End of Watch

Leben und Sterben in L.A.: David Ayer zieht es erneut in die Krisengebiete der Hollywood-Metropole. Diesmal schickt er Jake Gyllenhaal und Michael Peña auf Streife.

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„Kennst du den Schmetterlingseffekt?“, fragt Officer Brian Taylor (Jake Gyllenhaal) seinen Partner Mike (Michael Peña) auf einer ihrer scheinbar endlosen Patrouillenfahrten durch Newton. Doch als Zavala zurückfragt, was er damit meine, hat Taylor nur noch ein lapidares „Schlag’s nach“ für ihn übrig. Auf den Straßen von South Central Los Angeles gibt es keine Erklärungen. Wer die Spielregeln der Gegend mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der USA nicht kennt, hat verloren. Blöd nur, dass der Einsatz das eigene Leben ist.

„Du musst die Straße fühlen, sie schmecken ... sie riechen, sie hören“, lautet die erste Lektion von Detective Alonzo Harris für seinen neuen Kollegen in Training Day (2001), David Ayers Durchbruch als Drehbuchautor. Damit hat der ehemalige Navy-Soldat das Grundthema seiner Arbeit gesetzt: Polizisten im Einsatzwagen in den Straßen von Los Angeles. Wer hier über die Runden kommen will, sollte sein Schulwissen schnell vergessen und am „Street IQ“ arbeiten. Neben Geld und Gewalt die einzige Währung, mit der man sich in der rauen Gegend Respekt verdienen kann.

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Wie in seinen vorherigen Filmen als Regisseur (Harsh Times, 2005; Street Kings, 2008) und als Autor (U-571, 2000; The Fast And The Furious, 2001; S.W.A.T., 2003) hat Ayer erneut die unübersichtliche kalifornische Metropole und ihre abgründigen Facetten als Setting gewählt. In seiner dritten Regiearbeit widmet er sich dem Alltag zweier Streifenpolizisten, die in ihren Vierteln Schicht um Schicht schieben, Runde um Runde drehen. Es ist ihr Job. Was Straßen-IQ bedeutet, zeigt Hispanic Zavala gleich zu Beginn, als er sich nach rassistischen Beleidigungen eines schwarzen Ruhestörers im Kampf Mann gegen Mann Respekt verschafft und die körperliche Auseinandersetzung in seinem Bericht nicht erwähnt. Es ist eine der wenigen Stellen in End Of Watch, die so etwas wie Männlichkeitspathos unter Uniformierten aufkommen lässt. Ayer kostet sie glücklicherweise nicht allzu sehr aus.

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Denn der märchenhafte Einstieg („Es war einmal ... in South Central“) ist als ironisches Statement zu verstehen. Taylor und Zavala sind auf sich alleine gestellt. Hinter jeder Routine-Kontrolle kann sich eine lebensgefährliche Falle verstecken, und die beiden können sich genauso wenig darauf verlassen, dass nach einem Funkspruch die erhoffte Verstärkung rechtzeitig eintrifft wie nach dem Zusammenschlagen der Hacken die gute Fee. In Harsh Times ließ Ayer traumatisierte Afghanistan-Soldaten illusionslos durch die Gegend treiben, was in seinem unerbittlichen Nihilismus an Martin Scorseses Taxi Driver erinnerte. Die darauf folgende James-Ellroy-Verfilmung Street Kings wirkte trotz düster-glänzender Bilder seltsam kraftlos. Nun könnte man meinen, Ayer habe mit End Of Watch eine Cop-Version von Mean Streets im Sinn gehabt. Es ist ein kleiner, aber intensiver Film über den Alltag der „Soldaten der Großstadtstraßen“, der den Mythos vom knallharten Bullen mit einer inszenierten, aber realistisch wirkenden Milieubeschreibung konterkariert.

Ohne dramatisch gesetzte Höhepunkte schlittern der Film und seine Protagonisten scheinbar zufällig, von ihnen und dem Zuschauer nahezu unbemerkt immer tiefer in eine ausweglose Situation. Sie geraten in die Zielscheibe eines mexikanischen Kartells und werden zum Abschuss freigegeben. So stellt sich immer wieder die Frage, ob der Einsatzwagen, in dem die Freunde ihr Familien- und Liebesleben – all die philosophischen Fragen des Lebens, all die banalen Gedanken des Alltags – diskutieren, denn nun der einzige Schutzraum der beiden darstellt oder ob es ein fahrender Sarg ist, der sie durch die Straßen von South Central transportiert. Es sind jedenfalls nur ein paar Zentimeter Blech, die Wahnsinn und Routine voneinander trennen.

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Dabei setzt der Regisseur zum Teil auf eine found footage-Optik, die er unnötigerweise innerhalb des Filmes zu erklären versucht, indem er sie als Film-Projekt Taylors ausgibt, was recht bemüht wirkt. Die Bilder, die End Of Watch durch diese Einstellungen produziert, schaffen es aber dennoch, die chaotische Unübersichtlichkeit der Einsätze der Protagonisten einzufangen und die Zuschauer ahnungs- und orientierungslos im Krisengebiet auszusetzen.

Denn Ayers Film ist nicht nur ein sozialer Kommentar zum „Kriegsschauplatz“ im eigenen Land, der sich in den letzten Jahrzehnten kaum geändert zu haben scheint,  sondern ganz offensichtlich auch als Parabel zum Einsatz der Soldaten in US-Kriegsgebieten in Afghanistan und dem Irak zu verstehen. Anders als in seinen Vorgängerfilmen sind die Polizisten hier jedoch weder kaputte Ex-Soldaten noch korrupte Bullen, sondern regular guys – „normale“ Typen im alltäglichen Ausnahmezustand.

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Mit End of Watch löst Ayer ein, was in Training Day nur symbolisch gelungen ist: Er kurbelt das Autofenster herunter und vermittelt einen durchdringenden Eindruck vom Leben und Sterben in und auf den gefährlichsten Straßen der Welt. Sei es nun Kabul oder South Central Los Angeles.

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