Bal

Extrem ruhig und extrem schön: Für Bal, den abschließenden Teil seiner Yusuf-Trilogie, erhielt der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu dieses Jahr auf der Berlinale den Goldenen Bären.

Bal / Honey

Die erste Einstellung dauert geschlagene fünf Minuten. Die Kamera steht unbeweglich im Wald, man lauscht den Geräuschen, irgendwann regt sich etwas im Dickicht. Ein Mann führt einen Esel vom Bildhintergrund in den Bildvordergrund, was allein schon eine ganze Weile dauert. Dann wirft er mit gekonntem Schwung ein Seil über einen außerhalb der Kadrierung liegenden Ast und zurrt es fest. Als endlich der Schnitt kommt, wird es geradezu dramatisch: Der Mann klettert, der Ast beginnt zu brechen, der Mann – nun rückt die Kamera näher und betrachtet ihn von oben – hängt hilflos in der Luft. Dann folgt noch ein Schnitt, und die Szene ist zu Ende.

Ein typischer Semih-Kaplanoğlu-Prolog, sehr verwandt dem Vorgängerfilm Süt (2008), der erst kürzlich in Deutschland im Kino lief (siehe dazu unsere Kritik und unser Interview). Da gab es auch eine sehr lange Einstellung zu Beginn, in der ein Baum und ein Seil eine Rolle spielten und eine Person an diesem Seil hing. Und es gab eine Schlange, die an verschiedenen Stellen des Films vielsagend-geheimnisvoll erneut auftauchte.

Reptilien gibt es in dem neuen Film nicht, der sehr viel weniger symbolisch aufgeladen ist. Vor allem der Prolog steht nicht als Monolith für sich, sondern erhält im weiteren Verlauf seinen Ort und seine Zeit in der Handlung zurück: Er reicht die Erzählung vom Tod des Vaters nach, jenes Mannes, der in Yumurta (2007) und Süt, den beiden ersten Teilen von Kaplanoğlus Yusuf-Trilogie, abwesend war.

Bal / Honey

Diese Trilogie handelt in umgekehrter Chronologie von der künstlerischen Reifung eines Dichters in der ländlichen, traditionellen Umgebung Anatoliens. Wurde in Teil eins zunächst das Erwachsenenleben Yusufs behandelt und dann in Teil zwei seine Jugend, so geht es in Bal - Honig nun um das etwa sechsjährige Kind. Von einer Berufung zum Dichter ist in diesem Film noch nicht viel zu merken: In der Schule macht das Lesen dem Jungen (Bora Altaş) gehörige Schwierigkeiten. Seine poetische Ader drückt sich eher in einem innigen Verhältnis zur Natur aus und in seiner Verschlossenheit, die die Mutter zuweilen ratlos werden lässt. Yusuf ist seinem Vater sehr stark verbunden und begleitet ihn bei der Arbeit in den Wald, den Kaplanoğlu mit der Kamera in wunderschönen Bildern einfängt wie eine Märchenlandschaft. Eine kleine Kamerafahrt entlang wilder Blumen. Ein Reh, das plötzlich, über Yusufs Schulter gefilmt, auf einer Lichtung steht – und darüber freut man sich wirklich. Der Mond, der sich in einem Wassereimer spiegelt, verschwindet, als Hände in das Wasser tauchen, und dann wieder erscheint. Wie ein wiederkehrender Traum.

Zugleich findet all das aber auch an einem sehr realen Ort statt. An dem Ort nämlich, an dem der Vater das Geld verdient. Er hängt Bienenstöcke an besonders hohe Bäume. Diese Sequenzen sind mehr ethnografisch als poetisch. Die Arbeitsschritte der Honiggewinnung werden gezeigt, verschiedene sehr unbekannt anmutende Gerätschaften, später auch mit einiger Ausführlichkeit ein traditioneller Tanz. Kaplanoğlu, dessen eigener Vater aus dieser Region Anatoliens stammt, hält all das mit fast schon konservatorischem Interesse fest, denn natürlich ist diese Welt in der modernen Türkei dem Untergang geweiht. Im weiteren Leben Yusufs, das wir schon kennen, er aber nicht, erhält die Moderne dort Einzug, mit Hochhäusern und Veränderungen der sozialen Strukturen.

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Kommentare


Martin Z.

Dass der Regisseur der in den Fluten eines Staudammes verschwundenen Berglandschaft ein Denkmal setzen wollte ist äußerst ehrenhaft. Er führt uns in die Abgeschiedenheit eines kleinen Dorfes, das zwischen steilen, stark bewaldeten Hängen vor sich hin döst. Ein erhellender Blick in die Weite ist hier unmöglich. Wir schauen nur auf Haus und Hof eingebettet in eine wunderschöne Natur. Hier sehen wir eine archaische Gesellschaft, die recht wortkarg den Dingen des täglichen Lebens nachgeht. Die Monotonie des Alltags wird durch die Wiederholung vieler Szenen verdeutlicht. So hat der stille Film wenig Handlung. Die Schnittfolge mancher Szenen schafft etwas Verwirrung. Die Personen wirken gewollt eindimensional, fast etwas holzschnittartig. So ist es auch nicht möglich, ihnen echtes Leben einzuhauchen. Das wird noch verstärkt durch die endlos langen Bildeinstellungen. Der Honig spielt zwar eine Rolle, aber der eigentliche Protagonist ist der kleine Junge mit dem Handicap. Beide Handlungsstränge laufen eigentlich neben einander her, denn sie haben nichts miteinander zu tun. Ein kleines Handikap also hat der Film schon.






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