11/25 The Day Mishima Chose His Own Fate

Yukio Mishima scheitert unter dem Mikroskop von Kôji Wakamatsu.

The Day Mishima Chose His Own Fate

Politik war in den Filmen von Kôji Wakamatsu schon immer ein wichtiges Thema. Früher drehte der japanische Regisseur noch agitatorische Pinkfilme wie Go, Go, Second Time Virgin (Yuke yuke nidome no shojo, 1969) und Ecstasy of Angels (Tenshi no kôkotsu, 1972), in denen die wenigen Regeln des Genres – viel nackte Haut und eine vorgegebene Anzahl an Sexszenen – Platz für radikale politische Statements ließen. Die politische Orientierung war links, ziemlich links. Adachi Masao, damals fester Drehbuchautor von Wakamatsu und selbst Filmemacher, trat sogar kurz darauf der japanischen RAF bei, mit deren Fanatismus Wakamatsu dann über drei Jahrzehnte später in United Red Army (Jitsuroku Rengo Sekigun: Asama sanso e no michi, 2007) abrechnete.

Schon seit einigen Jahren hat sich Wakamatsu auf die dunklen Kapitel japanischer Geschichte spezialisiert. In dem brutalen Ehedrama Caterpillar (2010) etwa, das von den traumatischen Folgen des Zweiten Weltkriegs handelt, oder jetzt mit seinem neuesten Werk 11/25 The Day Mishima Chose His Own Fate. Der Film ist gewissermaßen ein Komplementärstück zu United Red Army. Hatte er damals die extreme Linke porträtiert, die an ihrem eigenen Fanatismus scheitert, geht es diesmal um den Untergang einer rechten Gruppierung. Der Clou dabei ist, dass er dies am Beispiel einer der bis heute bekanntesten Persönlichkeiten Japans tut: dem Schriftsteller Yukio Mishima.

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Auch lange nach seinem Tod ist Mishima in Japan noch eine äußerst kontroverse Gestalt. Einst berühmt als einer der erfolgreichsten Autoren des Landes, wurde er durch seinen narzisstischen Körperkult und unverhohlenen Nationalismus in den 1960er Jahren zunehmend zum Außenseiter. Den gesellschaftlichen Entwicklungen im Japan der Nachkriegszeit wollte er entgegenwirken. Japanische Werte sollten wieder gepflegt werden, Männer wieder Männer sein und der Kaiser wieder alleinige Herrschergewalt haben. 11/25 setzt ein, als Mishima seine Privatmiliz Tatenokai gründet, die, zumindest in der Theorie, für Ordnung auf den Straßen sorgen sollte.

Wakamatsu hat kein Biopic gedreht, dafür ist der behandelte Lebensabschnitt zu kurz und das Desinteresse für Mishimas Privatleben zu groß. Im Fokus stehen dagegen seine Zeit mit Tatenokai, deren Außenseiterrolle im Japan der Aufbruchszeit und die Vorbereitungen auf die große Tat. Denn Mishima war derart besessen von seiner Ideologie, dass er 1970 mit einer Entourage gleichgesinnter Studenten das Hauptquartier der Streitkräfte in Tokio stürmte und sich mit seinem engsten Vertrauten selbst entleibte.

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Ganz anders als die rauschhaften Bildwelten, die Paul Schrader in Mishima: A Life in Four Chapters (1985) beschwor, inszeniert Wakamatsu seinen Film nüchtern, dramaturgisch nur geringfügig zugespitzt und aus einer betont neutralen Perspektive heraus. Der zum Mythos gewordene Autor wird weder idealisiert noch denunziert und auch psychologisierenden Versuchungen widersteht der Regisseur weitgehend. Vielmehr zeigt 11/25 mit sezierender Schärfe, wie sich jemand durch den eigenen Fanatismus zugrunde richtet.

Wollte man gehässig sein, könnte man sagen, der Film sei eine gehobene Form von Geschichtsvermittlung. Kurze Archivaufnahmen und eine Stimme aus dem Off setzen die chronologisch erzählten Spielszenen in einen politischen und historischen Kontext. Mit den Arbeiten eines Regisseurs wie Heinrich Breloer (Todesspiel, 1997) hat das aber kaum etwas zu tun, dafür ist der Blick Wakamatsus zu fokussiert. Wie unter dem Mikroskop beobachtet er eine Welt mit fragwürdigem Ehrenkodex, in der Unterwürfigkeit zum guten Ton gehört und ein Märtyrertod Ehrensache ist. Immer wieder manifestiert sich das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe in hohlen Männlichkeitsritualen: die Fetischisierung von Uniformen und Schwertern, ein militärisches Basistraining oder Kendo-Übungen. Frauen bleiben in diesem testosterontriefenden Milieu – abgesehen von Mishimas Ehefrau, der aber eher eine dekorative Funktion zukommt – naturgemäß außen vor.

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Es ist fast tragisch mit anzusehen, wie Mishima und seine Mannen einem romantischen Samurai-Ideal nachträumen, während sich ihr Land im Umbruch befindet. Als die Gruppe etwa Plakate von protestierenden Studenten zerstört oder eine Diskussion an der Universität für den einst so gefeierten Autor zur bitteren Niederlage wird, zeigt der Film, wie stark sie in der Minderzahl sind. Ihre politische Isolation setzt Wakamatsu konsequent in Bilder um. In fast allen Szenen sind die Männer unter sich, abgeschirmt von der feindlich gesinnten Außenwelt. Die Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf ihren Fanatismus und ihr Scheitern. Selbst während Mishimas Todesrede belässt Wakamatsu die verächtlich johlenden Soldaten fast völlig im Off. Stattdessen sehen wir über mehrere Minuten dem pathetisch brüllenden und gestikulierenden Autor beim Untergang zu. 

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