sean Connery in "Gefunden". Am Ende wird immer wieder das gleiche Hollywood-Märchen erzählt, daß im Land der unbegrenzten Möglichkeiten jeder eine Chance hat... In Amerika darf es keine "Loser" geben sondern nur "Winner". Sonst gehen die Leute nicht ins Kino, vor allem nicht die Loser, die für ihre realen Nullchancen ein filmisches Trostpflaster brauchen...
Die Franzosen dagegen haben den Mut zur Tragik, denn in ihr steckt Ehrlichkeit, Authenzität, ein Stück erfahrbares Leben mit allen Abgründen bis hin zur Lächerlichkeit. Die Figuren die Francois Ozon so treffend auf der Bühne der französischen Provinz agieren läßt, hätten auch einem Houllebecq-Roman entsprungen sein können. Das alternde, kinderlose morbide APO-Ehepaar Oberlehrer und Galeristin, die triviale, banale, spießige französische Mittelschichtfamilie und am Ende der voyeuristische junge "Eindring" der mit ironischen Blick alles entlarvt.
Bleibt zu hoffen, daß niemals aus diesem guten Stoff eine schlecht gecoverte US-Produktion entsteht, an dessen Ende sich alle weinend um den Hals fallen.

Klaus Lelek


Klaus Lelek

bei euren hehren Leitsätzen würde es mich mal brennend interessieren, warum ihr meinen Kommentar nicht postet. Alles nur postdemokratisches verlogenes von Zensoren und feudalen Speichel-Lecker-Hofberichterstattern der Hollywoodbrache. ..
dahingelabertes Gesülze. Enttäuschung ist zugleich das Ende einer Täuschung.
F.z. H.... Bei euren nervigen werbemüll ist ja auch nix anderes zu erwarten.


Michael

Lieber Klaus Lelek,

das mit dem Kommentar tut mir Leid. Der ist mir irgendwie durch die Lappen gegangen. War aber keine böse Absicht. Wir würden die Seite übrigens gerne ohne Werbung betreiben, leider sind wir aber drauf angewiesen, weil wir uns ansonsten nicht finanzieren könnten. Und das mit den Hofberichterstattern der Hollywoodbranche hab ich nicht verstanden. Sollen wir das sein?






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