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Haschkekse auf der Chemostation: Jonathan Levines Tragikomödie über einen Krebspatienten erlaubt dem Publikum einen schönen Kinoabend, ohne es zu sedieren.

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Drei Männer am Tropf. Das Greenhorn kann den Veteranen nichts vormachen. Als Neuling Adam, der bis vor kurzem noch Haare auf dem Kopf hatte, Mitch und Alan weismachen will, seine Freundin begleite ihn nur deshalb nicht zur Chemo, weil sie positive und negative Welten auseinanderhalten möchte („It’s an energy thing“), winkt Mitch nur lakonisch ab: „Sounds like a bullshit thing.“ Die wie beiläufig inszenierten Szenen der kleinen Stationsgemeinschaft, und wie die drei Schwerkranken freundschaftlich eine Erfahrung teilen, von der Gesunde ausgeschlossen sind, gehören zu den leisen Höhepunkten des Films. Bei der ersten Session bietet Mitch dem neuen Leidensgenossen Haschkekse an, die er und Alan während der Behandlung offenbar regelmäßig futtern. „How strong are they?“ „St-r-ong!“ Wenig später schwebt Adam entrückt grinsend durch die Krebsstation, ohne dass seinen und unserem Blick vom Leid ringsum etwas verborgen bliebe. Und das fängt die Stimmung des Films ganz gut ein.

Ein Kinopublikum über Krebs zum Lachen zu bringen, dies kann, sollte man meinen, nur ein Film hinbekommen, der auf Galgenhumor und Grenzüberschreitung setzt. Dass es einer leichtfüßig inszenierten Tragikomödie gelingt, scheint unwahrscheinlich, und doch ist das bei 50/50 der Fall. Was also macht der Film richtig? Sieht man vom Thema ab, ist er ein konventioneller, formal unauffälliger Genrebeitrag mit einem nahezu stereotypen Figurenensemble. Als wir da hätten: einen etwas schluffigen, aber ursympathischen Radiomoderator als Helden, einen Sidekick, nervig, egozentrisch und sexbesessen, aber im Zweifelsfall hundertprozentig loyal; eine kontrollwütige, aber fürsorgliche Mutter mit einem Gatten, der wenig zu melden hat (selbst die Kamera interessiert sich am Esstisch kaum für ihn); eine oberflächliche Künstlertussi als Freundin, deren Beziehung mit dem Helden im Laufe des Films vor die Wand fährt, und ein neues Love-Interest in Gestalt einer unerfahrenen, aber liebevollen jungen Therapeutin. Und all diese Figuren begleiten wir durch eine fast schon im Schlaf vorhersagbare Handlung.

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Überraschenderweise gereicht all dies dem Film zum Vorteil. Die unaufgeregte Konventionalität der Erzählung und ihrer Inszenierung erweist sich als stimmiger Umgang mit dem Thema: 50/50 macht um die vermeintlich brisante Stoffwahl kein Aufhebens, er kommt eher im Gestus der hundertfünfzigsten als der ersten Krebs-Komödie daher. Der Film will sein Publikum nicht schockieren und entsetzen, sondern Vertrautem begegnen lassen. Alles, was dem 27-jährigen Adam widerfährt, dürfte jedem Zuschauer zumindest aus dem eigenen Lebensumfeld bekannt sein: der Schock der Diagnose, die von heute auf morgen das Leben ändert. Die Schwierigkeit, es Freunden und Familie zu sagen. Deren eigene Spielarten der Hilflosigkeit. Die Therapie als Leidensweg und als nüchterner klinischer Alltag. Der Kampf um Leben und Tod. Weil der Film all dies gleichsam als Weltwissen voraussetzt, setzt er statt auf Konfrontation auf Teilnahme – und fängt tatsächlich alle diese Stationen in stimmigen Szenen ein, die Mitgefühl ermöglichen, und zwar nicht selten übers Mitlachen. Die Komödie als Gattung erweist sich als die richtige Wahl, weil sie Pathos vermeidet und Adams Erfahrung als etwas zeigt, was mit dem Alltag völlig bricht und zugleich selbst schnöder Alltag wird.

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Drehbuchautor Will Reiser verarbeitet in 50/50 die eigene Erfahrung mit der Krankheit, und der Film wirkt ein wenig so, als wären Cast und Crew auf dem Set von einer Art kollektivem Verantwortungsgefühl angesteckt worden, das sie stets den richtigen Ton treffen ließ – besonnen, aber nicht bemüht. Die latente Stereotypie der Figuren wird sowohl von einem Drehbuch mit Blick für sprachliche Nuancen wie von einem durchweg einfühlsam spielenden Ensemble abgefangen. So zeigt 50:50 beim Blick auf Adams Umfeld auch ein Panoptikum menschlichen Fehlverhaltens: das falsche Wort zur falschen Zeit, die ungeschickte Geste, der selbstentlarvende Blick, und natürlich jede Menge gut gemeinter, hilfloser und egoistischer Aktionen. Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt schließlich gelingt mit Adam eine Figur, die äußerlich zwar meistens ruhig ist (vielleicht ruhiger, als einem Menschen guttut), in der es aber stets sichtbar arbeitet, manchmal brodelt – sein mimisch und körpersprachlich sehr feinsinniges Spiel bildet das Pendeln zwischen Resignation, Wut und neuer Zuversicht fast ohne emotionale Eruptionen ab.

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Bei alledem bewegen wir uns immer noch in einer  „leichten“, auf bewährte Rezepte setzenden Komödie. Dass diese die Wirklichkeit weder abbilden kann noch will, dass sie hinter reales Leid notwendig zurückfällt, sollte sich von selbst verstehen. Wenn man nach dem „Wozu?“ des Films fragt, käme ihm die ehrenvolle Aufgabe eines Trösters zu, und gelungene Tröster sind rar. Ungeachtet seines letztlich versöhnlichen und optimistischen Ansatzes ist 50/50 aber nicht beschönigend. Wie Adams Chancen stehen, verrät der Filmtitel, doch seines ist nicht das einzige Schicksal, dessen Zeugen wir werden.

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