Saiten des Lebens

Vier herausragende Schauspieler verneigen sich vor Beethoven. Ein Ensemblefilm über ein Streichensemble.

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Das Kino und die Musik Beethovens führen fraglos eine der innigsten, glücklichsten, oft seltsamsten und zuweilen fatalsten Liebesbeziehungen, wie sie zwischen zwei Kunstgattungen überhaupt sich anzubahnen im Stande ist. Auf die Frage nach dem „Warum“ ließen sich abertausende Antworten finden. Eine davon – und diese ist vielleicht die romantischste und gleichzeitig die ehrlichste – wäre die, dass Beethoven dort zu Ende zu erzählen vermag, wo das Kino an seine innerste Grenze stößt. Yaron Zilbermans Spielfilmdebut Saiten des Lebens (A late quartet) erzählt von vier Quartettstreichern, die nach einer 25-jährigen Erfolgskarriere an einen Zäsurpunkt gelangen, an dem das Ensemble aus verschiedensten Gründen auseinanderzubrechen droht. Dass der Film diese folgenreiche Geschichte vom Zerwürfnis der Musiker erzählt, ist dabei aber auch nur die halbe Wahrheit, denn fairerweise muss man sagen, dass dieses Drama wohl kaum greifbarer würde, als in der Musik Beethovens selbst oder genauer, seinem Streichquartett in cis-moll.

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Das Kammermusikstück entstammt der letzten Schaffensperiode des Komponisten, einer Periode, die auf Grund seiner mittlerweile vollkommenen Taubheit bereits die tiefste Traurigkeit mit sich schleppt, einer Periode, die sich von der Klassik verabschiedet hat aber die Romantik ins Bewusstsein der Hörer zu rufen noch nicht im Stande war. In gewissem Sinne ist diese Musik in eine ort- und zeitlose Schwebe gebannt und man hört das, wenn man so will, bereits in den ersten Takten des ersten Satzes, einer Fuge, bei dem sich die vier Musiker eine Melodie von schierer Zerbrechlichkeit behutsam weiterreichen; und da bedarf es kaum noch der Erwähnung, dass dort, wo etwas derart zu zerbrechen droht, auch notwendig zerbrechen muss. Was diese Musik unter anderem so besonders macht, ist ihr Ausbruch aus der Form, oder besser: der Sonatenhauptsatzform; und aus der Form gerät auch das Leben der vier Interpreten. Peter (Christopher Walken), der Cellist, muss sich der schmerzlichen Erkenntnis stellen, dass er an Parkinson erkrankt ist. Eine tickende Zeitbombe, die ihn irgendwann dazu zwingen wird, das Instrument für immer aus der Hand zu legen. Diese Erkrankung, der Verlust der motorischen Kontrolle und die zunehmende Unmöglichkeit sein Instrument zu führen, wenn der Körper dem Geist entgleist, ist für einen Musiker wohl der verheerendste Schicksalsschlag; Beethovens dramatische Ertaubung schwingt hier unweigerlich mit, in der Filmhandlung, wie auch im Holz des Instruments.

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Walken spielt dieses Drama ebenso außergewöhnlich wie überragend: Allein in seinen müden Augen spiegelt sich die gnadenlose Brutalität auf eine förmlich unerträgliche Weise, ohne dass dabei das Unerträgliche zur pathetischen Feier aufschäumt. Diese Last ist eine metaphysische und als solche ist sie sichtbar, erfahrbar, begreifbar. Walken schafft aber noch etwas anderes, etwas das in den wenigsten Fällen gelingen will: Er korrigiert in seinem Spiel eine grundsätzliche Inkonsequenz von Saiten des Lebens, die sich darin zeigt, dass Zilberman seinen Hauptdarsteller zunehmend aus den Augen verliert, seine Qual zugunsten harmloserer Spannungen der übrigen drei Musiker an den Rand drängt. Walken wertet diesen Mangel gleichsam um, denn dort wo die Dramaturgie des Films zu taumeln beginnt, gelingt es ihm, sein Leiden umso präziser in die Verinnerlichung zu bannen, er nimmt sich selbst aus dem Zentrum des Films, wie wir es von der tragischen Figur kennen, die sich in einer Anthologie des Tragischen immer schon aus der Welt zurückgezogen hat.

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Gewiss, dass Robert (Philip Seymour Hoffman), der Mann an der zweiten Geige, mit einem Mal stur darauf beharrt, ab sofort am ersten Pult sitzen zu wollen, wirkt nicht nur infantil, sondern in erster Linie vollkommen unprofessionell. Dass sich diese Verbissenheit sogar zur Ehekrise mit Juliette (Catherine Keener), der Bratschistin, hochschaukelt und sich Daniel (Mark Ivanir), der Primarius, zu allem Überfluss noch in deren gemeinsame Tochter Alexandra (Imogen Poots) verliebt, kulminiert in einer durchaus desaströsen Überladenheit. Aber wie könnte man das dem Film übelnehmen, wo doch all diese Katastrophenherde bereits in der Musik brodeln? Die vier Streicher sind Marionette ihrer Instrumente und was sich im profanen Leben der Figuren abspielt ist bloße Veräußerlichung jener latenten Fragen, die sich mit jeder Note, jedem Strich, jedem Vibrato, jedem Crescendo unaufhörlich stellen. Fragen nach Harmonie und Zerwürfnissen, nach Liebe und Eheverhältnissen, nach Macht und Führerpositionen, nach Einzug und Rückzug.

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Saiten des Lebens ist zu guter Letzt ein wundervolles Ensemblestück von doppeltem Charakter. Hintergründe, Fragen und Strukturen der Musik funken über in das Leben der Musiker und grundieren gleichzeitig den Aufbau, die Logik des Films an sich. Zwischen den sieben Sätzen des Quartetts darf keine Pause gehalten werden. Beethoven selbst hat das verboten. An einer Stelle im Film fragt Peter seine Studenten, wie es zu schaffen sei, ohne nachstimmen zu dürfen, am Ende reingestimmt anzukommen, er selbst wisse es nicht; Und so kühn es gewesen wäre, darauf eine Antwort zu wissen, so bestimmt und legitim bleibt sie im Raum stehen.

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